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Romy Schneider

Alice Schwarzer

Nicht nur Lady Di, auch Romy lebt! Sissi, die Kindkaiserin mit dem unverbrauchten Charme der Mini-Playback-Show ist so herzallerliebst, dass wir ihr den triefenden Mythenkleister nicht nur verzeihen, sondern in endlosen Wiederholungen immer wieder unsere tristen Sonntagnachmittage damit bestrahlen. So schön, so unschuldig ist keine inszenierte Blaublütige je gewesen. Immer wenn der Mythos über den Menschen hinauswächst, kommt die Rückfrage: Wer war sie wirklich?

Zeichnung: Konstanze Palm 

Alice Schwarzer, von der streitwilligen Kampfemanze zur selbstbewussten Denkmalsetzerin starker Frauen Gewandelte, will diese Frage beantworten. Sie zeigt die Metamorphose der Unschuld zur Charakterdarstellerin, die Charakter besitzt und ihn deshalb nicht spielen muss. Aber nach Schwarzer hätte alles anders kommen können, wenn Romy nicht ins Prokrustesbett männlicher Chauvis gedrängt worden wäre, wenn die Übermutter Magda Schneider ihre Tochter nicht zur züchtigen Ikone des deutschen Films deformiert hätte. Romy blieb nicht Sissi. Wider die eigenen Ursprünge wollte sie beweisen, dass sie nicht nur der Blütentraum einer ehrgeizigen Schauspieler-Dynastie war, sondern auch dem Leben als respektable Schauspielerin gewachsen war, reife Kindfrau einer Kinozeit, die dem Kitschzelluloid entstieg, um wieder zum Leben zu finden.

Sie wandelte sich zur verruchten Komplizin Piccolis im Trio infernale, erlag dem wilden Schaf Jean Louis Trintingant und wurde zur begehrten Femme fatale des französischen Lifestyle-Kinos. "Existenzialismus light" wurde Romys zweiter Heiligenschein. Späte Sternstunde im deutschen Talk-Fernsehen: Romy berührt Burkhard Driests linken Arm und stellt fest: "Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sehr." Dass nun ausgerechnet der Sensiblen, ja Unnahbaren der Vorzeige-Rohling der siebziger Jahre gefiel, holte uns vom Fernsehhocker in die Wirklichkeit zurück. Romy, die Anarchistin wider jede Wahrscheinlichkeit ihrer von Muttern gegängelten Kindheit? Alice Schwarzer sagt nein, sie ist unzufrieden mit Romys Ausreißversuchen. Sie kritisiert Romys Willfährigkeit, sich den Wünschen der Machos, insbesondere der Protagonisten des großen Männerkinos wie etwa Orson Welles oder Luchino Visconti zu unterwerfen. Romys tragische Reise zwischen den Extremen, die nach der Biographin untergründig von Männerphantasien verschweißt sind, wird minutiös anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen rekonstruiert. Nach Schwarzer belügt sich Romy selbst, wenn sie zur Frau an der Seite von Alain Delon wird, wenn sie von den Projektionen der einflussreichsten Filmpotentaten eingeholt wird, wenn sie ihr Starleben mit rosarotem Zuckerguss glasiert.

Schwarzers Romy-Recherche der verlogenen Zeit präsentiert ein Frauenschicksal, das weniger vorbildhaft als exemplarisch in einer Welt erscheint, die auch Märchenprinzessinnen in das Klimakterium der Schicksalsjahre und bald schon in den Tod schickt. Das Leben ist also doch ein Film - zumindest wenn "Frau" Romy Schneider heißt.

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.