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Untiefen der Netzbewegung

Annäherungen an einen unheimlichen Zustand

© Goedart Palm 


"Geister ohne eine Welt außer ihnen müssen seltsame Geschöpfe sein, denn da von jedem Gedanken der Grund in ihnen liegt, so sind die seltsamsten Verbindungen von Ideen allzeit recht. Leute nennen wir rasend, wenn sich die Ordnung ihrer Begriffe nicht mehr aus der Folge der Begebenheiten in unsrer ordentlichen Welt bestimmen lässt, deswegen ist gewiss eine sorgfältige Betrachtung der Natur, oder auch die Mathematik das sicherste Mittel wider Raserei, die Natur ist so zu sagen das Laufseil, woran unsere Gedanken geführt werden, dass sie nicht ausschweifen." (Lichtenberg, Heft A, 111).

1. Wem Gott will rechte Gunst erweisen...

Online-Leben pendelt eigenartig zwischen Behaglichkeit und Unbehaglichkeit hin und her, ist so gefährlich ungefährlich, weil es erstens keine sensomotorischen Verbindungen zwischen den Teilnehmern gibt und zweitens komplette Wahrnehmungsfelder fehlen, wie wir sie bei unseren sonstigen Bewegungen in der Welt aufbauen. Netzkommunikationen lassen immer nur die Konstruktion eines fragmentarischen Gegenübers zu. Weder lacht noch weint das Gegenüber, ja spricht nicht einmal – nur Symbole wie die Schrift und etwa allgegenwärtige emoticons konturieren bedingt den Anderen. Das widerspricht unserer typischen (Körper)Erfahrung im sozialen Kontakt. Missverständnisse zwischen fragmentarischen Personen treten auf Grund solcher Mängel der Wirklichkeitsbekräftigung natürlich in viel höherem Maße auf als in einer Wahrnehmungstotalität, in der wir aufgewachsen sind, in der wir gelernt haben, das Gegenüber in vielen Eigenschaften seiner Leiblichkeit einzuschätzen und vor allem: erfahren haben, mit Störungen unserer Verhaltenserwartungen umzugehen. Diese Begrenzungen der Selbst- und Fremderfahrung gelten cum grano salis zwar auch für Telekommunikationen anderer Art, aber solche sinnlich begrenzten Medien – wie etwa das Telefon – geben nicht vor, die reale Welt zu verlassen oder gar eine, wenn auch unvollkommene Alternativwelt zu erzeugen. Wir haben beim Telefonieren nie das Gefühl, uns engelsgleich im freien Äther zu bewegen, sondern bleiben unserem physikalischen Aufenthaltsort verhaftet. Erst im Netz entsteht das unvollkommene Fantasma des Bewegungsgefühls und die Netzsemantik ordnet dem folgerichtig fortwährend Begrifflichkeiten zu, die auf Aufenthalt, Örter, Bewegung, Körper, ja Existenz schließen lassen.

Wenn es richtig ist, dass die ersten Lebensjahre die Fundamente der Erfahrungswelt legen, hängen alle weiteren Konstruktionen von diesen Grundlagen ab. Wie bei einer Architektur lassen sich diese Fundamente nicht einfach umbauen oder ersetzen. Wenn Assimilation darin besteht, neue (Bau)Materialien als Wiederholung von etwas Bekannten zu begreifen, wird dieses Programm prekär, wenn eine andere Erfahrungswelt neuen Regeln folgt. Wenn Material nicht mit den zu Grunde liegenden Begriffen kompatibel ist, sind zunächst keine neuen Erkenntnisse möglich. Nun lernt das Subjekt aber fortwährend mit Überraschungen und Enttäuschungen seiner Erwartungshaltung umzugehen und sein Verhaltensvokabular zu erweitern. Es passt sich an, es entstehen neue Erfahrungs- und Erkenntnismuster, die andere Handlungen möglich werden lassen. Organismen kämpfen im "wirklichen Leben" um die Herstellung und Erhaltung ihres Gleichgewichts. So entstehen Regelmäßigkeiten, auf die man sich in der Folge verlassen kann, ohne jede Situation oder sein Gegenüber neu bewerten zu müssen. Verhaltenserwartungen werden mit zunehmendem Lebensalter daher immer häufiger bestätigt. Ohne relative Informationsarmut wäre diese Welt dagegen nicht aushaltbar, weil wir uns in einer permanenten Kleinkindsituation befänden, ohne noch länger auf elterliche Korrektive vertrauen zu können.

