Jack the Ripper "revisited"

Jack the Ripper Revisited

© Goedart Palm 

Timewarp: Wentworth Street Junction Bell Lane towards Goulston Street

Die Ermordung von fünf Frauen in Whitechapel, London, von Ende August bis Anfang November 1888 ist in einer makabren Hitliste der spektakulärsten Verbrechen eines Einzeltäters die Nr. 1. „Jack the Ripper“ wurde zur allmächtigen, mythenberauschten Horrorgestalt in jenen schlimmen Wochen im herbstlichen East End. Seine Geschichte, genauer gesagt: seine Legende, wird seitdem unvermindert weiter geschrieben. Das Spezifikum dieser Taten liegt nicht nur darin, dass das Verbrechen als unaufgeklärt gilt. JtR mag als der erste Serienkiller der Geschichte gelten, wenngleich genügend Schlächter auch vor dem 18. Jahrhundert ihr Unwesen trieben. Einige "Ripperologen" haben ihr Leben daran gesetzt, die letzte Gewissheit über die Identität über den Mörder zu erzielen. Zahllos sind inzwischen die Verdächtigen, von denen viele erst lange nach den Taten von immer neuen Lehnstuhlkommissaren in den illustren Kreis aufgenommen wurden. Das vertrackt erscheinende Rätsel provoziert Profis und Dilettanten unvermindert, ihre Hypothesen an jedem Detail des Faktenflickenteppichs zu erproben.

Demnächst werden ultimative Beweise vorlegen....

Diese Überwachungssysteme existierten 1888 noch nicht. 

 

Patricia the Ripper schlitzt Jack the Ripper auf

Zu Patricia Cornwells Vermutungen, dass Walter Sickert der Ripper sei. Die Vorwürfe sind absurd und passen nicht annähernd zum Täterprofil und dessen psychologischen respektive psychopathologischen Voraussetzungen. Ob Frau Cornwells Romane auch so wenig Rücksicht auf psychologische Wahrscheinlichkeiten legen, vermag ich nicht zu sagen. Die Lust, einen ihrer Krimis zu lesen, ist nach diesen wirklichkeitsunberührten Ausführungen zum Ripper, nicht gestiegen. 

Der beste Text zum Thema Ripper ist von Robert House vorgelegt worden: Jack the Ripper and the Case for Scotland Yard's Prime Suspect. Kein anderer Ripperologe hat die psychologischen Dimensionen erreicht, denen House nachspürt. Wer den Ripper kennen lernen will, sollte sich bei House informieren. Die Karten stehen schlecht für Aaron Kosminski. Es gibt aber bei noch einige weitere Indizien, die bei House nicht auftauchen und die sich zudem der Ripper-Literatur entziehen, weil die meisten Ansätze viel zu hemdsärmelig daherkommen, ohne die psychologischen Momente genauer zu fixieren. Das Mosaik lässt sich nur über das Thema Schizophrenie vollenden. 


Mörder hautnah

Vom Umgang der virtuellen Öffentlichkeit mit Verbrechen

 

Jack the Ripper No Photo available

Eine Photografie von Jack the Ripper existiert wahrscheinlich nicht. 

Russell Edwards solved the puzzle (10.09.2014) 

Nachdem ich sämtliche wichtigen Darstellungen zu den Ripper-Morden gelesen habe, ist für mich erwiesen, dass Russell Edwards definitiv die Lösung gefunden hat. Die DNA-Untersuchungen an diesem Objekt sind eindeutig. Einige Kritiker übersehen, dass das Objekt selbst für den Fall, dass die Provenienz ungesichert wäre, eine Sensation bliebe. Wie anders sollen DNA-Spuren von Kosminski-Nachfahren und des Opfers  Catharine Eddowes auf diesen Schal gelangt sein? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Schal mit solchen Spuren findet, ist, selbst wenn man den ganzen rekonstruktiven Hintergrund, insbesondere der verschlungenen Wege der Tradierung dieses Beweisstücks, ausblenden würde, so gering, dass der Schal für sich betrachtet schon Beweis genug wäre. 

Die "Michelmas Daisies"-Ausführungen sind genial und höchst plausibel, weil Schizophrene wie Aaron Kosminski stark dazu tendieren, semantisch-symbolische Bezüge herzustellen. Wer sich selbst für Gott hält bzw. glaubt, mit ihm in unmittelbarer Kommunikation zu stehen, mag sich auch leicht für den heiligen Michael oder dessen Gefolgsmann halten, das "Werk des Herrn" zu vollstrecken. Doch diese Bezüge braucht es gar nicht, um diesen Sensationsfund vor alle anderen ripperologischen Erkenntnisse zu stellen.

Der Kommentar der FAZ (Gina Thomas) vom 08.09.2014 zu diesen neuen Erkenntnissen in der Ripper-Sache ist dagegen unangemessen, weil keinerlei Evaluation gegenüber den zahlreichen unsubstantiierten Beiträgen zur Ripperforschung in den letzten Jahren geleistet wird. Es ist nicht "wieder einmal" ein Ripper entlarvt worden. Edwards` Darlegung ist nach mehreren Seiten hin abgesichert. Alle alternativen hypothetischen Kausalverläufe zur Herkunft des Schals und der Täter-DNA sind abwegig. 

