cmwsm.jpg (5760 Byte)

 

 

Alles Gaga oder was?

Zum neudeutschen Unterhaltungsterrorismus

Mal wieder geht ein Gespenst um in Deutschland - das Gespenst der Komik. Die alten wie neuen Kräfte der Spaß- und Späßchenkultur, Film- und Fernsehmacher nebst Filmsternschnuppen (schnuppe sind die mir schon lange!), aber selbst deutsche Dichter und Denker, haben sich zusammengetan, es zu begrüßen, zu hätscheln, zu pflegen. Es lacht, es witzelt, es grinst, es kichert ... ganz Deutschland fiebert dem Dauerbeschuss immer neuer Pointen entgegen, wenn schon die früher ach so flächendeckend gebombten Tore der Fußballnationalarmee lang vergessen sind. 

Alte Berührungsängste gegenüber dem Flach- und Schwachsinn sind längst verflogen. Galt noch vordem Komik teutonischem Tiefsinn als geistiger Tiefflug, präsentiert sich Komik heute als der Kosmos der Spaßentschlossenen, aus dem es kein gnädiges Entrinnen in eine witzlose Welt geben soll. Nachdem unsere militärtouristischen Bemühungen um Weltbeglückung gründlich missverstanden wurden, regiert jetzt deutscher Witz die wiedervereinigten Brüder und Schwestern im Geiste von Dada bis Gaga.

Deutsch sein heißt bekanntlich nach Altkomiker Wilhelm II., eine Sache um ihrer selbst willen zu tun und so sollte sich der pflichtbewusste Deutsche um des Lachens willen schütteln. Zugleich aber zeigen wir jetzt dem Rest der schäbigen Welt, zu welcher Komik wir wirklich fähig sind, wenn wir unsere preußischen Tugenden gnadenlos auf die Welt als Witz und Verstellung von der Kette lassen.

Unterhalb der Gürtellinie der vormals gemütlichen bis lauen Witzigkeiten derer von Frankenfeld bis Carrell, jenseits der fast hochkulturfähigen Scherze eines Loriot sind uns inzwischen Stefan Raabs parodistisches Klamaukgetöse oder Niels Rufs Tiefschläge allemal wichtiger geworden als unser historischer Anspruch auf politische Grundverarschung als Gleich- und Zugeschaltete der Fernsehgesellschaft. Wir reden jetzt nicht mehr von Subtilitäten, sondern von groben Keilen auf noch grobere Klötze. Auch auf dem Feld des Unterhaltungsterrorismus gilt Panzergeneral Guderians Devise: "Nicht kleckern, sondern klotzen". Alternativ: Nun Volk steh auf und Spaß brich los.

Deutsche Kultur will also witzig sein, was schon für sich Witz genug wäre, wenn nicht inzwischen bewegte Männer, Manta- wie Trabifahrer, hehre Superweiber, politisch korrekte FrauengefängnisinsassInnen, zickigste Tunten und sangesgefährlichste Ossis über das wehrlose Zelluloid kratzten, um noch die kleinste Pointe mit teutonischer bis eben preußischer Gründlichkeit zu erledigen. Die Zotenagenturen sprudeln mehr Anzüglichkeiten aus, als Irmela Marcos weiland Klamotten im begehbaren Kleiderschrank hatte. Zwischen Pointenhoch und "Witz unter" gackert es unaufhörlich, brüllen die duracell-verstärkten (?) Lachsäcke auf den Zuschauerrängen der Studios. Die Klatschorgasmen in Sitcoms und Comedy-Shows, bis dass die Hände schmerzen, sind die joko-logische Fortsetzung mittelalterlicher Selbstgeißelung mit anderen, ungleich härteren Mitteln. Wigald Boning, die Spätpubertät der Republik im PVC-Anzug, machte den Anfang der selbst ernannten Doofen. Alle Macht den Doofen, selbst Alt-RTL-Chef Thoma entblödete kein kulturelles Notstandsprogramm, da mitzuträllern.

