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Nachträge zur CyberMedienWirklichkeit

Smartworld: Das Schlaraffenland im Zeitalter seiner virtuellen Reproduzierbarkeit

 „Der Mensch hat gar keine Lust am In-der-Welt-Sein. Das, wozu er Lust hat, ist das Sich-Wohl-Befinden.“[1] (José Ortega y Gasset)   

I. Die Welt im immer(ge)währenden Welcome-Modus  

Pieter Breughel d.Ä. präsentierte 1567 seinen Zeitgenossen ein Land jenseits der Hungersnöte, die ihnen zu geläufig waren, auf diese Weise: Schlaraffen unter Bäumen liegend, den Bauch gut gefüllt, Natur ohne Stachel, die Welt zumindest als Faulenzer- und Fressparadies instantan verfügbar. “Lass von Epikur dir sagen: Satter Bauch schafft Wohlbehagen.”  

Die technologisch hochgerüstete Konsumwelt, unsere Welt der neuen Bequemlichkeitsversprechen variiert diese Primärfantasie des saturierten Menschen im neuen Techno-Epikureismus. Schlaraffen liegen längst allerdings nicht mehr nebeneinander unter Bäumen, sondern sind telepräsent und teleaktiv. Sie bewegen sich von sprechenden Haustüren bis hin zum personalisierten Internet-Portal in einer Welt des immer währenden Willkommens, verfügen in interaktiven Räumen über unzählige Smarttools zur Wunscherfüllung. “Wearables”, Computer als Kleidung, sollen ihren menschlichen Trägern nicht nur die Kommunikation erleichtern, sondern plädieren für das schwerelose Leben im Datenraum, der den Realraum überlagert bzw. durchdringt. Das Verschwinden sperriger Technologie aus dem Leben ist eine Kondition, die der Allgegenwart und Aufdringlichkeit der frühen Industrialisierung  durchaus fremd ist.  

II. Die Naturbeherrschung der Erlebnisgesellschaft  

In der neuen Naturbeherrschung durch Technik, zumindest aber in ihren Versprechungen, wird nicht weniger verfolgt als die Austreibung der Natur zu Gunsten einer technologisch abgesicherten Verfügbarkeit von Welt. Das gilt nicht nur für die Telematik, die aufwändige Körperbewegungen ersetzt und paradigmatisch in jener beseelenden Werbung für ein Internet-Modem zum Ausdruck kommt: "Smart, leicht und sexy". Auch Freizeit- und Themenparks mit immer besonnten Kunststränden oder kunstschneebedeckten Abfahrtspisten simulieren eine Natur, die sich ihrer Unberechenbarkeit entwunden hat, gleichermaßen unmittelbare Funktion und schmerzfreie Ästhetik garantiert. Der Universalismus der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung in künstlichen Umwelten ist zum dominanten Erlebnisstandard der Gesellschaft geworden.  

Naturbeherrschung ist schon in der Frühzeit durch die Rivalität des Menschen mit der Natur geprägt.[2] Mit immer größeren Siegen über natürliche Unbotmäßigkeiten folgt der Mensch dem „Prinzip Hoffnung“, das Paradies, mindestens aber seinen süßen Vorgeschmack, schon im Diesseits Menschen verfügbar zu machen. “Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung mit ein”, warnte Max Horkheimer[3] und formulierte damit eine Gesellschaftskritik, die nicht nur den Marxismus, sondern diverse technopessimistische “Leid-Motive” prägte. Einen geläufigen Ausdruck fand die Unterwerfung des Subjekts unter eine schlecht oder nicht beherrschbare Technik etwa in Charlie Chaplins “Moderne Zeiten” (1936) oder ähnlich in Jacques Tatis antimodernistischer Anklage „Tatis herrliche Zeiten“ (Original: Playtime, 1967). Danach wird der Mensch von seinen Maschinen, Apparaten und ihren enttäuschten kybernetischen Versprechen erfasst. Jacques Tati beerdigt den Fortschritt in der Metapher des Kreisverkehrs, der kein echtes Fortkommen mehr verheißt.   