Im Übrigen sollte nach wie vor nicht verkannt werden, dass mehrere Vertreter von Scotland Yard ohne zu zögen, Aaron Kosminski als Täter bezeichnet haben.  Melville CID Leslie Macnaghten schrieb in seinem Memorandum über den Verdächtigen Kosminski: "He had a great hatred of women, specially of the prostitute class, & had strong homicidal tendencies: he was removed to a lunatic asylum about March 1889. There were many circumstances connected with this man which made him a strong 'suspect'." Auch wenn das Ungenauigkeiten aufweist, ist der Kern der Aussage klar. Es muss Zeugenaussagen oder Vernehmungsprotokolle gegeben haben, die eindeutig belegen, dass sich der Hass von Kosminski gerade auf die einschlägige Opfergruppe bezog. "Homicidal tendencies" ist eine Feststellung, die Macnaghten sicher auch  nicht erfunden hat. Der Umstand, dass keine korrespondierenden Belege bisher vorgelegt wurden, spricht nicht gegen Machnaghtens Aussage. Es handelt sich hier um eine skizzierende Zusammenfassung von Ergebnissen, der höchste Bedeutung zukommt. Da nun die beiden Polizeibeamten Donald Swanson und Robert Anderson denselben Namen nennen, muss man bereits zu sehr abgelegenen Hilfshypothesen greifen, um diese Nennung zu relativieren. Auch hier geht es um die typische Natur einer Erinnerung, die Kerninhalte angibt, aber bei Daten fehlerhaft sein mag. Diese "base-rate"-Überlegungen runden die Darlegungen von Russell Edwards ab. Zuvor war Robert House auf anderen Wegen zu demselben Ergebnis gekommen. Die Kritiker dagegen bescheiden sich auf angebliche Namensverwechslungen: Der "John Doe" Martin Fidos ist unplausibel. Unplausibel sind auch die Unterstellungen über die angebliche Mentalität Kosminskis, die Gewaltexzesse unmöglich machen. Es bleibt bei der Überlegung, dass Informationen und Erinnerungen in einer Bedeutungshierarchie stehen und häufig Nebenaspekte überbewertet werden, was in der Forensik eine geläufige Erscheinung ist. 

Es ist im höchsten Maße verdienstvoll, dass nach zahllosen Irrungen und Wirrungen von vielen  - vor allem forensisch - völlig unzulänglichen Theoretikern nun die erste schlüssige, wissenschaftlich abgesicherte Version zu den Ripper-Taten vorliegt. Die Kritik an Russell Edwards belegt indes womöglich, dass das Rätsel nach wie vor erhalten werden soll, weil dieser Mythos als ungelöster eine höhere Anziehungskraft besitzt als ein eindeutiger Beweis, der den Täter nicht länger zum Spekulationsobjekt macht. 

Nicht nachvollziehbar bleibt, dass Scotland Yard die Originalakten des Falles nicht zur Verfügung stellt. Trevor Marriott versuchte letztinstanzlich vergeblich Akteneinsicht zu erhalten. Der Hintergrund für die Weigerung ist, dass Informanten nicht mehr Scotland Yard vertrauen könnten, wenn ihre Identität preisgegeben würde. Vielleicht wäre die Entdeckung von Russell Edwards, an der Scotland Yard nach seiner Aussage interessiert sein soll, nun ein Anlass, die Geheimhaltungspolitik zu relativieren. Immerhin sind nach mehr als 125 Jahren Persönlichkeitsrechtsverletzungen oder Vertrauensbrüche doch eher unwahrscheinlich. 

Russell Edwards solved the puzzle? Absolutely! 

 

© Goedart Palm 

St. Botolph's Church in der Aldgate High Street. Die Kirche war bekannt als die Kirche der Prostituierten, weil hier der Bezirk war, Kunden zu finden. Hier wurde Catherine Eddowes in der Nacht des Mordes gesehen. Sie war am 29. September 1988 so betrunken, dass sie gegen 20.30 Uhr vor der Kirche zusammengebrochen von der Polizei in der Bishopsgate Police Station kurzfristig arrestiert wurde. Kurze Zeit später,  gegen 1 Uhr am 30. September 1888,  wurde sie entlassen. Gegen 1:30 Uhr wurde sie noch von Zeugen gesehen und unterhielt sich vermutlich mit dem Täter. 

 

© Goedart Palm 

  Bishopsgate Police Station

 

 

Goulston Street Graffito

© Goedart Palm 

Goulston Street Graffito 2012

Wenige Meter von jenem Ort 

mit dem berühmten Kreidegraffito "The Juwes are the men that will not be blamed for nothing" entfernt. Die Stelle sieht auch so "geeignet" aus. Dunkel, mazelike, ghastly. 

(Mediale Interferenz: Was heißt hier "Back Again"?)

 

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 21. September 2014.