Heute quälen Stefan Raab, Berti Vogts Double für TV-Schizos und Dauerinfantiler, Niels Ruf ("nach drei Worten schon ruiniert und somit gänzlich ungeniert") und Dirty Old Harry als härteste Spaßfolterknechte die leidensbereiten Ablacher. Niels´ Ruf im Unterleibssperrbezirk ist so vorzüglich schlecht wie es seinen Kamikaze-Opfern hoffentlich wird, nachdem er kübelweise Zoten über ihre bis zur Kenntlichkeit ausgestellten Weichteile gegossen hat. Aber Promimöchtegerne hält bekanntlich auch die schlimmste Tortur nicht davon ab, ihre Schamgrenze dem öffentlichen Grenzverletzungsverkehr freizugeben, wenn´s um wertvolle Sendeminuten geht, die sie zur Viertelstundenberühmtheit machen könnten. Wie früher chinesische Marterprofis die Füße ihre Opfer zum kichernden Tode kitzelten, wird aber auch das allbereite Publikum so lange angekitzelt, bis es bereit ist, in Tränen auszubrechen, von denen niemand genau zu sagen möchte, welcher freiliegende Spaßnerv dafür zuständig ist.

"Darf Satire so weit gehen?" Halt, die Frage ist erzfalsch. Satire darf bekanntlich nach der Selbstermächtigungsformel Tucholskys alles, d.h. in praxi selbst- und gerichtssachverständlich wenig bis gar nichts. Der posthumoristische Zwangsspaß "Made in United Colors of Germany" hat indes mit Satire so viel zu tun wie eine den Kinobesuch störende Tüte Popcorn mit einem schmerztauglichen Schneidbrenner. Abgesehen von dieser schneidigen Behauptung, die wir vielleicht bei nächstschlechter Gelegenheit dementieren, halten wir dafür, dass Satire den Wahrheitsgehalt fremder Lügen denunziert, während sich neudeutsche Dämlichkeiten im tranigen Sud um die eigene Achse wälzen.

Sigmund Freud hat eine geheime Beziehung des Witzes zum Unbewussten festgestellt, aber der neudeutsche Witz hat eher einen direkten Draht zur kollektiven Bewusstlosigkeit. Es darf bis zur Bewusstlosigkeit gelacht werden, aber hinterm Horizont geht’s sicher noch weiter. Du weißt jetzt nicht mehr, ob Du lachen oder weinen sollst - ist doch so egal wie paradox: Lachen ist gesund und Du lachst Dich also kaputt.

So ringen die zu jedem Spaß entschlossenen Einfallsschoten zwischen Einschlaf- und Einfaltsquoten darum, nicht im televisionären Abseits der Fernbedienung zu stehen. Mit anderen Worten: Der Spaßfall ist der Ernstfall und für diesen Abfall wollen wir gerüstet sein. Angeführt von wiederbelebten Clown-Fossilien um Heinz Erhardt oder Gunther Philipps wartet heute ein kichernder Käfig voller Neu- und Altnarren in Leo Kirchs medialer Sicherungsverwahrung, um immer wieder dem Publikum eingrimassiert zu werden. So wird zwischen Alpenrausch, Bavaria und Ecstasy der Witz zur Droge ohne Reue, Fernsehkomik zum – GEZ, nein danke - kostenlosen Methadonprogramm für laughcoholics.

Dabei laufen Deutsche angeblich Witzen hinterher wie der Hase dem Igel. "Ich bin schon hier" sagt die stachlige Pointe, wenn der Deutsche hechelnd um die Ecke des Verstehens kommt. Ein französischer Witzbold attestierte den Deutschen daher, sie täten sich zusammen, um ein Bonmot zu begreifen. Lang ist´s her. Inzwischen tun sich gar ganze communities zusammen, um eine Pointe nach der anderen im Akkord zu produzieren. Berufszyniker Harald Schmidt etwa verlässt sich auf ungezählte Witzlegionäre, um mit ständig nachmunionierten Leihwitzen diesen oder jenen Feldbusch zu traktieren. Witz ist also Kapital und die fröhlichen shareholder-values der börsengeil aus dem Boden gestampften Witz-AG´s tummeln sich im warmen Hirnwasser von Brainpool. Dax vobiscum! Das hat Karl Marx ganz sicher nicht erkannt, als er vorwitzig das unfröhliche Ende des Kapitalismus prophezeite, der zuletzt am besten lachte. Der Klassenkrampf ist mithin entschieden: Statt Rosa also jetzt Radio Luxemburg. Zwar war der real existierende Sozialismus auch ein hochtouriger running gag – aber ein traurig schauriger auf Kosten seiner paradiesischen Theorie, während "Laugh per Pointe" die neue digitale Fernsehpraxis zu werden droht, die zuletzt eine Theorie braucht, um Spaßjunkies mit der Leimrute zu vög...äh, zu fangen.