Fraglos kann mit aus der Erfahrung gewonnenen Begriffen abstraktere Ebenen erreichen, die nicht mehr an wahrgenommene Gegenständen in einem Raum-Zeit-Kontinuum gebunden scheinen. Solche Abstraktionen lösen sich von "tatsächlich begreifbaren" Gegenstandswelten, ordnen Zeit- und Raumerfahrungen zu neuen Mustern. Jedes Bewusstsein strebt tendenziell dahin, eine "Hyperlink-Struktur" zu entwickeln, die immer neue Verknüpfungen möglich werden lässt. Gleichwohl gründen aber auch solche Abstraktionen mehr oder weniger stark in der sensomotorischen Grunderfahrung, die die Wirklichkeit des Bewusstseins bestimmt. So kann man sich etwa ein Einhorn vorstellen, das keine Repräsentation eines existenten Objekts ist, aber Eigenschaften hat, die sich beispielsweise aus der Erfahrung eines Pferdes, eines Tierhorns etc. ableiten lassen.

Im Bereich des reflektierenden Denkens werden solche Rückführungen auf frühe Erfahrungen selbstverständlich immer schwächer, Begriffe beziehen sich auf andere Begriffe, Reflexionen auf andere Reflexionen etc. Auch symbolische Erfahrungsgehalte eröffnen aber zahlreiche Operationsmöglichkeiten. Ernst von Glasersfeld nennt eine Romanlektüre als Beispiel dafür, wie ein Wirklichkeitsausschnitt hergestellt wird (Spaziergang in Paris), der später in der Welt des tatsächlichen Erlebens als Karte eingesetzt werden kann. Solche Orientierungsgewinne lösen immense Befriedigung aus, weil sie sich am Prüfstein der Wirklichkeit bewähren.

Je weiterreichend sich aber Abstraktionen von ihren lebensweltlichen Erfahrungsursprüngen entfernen, umso ungesicherter werden Aussagen über diese abgeleiteten Welten. In den Auseinandersetzungen vieler Teilnehmer über reflexive Gehalte entstehen tiefe Gräben, Verwirrungen und Beliebigkeiten. Die Geschichte der Metaphysik als die Geschichte einer virtuellen Welt vor ihrer technologischen Produzierbarkeit präsentiert etwa zahllose, folgenreiche Beispiele für die Unmöglichkeit, Einigkeit über "Gott und den Rest der Welträtsel" zu erzielen. Nun wird heute nicht mehr jede Häresie zwangsläufig mit dem Scheiterhaufen bestraft, aber gesellschaftlich nicht kompatible Gedanken führen auch heute zu ihrer Ausgrenzung. Wir laufen gegen soziale Mauern, an denen sich der Verstand mindestens imaginäre Beulen holt. Aber selbst die Einigkeit über reflexive Gehalte ist eine fragile Selbsterfahrung, weil dieser Konsens nicht an überwindbaren Hindernissen geprüft werden kann. So glauben zwei, dasselbe zu denken, aber treffen sich doch nur im folgenlosen Begriff, ohne je die Wirklichkeit des Anderen zu erfahren. Die Viabilität solcher Erfahrung ist mithin relativ offen und deren praktische Wahrheitsfähigkeit wird nicht zuletzt von sozialer Anerkennung bestimmt.

 

2. Abgenetzte Erfahrung

Im Gegensatz zur Informationsarmut der wirklichen Wirklichkeit fehlen im Netz ausreichende Sicherungen gegen "In-Formationen". In dieser Wirklichkeit können wir uns nicht länger auf die relative Unveränderlichkeit der uns umgebenden virtuellen Topografien verlassen.

Übertragen auf "real world" wäre das etwa so, als ob meine innere Karte von Orten, Menschen, Verhaltensweisen, eigenen Möglichkeiten am nächsten Tag nur noch höchst bedingt gilt: Vielleicht gibt es die Haupt- und Nebenwege nicht mehr, auf denen ich gestern noch sicher gewandelt bin. Vielleicht ist mein "Nachbar" bereits aus dieser Welt verschwunden: "file not found".

Auch wenn das Netz im Gegenzug zum Informationsrausch Orientierungen in großem Ausmaß gewährt (Fahrpläne, Börsenkurse, Kaufoptionen, Gebrauchsanweisungen etc.), ja gerade als globales Megaorientierungssystem eingeführt worden ist, laufen die individuellen Karten ständig der Topografie nach. Im Abbildungssystem des Subjekts (Unterworfenen) einer virtuellen Welt herrscht fortwährender Aufruhr. Dagegen schützt man sich durch den Einbau diverser Sicherheiten (Konservatives Surfverhalten, Bookmarks, Suchmaschinen, Mailing-Listen etc.), die eine relative Orientierung ermöglichen sollen. Es gibt eine Studie über die Konservativität von surfern, die eben nicht zu neuen Ufern aufbrechen, sondern nur "ihre" Plätze aufsuchen, um Übersicht in der neuen Unübersichtlichkeit zu bewahren. Solche individuellen Sicherungen sind Gegenbewegungen, die aber nicht mit der Entwicklungsdynamik des Netzes Schritt halten. So werden neue Erfahrungen, die ja zahllos möglich wären, gerade nicht gemacht, weil das Subjekt seine Form bewahren will. Antiquierungen des Weltverhältnisses sind die Folge.