Die Beherrschung der Natur im Menschen selbst, die Horkheimer beobachtete, erscheint wie eine vorgeschichtlich aufgebürdete Hypothek, die im Laufe der menschlichen Naturaneignung abbezahlt wird, um wieder in das Paradies des nicht vergesellschafteten, von symbolischer und realer Herrschaft erlösten Menschen zu gelangen. Der schmerzliche Prozess der Unterdrückung der inneren Natur, um dieses soziale Großprojekt umfassender Naturbeherrschung zu Ende zu führen, ist ein geschichtlicher Abschnitt, dessen Ende nicht mehr in der Auflösung von Klassengesellschaften oder der Kollektivierung der Produktionsmittel gesehen wird. Sollten wir in einem künstlichen Reich virtuell willfähriger Objekte von sinnloser Arbeit, Mühsal und allen übrigen Zwängen befreit werden? Hat nicht gerade die Anpassungsfähigkeit der Technik, ihre Geschmeidigkeit gegenüber menschlichen Bedürfnissen, ihre ergonomische Einrichtung zu Gunsten der menschlichen Physis sich als das mächtigste Motiv ihrer Schöpfungen jenseits ideologischer Verfassungen erwiesen? Sind die behebbaren Verfehlungen der Maschinen, Apparate, Gadgets nur ein notwendiges Durchgangsstadium vollständiger Ablösung der Natur in einer durch und durch artifiziellen Welt, die sich wie eine zweite, diesmal aber schmerzfreie Natur mit dem Menschen verbindet? Das neue Prinzip Hoffnung läge dann nicht mehr im Glauben an die Aufklärung des Menschen im Umgang mit der von ihm geschaffenen Natur, sondern im Potenzial der technischen Konstruktionen, sich immer störungsfreier in die menschlichen Lebensvollzüge einzurichten.  

Die Versprechen der Technologie wurden bisher in der Tücke des Objekts, in der "Rache" der Technik, in den diabolischen Katastrophen der kleinen und großen Helfer immer wieder enttäuscht. Wäre dagegen die echte kopernikanische Wende erst jene, die den Menschen von seinen schöpferischen Allmachtsfantasien befreit, um ihn wirklich zum Subjekt der Technologie werden zu lassen? Der Mensch begibt sich seines Anspruchs auf Naturherrschaft, die ihn auf Jahrtausende immer wieder in die unbefriedigende Dialektik von Herrschaft und Beherrschung geschickt hat und er vertraut darauf, dass die “zweite Natur” die erste vollständig verdrängt. Die Frage des Vernunftgebrauchs ist dann nicht länger Angelegenheit des so fehlsamen transzendentalen Subjekts, sondern vertraut sich den mächtigeren Agenten einer selbstläufigen Technik an: "Die Computerrevolution besteht im wesentlichen darin, dass die Last unseres zukünftig zu produzierenden Wissens über die Welt von den menschlichen Köpfen auf künstliche Maschinen übergeht."[4] In dieser Revolution liegt noch keine Morallehre, die auf posthumane Zustände einer darwinistischen Maschinenwelt vertraut, auch nicht auf Menschenparks oder andere Supertechnologien, die den Menschen mit der natürlichen Evolution austreiben. Die Verdrängung der unbotmäßigen Natur wäre nicht länger nur ein instrumentelles Begleitprogramm des immer aufgeklärteren Menschen, sondern das primäre Ziel der Welterschließung im Selbstvollzug der Technik, von der José Ortega y Gasset gesagt hat, sie sei die „Erzeugung des Überflüssigen“[5].  