Der Unterhaltungsmehrwert einer Pointe gegenüber der tiefer gelegten Festtagskultur unserer Meisterautorenlangweiler, Sonntagsfiedler und drögen Politredner ist indes leicht zu erkennen. Die Leute gucken wenigstens wieder hin, wenn der Fernseher läuft und läuft und läuft. Früher gab´s noch das Wort zum Sonntag für die heiligsten - will sagen eiligsten - Bedürfnisse. Seinerzeit gab Pfarrer Sommerauer unserer Blasenschwäche vor dem Spätthriller eine fünfminutige Ablasschance. Heute noggert sich dagegen noch jede Reklame im allgegenwärtigen Spaßrausch ihre Pointen im Sekundentakt ab, sodass wir die Werbung als wahren und einzigen Sendehöhepunkt nicht für diesen oder jenen Spielfilmfetzen hergeben möchten. Am Rande: Für TV-Werber schmerzliche Pinkelpausen könnten leicht durch Kooperationsverträge mit Programmzeitschriften gelöst werden, die neben der Provider-Software kostenlos Inkontinenzeinlagen ihren bunten Blättern beilegen, damit wir uns ultra-always-anwesend vor Lachen gefahrlos einnässen dürfen.

Mit anderen Worten: Die teutonische Hoch- und Edelkultur ist mal wieder hochgefährdet unterzugehen, weil die bemühten Dämlich- und ihre Herrlichkeiten fest im Sattel des wiehernden Zeitgeistes sitzen. Der "Gagaismus" beherrscht die Legebatterien der Fernsehmacher und hinter der nächsten Pointe sitzt bestimmt ein noch witzigerer Kopf, als wir es uns heute überhaupt vorstellen können. Im "gag as gag can" gilt nur noch der Freistil, das Objekt der Lustigkeiten an der empfindlichsten Stelle zu schütteln, bis es hechelnd, stöhnend, prustend losplatzt. Lustischschkeit kennt also keine Grenzen? Wollt Ihr den totalen Witz, totaler und ridiküler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können? Nein danke, Anke. Dir und Euch allen wünschen wir, dass ihr dahin zurückehrt, wo der Pfeffer, d.h. das Juckpulver säckeweise von den Stauden rieselt, meinetwegen Beppo Brem von deutschesten Edeltannen jodelt und Charleys Tante vom Blauen Bock besprungen wird. Deutschlands Realsatiren zwischen schwarzem Kohl und gelbweißen Welfen, die so Ernst wie August sind, decken unseren schrägsten Hunger auf unfreiwillige Clownpower und täglichen Kalauerbedarf aufs Vor- bis Anzüglichste.

Goedart Palm

 

"Wie kommt es, dass die Zeit die Heiterkeit (gaieté) verloren hat? Das hat seine Ursache in der außerordentlichen Vermehrung unserer Kenntnisse. Mit der Aufklärungswut fanden wir mehr Leere als Völle - und im Grunde wissen wir, dass unendlich viele Dinge, die unsere Väter für Wahrheiten hielten, keine sind, und wir wissen sehr wenig Wahres, das unsere Väter nicht auch schon wussten. Die Leere in unserer Seele und unsere Fantasie - sie ist die wahre Ursache der blasierten Traurigkeit." (Abbé Galiani)


 

Aktuell - Aphorismen - Autor - Bioethik - Email - Galerie - Home - Impressum - Krieg - Literatur - Personen - Rechtsanwaltskanzlei - Satiren - Telepolis

Home Nach oben

 

Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.