III. Die Glücksversprechen der Virtualität  

"Instantaneität" und “Usability” sind die großen Glücksversprechen der virtuellen Frühzeit, nachdem die ideologischen Weltentwürfe des besseren Lebens, die großen Utopien, aber auch die kleinen Erzählungen und Dekonstruktionen so stumpf bis nichtssagend geworden sind. Hatten Utopisten jedweder Provenienz nie behauptet, dass der Weg zum Heil eben sei, wird heute das Versprechen der mühelosen Welterschließung zum lauttönenden Warenzeichen von Smartlife. Wunder dauern zwar auch in Zeiten virtueller Instantaneität etwas länger, aber das Ende der Mühsal, der Konsum jenseits der Arbeit, die Austreibung widriger Natur sind nun Programm. Meinte Lenin noch den Kommunismus als "Sowjet plus Elektrifizierung" definieren zu können, um damit wenigstens die Grundlage für ein menschengerechtes Reformdesign zu begründen, wenn schon die Reform des Menschendesigns auf sich warten ließ, gilt jetzt: Ergonomie statt Ideologie, Konsum statt Arbeit, Instantaneität statt Triebaufschub, Funktion statt Zweck. Eine virtuelle Urbanität soll alle menschlichen Versorgungswünsche, so intrauterin und uneinlösbar sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, unmittelbar befriedigen. In der Standardisierung des Bequemlichkeitsniveaus werden auch die Grenzen zwischen "Heimat" und „Fremde“ unkenntlich gemacht. Wir richten uns nicht mehr in der Fremde ein, sondern die Fremde wird so eingerichtet, dass sie ihre Differenz, ihre überschießenden Erfahrungs- und Erlebnisgehalte verliert. Andy Warhol hielt McDonalds für das an jedem Ort der Welt Schönste. Und nirgends sonst liegt das Erfolgsrezept der Willkommenswelt in der relativen Unabänderlichkeit der stereotypen Szenarien. So bietet dieser neokoloniale Touristenstandard selbst in Hungerländern eine moralisch weit gehend unberührte Welterschließung, die keine Erfahrungsbrüche und Bequemlichkeitsverluste mehr zulassen will. Während die Gesellschaftstheorie den Verlust des Einheitsprinzips beklagt, ist der Universalismus der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung längst zum Erlebnisstandard der Weltgesellschaft geworden - eben des Teils dieser Gesellschaft, die es sich leisten kann.  

„Usability“ in diesem weiten Sinn eines ideologiefreien Glücks macht sich indes längst verdächtig, den Gebrauch des Gebrauchs wegen, die Funktion der Funktion wegen zu propagieren. Der Zweck heiligt jedenfalls nicht die Mittel, wenn Kinder sich an den Klingeltönen ihrer Handys erfreuen, CDs mit ein paar Hundert "Gratis-Top-Tools" an den User ausgeliefert werden. Fast möchte man schon an die Geburt des Virus aus dem Geist des Virenscanners glauben, wenn es nicht anlässlich des "I-love-you-Virus" von den einschlägigen Softwareproduzenten so einmütig dementiert worden wäre. Die Fetischisierung des Gebrauchs um des Gebrauchs willen erleben wir etwa in der neuen SMS-Herrlichkeit. So werden die rasenden Kurzformeln von Liebe und Alltäglichkeit ausgetauscht, ohne uns glauben zu machen, die Kommunikation mit Hilfe dieses paramilitärischen Blitzinstruments wäre je mehr als sekundär gegenüber der einen aufdringlichen Botschaft: Es funktioniert!  

Weniger scheint hier aber das Medium die Botschaft zu sein als seine zweckfreie Funktion der Beweis für die Verfügbarkeit der Welt. Auch die schon länger grassierende Handy-Manie zielt nicht auf die kommunikativ entfesselte Gesellschaft, die sich der vormals beschworenen Vereinzelung der Großstadtexistenzen zu entziehen scheint, sondern auf das verzögerungslose Glück, Herr über tausend und mehr Funktionen zu sein. Die neue Unübersichtlichkeit des Funktionenreichtums überkommt uns aber - den Werbeversprechen gemäß - nicht als Plage, als informationstechnologisch zu behebender Missstand, sondern als die vorläufig letzte Transzendenz einer nicht länger metaphysisch rückversicherten Welt.  

Wenn ein neues Menschenrecht für spätmoderne Zeiten genannt werden müsste, dann hat das Recht auf instantane Befriedigung die größten Chancen, in eine virtuelle Menschenrechtsverfassung aufgenommen zu werden, da es ja hier um nichts weniger als die zukünftige Verfassung des Menschen selbst geht. Das ist aber nicht länger der aufgeklärte Mensch des aufrechten Gangs, sondern das technologisch rundumversorgte Wesen, das bis in die biologischen Widrigkeiten seines Körpers das perfekte In-der-Welt-Sein verlangt. Martin Heideggers "Sorge um sich selbst" hat sich damit scheinbar in der technisch abgesicherten intrauterinen Glückseligkeit endgültig erledigt.  

1883 "widerlegte" Paul Lafargue das "Recht auf Arbeit" mit seiner kleinen Abhandlung "Le droit a la Paresse" (Das Recht auf Faulheit). Der Schwiegersohn von Karl Marx und Vorkämpfer des Marxismus in der französischen Arbeiterbewegung konstatierte eine seltsame Sucht der Arbeiterklasse aller Länder: Die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Lafargue glaubte, dass alles individuelle und soziale Elend einer unseligen Leidenschaft für die Arbeit entstamme. Die blinde, wahnsinnige und menschenmörderische Arbeitssucht habe die Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument zur Knechtung freier Menschen umgewandelt. Das gleichwohl in keiner Verfassung je verankerte Recht auf Faulheit mutiert jetzt zu dem Recht auf die verzögerungslose Verfügbarkeit der Welt. Die Touchscreenwelt zwischen vollautomatisiertem Restaurant, avatarieller Internetbegleitung, emotional äquilibriertem Smartheim und biotechnisch aufgerüstetem Körper duldet keinen Aufschub. Frustrationstoleranz wird in den Visionen der Bequemlichkeitswelt nicht länger gewährt, obwohl bekanntlich die "körperliche" Züchtigung von Heimrechnern noch als Überlaufventil des vor der Technik erliegenden Nutzers gilt und sich insoweit auch der Aneignungsterminus “Personal” Computer erklärt.   

Die vormaligen Gesten des Müßiggängers, des Dandys mit der Schildkröte, der um die zweckfreie Wahrnehmung besorgten Flaneure des 19. Jahrhunderts richteten sich gegen das vorgeblich menschenverachtende Tempo der frühindustriellen Urbanität. Hier regte sich früher Widerstand des gemächlichen Körpers gegen eine technisch beschleunigte Zeitherrschaft, die dem Menschen immer neue Eigenzeitverluste abforderte. Die neue Bequemlichkeitswelt dagegen setzt gerade auf eine beschleunigte Technik, um das Menschenrecht auf Instantaneität schon morgen einzulösen. Vom Knopfdruck zum Erfolg, vom virtuellen Reißbrett zum Realisat verliert die Welt- und Naturbeherrschung ihren mühseligen Aneignungsmodus zu Gunsten eines allgegenwärtigen Welcome-Modus, der während einer Lebenszeit nicht mehr unterbrochen werden soll. Es ist kein emotionaler Platz mehr für Widerstände der Natur, für unberührte Oberflächen, für quälend uneinlösbare Wünsche - es sei denn, sie sind kurzfristige Ausflüge in die Natur mit der jederzeitigen Garantie zurückzukehren. Das neue Einvernehmen mit der Welt zielt letztlich auf die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spannungen, die jeden klassischen Weltbezug immer unabsehbar machten. Sensible bis servile Benutzeroberflächen begegnen uns daher im aufdringlichen Höflichkeitsmodus - so unerträglich erträglich wie der devote Roboter im "Bicennitential Man". Die elektronische Freundlichkeit nimmt uns auch noch den letzten Glauben, dass das servile Ding ein gut maskierter Widersacher des Menschen in seinem "Lebensglück-Haus"[6] sein könnte.  

Tools mit funktionalen und ergonomischen Versprechen ersetzen jene Gesten, die zuvor erlernt werden mussten, um den Widerstand der Objekte zu brechen, sie geschmeidig und beherrschbar zu machen. Die gestische Verarmung von Kindern bis hin zur Unbeweglichkeit des telemobilen Herrschers scheint es überflüssig zu machen, noch länger ein sinnhaftes Repertoire von Gesten zu ermitteln, die in einer Lebenszeit erarbeitet werden müssen. Ohnehin sind die vormaligen Demarkationslinien zwischen Maschine und Mensch in so unabsehbare Bewegung geraten, dass der Unterschied zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit selbst künstlich wird.  

So sitzen inzwischen in dunklen Kinoräumen SMS-Gläubige, die blind ihre Botschaften in winzige Manuale tippen, als müsse der Beweis geführt werden, dass die Telefonie von der beiläufigsten Telepathie bereits ersetzt wurde. Aber welcher Gestus, welche Beherrschungsweise besitzt in einer rasenden Apparatekultur überhaupt noch eine erträgliche Halbwertszeit? Vilém Flussers Plädoyer für eine Phänomenologie der Gesten, um einen neuen Freiheitsmodus zu entwickeln, droht vergeblich zu sein, wenn jede sinnorientierte Einrichtung ins Bestehende nur noch die Antiquiertheit des Users anzeigt.  

Gegenwärtig sind Verluste des Körpergefühls, Systemabstürze, Abhängigkeitsgefühle der Users allerdings weiterhin diabolische Störfaktoren der elektronisch generierten Willkommenswelt. In der Autonomie der Knopfdruckherrschaft wurde eine simple Dialektik eingebaut: Je mehr Beherrschungssysteme Menschen autonom machen, je abhängiger wird der Mensch von eben diesen Systemen und ihren Störungen. Mit dieser verstörenden Autonomie verbindet sich die wachsende Autonomie der digitalen Zauberlehrlinge. Ihre Eigenwilligkeit, nicht länger als Tücke des Objekts zu verharmlosen, emanzipiert sich zusehends zur Autonomie gegenüber ihren Herrschern.  

Während wir uns im Versprechen der Softwareherrscher und Smarttoolproduzenten im Welcome-Modus wähnen, provoziert dieser Modus längst unsere Gemächlichkeit: Es ist so unbequem, in bequemen Verhältnissen zu leben, weil unser Handeln permanent gefordert ist. Weniger information overload als die immer provozierte Reaktion auf die Anmutungen der Bequemlichkeitstechnologien wird zum Problem. In dieser Allverfügbarkeit wird die Ansprache durch die elektronischen Helfer zum Zwangsgespräch mit einer Technik, so human und benutzerfreundlich sie auch vordergründig erscheint.  

Schon regt sich daher in der durch Tools und Gadgets aufgezwungenen Immobilität der Widerstand gegen die Widerstandslosigkeit der so smart gewordenen Umwelten. Völlige Reibungsverluste erfüllen sich zuletzt nur in der Existenzlosigkeit. Allein Tote sind eben nicht leidend. Folgerichtig werden die Widerstände der Natur, ihre raue Unwirtlichkeit, ihre abweisenden Seiten inzwischen beschworen, in den neuen Extremsportarten von "rafting" bis "free climbing" hofft der zur Bequemlichkeit verurteilte Konsument auf die Wiederkehr der ausgetriebenen Wildnis. Alle diese Revisionen und Beschwörungen der verdrängten Natur sind Simulationen, die sich nicht länger in zweckhafte Lebensvollzüge stellen: Der zweckfreie Körperpalast im Bodybuilding, die zwecklose Geschwindigkeit im Sport. Nicht von ungefähr wirbt Wolfgang Petersens Miniaturapokalypse "Der Sturm" mit dem Slogan: "Natur ohne Gnade". Das zielt nicht mehr auf das romantisierende "Zurück zur Natur" Rousseaus, auf die Geborgenheit, die die Natur spendet, sondern auf die alte hässliche, weder durch Muskelkraft noch Technologie zu domestizierende Natur. Nicht die kleinste Ironie liegt jedoch darin, dass auch diese cineastischen Wildheit wesentlich virtuell generiert wurde.  

Folgerichtig lassen auch die Animations- und Spieleindustrien die Feindseligkeit der Welt wieder zum Unterhaltungsprogramm werden. Auf die Austreibung der Natur, auf den tendenziellen Verlust ihrer realen Bedrohungen antworten nun virtuelle Monstrositäten und Höllen. In der bemühten “Alienisierung” des Virtuellen an den allgegenwärtigen Orten des Massakers von Quake III, Doom bis Counterstrike wird das endlos repetierte Konsumversprechen "You are welcome" spielerisch und vor allem schmerzfrei geleugnet, um es damit gerade als alternativenloses "In-der-Welt-bequem-Sein" zu bestätigen.  

Denn nie wird bei den Gegenbewegungen wider Smartworld die Einrichtung in der Welt, ihre Verbequemlichung in Zweifel gezogen. Auch der Cyberspace, politisch, sozial, ökonomisch und moralisch gefordert, läuft Gefahr, zum Land einer fragilen Freiheit zu werden, die auf der Schwundstufe der freien Verfügbarkeit niedrig gehalten wird gegenüber den bürgerlich-revolutionären Visionen, als die barbusige Freiheit noch mit einiger Anstrengung auf die Barrikaden ging.  

Heute gilt schlaraffisch: freeware, freemail, freenet, freecall, free download. So werden die Freewareangebote zu digitalen Ködern für User, denen die vormaligen Differenzen von Kauf- und Tauschgesellschaft, Arbeits- und Freizeitgesellschaft nichts mehr gelten. Ecommerce denunziert selbst den "unit act" der Wirtschaft, die Zahlung für eine Leistung, um die ganze Welt als Präsent des Konsumenten vorzustellen. 25 Email-Adressen als Beipack des Flatrate-Tarifs stillen aber nicht den richtungslosen Kommunikationshunger des Users, sondern sind die Quittung für den Schlaraffengeist, der die bequeme Funktion sucht, was immer auch sie zu bewirken vermag.  

Die Smartphilosophie des Netzes kompensiert, was in den noch nicht virtuell befriedeten Orten von "real life" nur über tausend Widerstände erreichbar wäre. In Internet und „Digital Business“ entstehen fortwährend vermeintliche Entschädigungsinstanzen für die Widrigkeiten einer realen Entbehrungsgeschichte, der nun endlich schwerelose Existenzen folgen sollen. "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" - könnte zum virtuellen Imperativ von Smartworld avancieren.  

Die Alternativität von künstlichen Umräumen ist ein altes Künstlerthema. Ob bühnenhafte Barockgärten, Kurt Schwitters „Merzbau“, frühe Fernseh-Environments von Nam June Paik, alle diese artifiziellen Umräume zielten immer auf das Imaginäre, wollten den verdrängten Traum oder das Begehren retten, die in der schnöden Ausgangswelt wegrationalisiert wurden. Jean Baudrillard sprach noch vom funktionellen Rausch, in dem die alltäglichen Gegenstände vom Imaginären erfasst werden. Smartworld verwandelt sich demgegenüber in eine luxurierende Angebots- und Befriedigungswelt, die nicht länger auf das Imaginäre nur spekuliert. Die gewährende Natur wird unabänderlich in eine überquellende Techniknatur verwandelt, die das Imaginäre mit dem Realen verschmelzt. Das Objekt von Smartworld ist danach auch nicht das "objet révolté" der Kunst, das als museales Readymade sich aus seinen Funktionszusammenhängen befreite, sondern das polyfunktionale Instrument, das alle Glücksversprechen dieser Erde zusammenfasst. Vielleicht bauen wir also weniger an einem "global brain" als an einer technobuddhistischen Wunschmaschine, die uns in den intrauterinen, aber bewusstseinsschwachen Zustand immer währenden Wohlbefindens zurückführt.  

[1] José Ortega y Gasset, S. 445 ff. (458).

[2] Dazu Lewis Mumford (1977), S. 561 ff.

[3] Max Horkheimer (1985), S. 94.

[4] Edward Feigenbaum und Pamela McCorduck, zitiert nach Bruce Mazlish (1998), S. 281.

[5] José Ortega y Gasset, aaO., S. 459.

[6] Ray Bradbury (1977), S. 15 ff. 


 

 

Von der Materie geblendet...Die Wahrnehmung der Materialität als Hindernis, virtuelle Wirklichkeitsdimensionen zu verstehen. 
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Virtualpin
Murano 

Virtualpin ist ein Bild ohne Präzedenz, eine Alpenfantasie ohne Fotovorlage, durch diverse Malfilter entstanden, assoziativ, aber nicht zufällig...ich habe zahlreiche dieser Bilder "gemalt". 

Murano ist aus einer anderen Serie, die von paperweights ausging, um ornamentale Strukturen zu untersuchen. 

"Alles in unserem Kopfe ist dem Zwang des Augenscheins unterworfen; wir sind nicht für die Wahrheit geschaffen, und die Wahrheit geht uns nichts an. Die optische Täuschung allein soll man erstreben." (Abbé Galiani)
"Wie kommt es, dass die Zeit die Heiterkeit (gaieté) verloren hat? Das hat seine Ursache in der außerordentlichen Vermehrung unserer Kenntnisse. Mit der Aufklärungswut fanden wir mehr Leere als Völle - und im Grunde wissen wir, dass unendlich viele Dinge, die unsere Väter für Wahrheiten hielten, keine sind, und wir wissen sehr wenig Wahres, das unsere Väter nicht auch schon wussten. Die Leere in unserer Seele und unsere Fantasie - sie ist die wahre Ursache der blasierten Traurigkeit." (Abbé Galiani)

 

Alexander Moszkowski

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.