In der sensomotorischen Armut der Netzbewegung, in der Beschränkung der Wahrnehmungsmöglichkeiten sucht das "Ich" gleichwohl wie immer eine umfassende Bestätigung seines "In-der-Welt-Seins" – das gilt sowohl für die Rückschlüsse auf seine Ausgangswelt als auch für seine virtuelle Wirklichkeit. Das löst zumindest dann Unbehagen aus, wenn sich kein Erfolg einstellt, der sich an den überwundenen Hindernissen der Bewegung messen lässt. Im Netz stößt die Frage nach der Erfolgseignung des Handelns auf virtuelle Bedingungen. Auch wenn dieser Begriff längst nicht ausgelotet ist, reicht als Annäherung die Antwort, dass Virtualität nichts anderes ist als eine veränderbare Wirklichkeit, die uns einflüstert, so oder auch ganz anders sein zu können. Das ach so freie Netzsubjekt spürt in seinen virtuellen Bewegungen nicht mehr den Gegenwind, der ihm in seiner vorgängigen Wirklichkeit allenthalben ins Gesicht bläst.

Störungen, Perturbationen im Netz lassen sich dementsprechend anders verarbeiten, als es je in einer "vollständigen Umwelt" möglich wäre. Es ist ungefähr so, als ob man in einem (autistischen?) Bewusstsein spazierte, das glaubt, sich von Anpassungsnotwendigkeiten an seine Umwelt frei machen zu können. Löst sich Wahrheit (als die Organisation der Wirklichkeit) davon ab, dass sie überhaupt noch herstellbar ist? Auch in der Virtualität wird eine Wirklichkeit organisiert, aber Szenarien und Figuren, die sich im Sinne ihrer Viabilität als schlecht gewählt erweisen, können ersatzlos ausradiert werden. So kann ich zwar auch in meinem Vorgarten einen Baum fällen, der meine Aussicht stört, aber zugleich muss ich eine Entscheidung treffen, wie ich ihn entsorge. Vielleicht ist diese "Wirklichkeitsbearbeitung" deshalb besser ins nächste Frühjahr zu verschieben. Im Netz können Welt und Welten dagegen ersatzlos verschwinden: Delete! Die Wirklichkeit hört auf zu existieren.

So gibt es zwar wechselseitige Wirklichkeitsbedingungen von realen und virtuellen Szenarien, aber im Netz können Themen nicht nur "offtopic" gestellt werden, im schlimmsten Fall verabschiedet sich Mensch wieder aus dem virtuellen Leben: "offline!" Dann klappt die Netzwelt weg wie ein Traum, aus dem man vielleicht schweißgebadet, aber immerhin gerettet aufwacht. Gnädig hört die soziale Umwelt des Netzes per mouseclick auf zu existieren. Es gibt Dich, mich und uns nicht mehr. Diese Art der Selbst- und Fremdvernichtung ist paradoxerweise sehr praktisch im Sinne einer Selbsterhaltung. Zugleich verleiht es eine nie zuvor gespürte Macht, weil das reale Leben in viel geringerem Maße solche Fluchten ermöglicht und zuletzt ohnehin jeden einholt.

Aber der Wanderer zwischen den Welten löst damit noch lange nicht das Problem, beide Erfahrungstypen kurz zu schließen. Seine Bewegungen sind nicht länger kompatibel, sodass sich Reizzustände sowohl im Offline- wie im Online-Leben einstellen. Die angeblich grassierende Netzsucht als Form neuer Abhängigkeit ist nichts anderes als die Unwilligkeit, zu den Widrigkeiten einer plump-kompakten Umwelt zurück zu kehren. Aber diese Sucht – wie jede andere auch – lässt sich schon deshalb nicht befriedigen, weil der Körper im Gegenzug unwillig auf die so unerträglich-erträgliche Leichtigkeit des "Im-Netz-Seins" reagiert. So werden wir zu Pendelexistenzen, die weder hier noch dort reklamieren können, zu Hause zu sein. Ein Bewusstsein muss in einer solchen Erfahrungswelt ambivalent werden, weil es die Bedingungen seiner Weltkonstruktion je verschieden erlebt.

Nicht die geringste Ironie der Netzexistenzen ist daher die selbst gezimmerte Heimstatt, die Homepage, die alles andere als ein Schutz gewährendes Zuhause ist. Dieses Zuhause kann weder als eine Re-Präsentation des Heims gelten noch gewährt es virtuellen Existenzen eine Rückzugsposition in den Untiefen der Netzbewegung. Von der vormals beklagten Unwirtlichkeit unserer Städte führt ein gerader Weg in die Unwirtlichkeit von Megalopolis. Heim- und Heimatlosigkeit trifft jeden Online-Bürger und so entstehen zwangsläufig "communities", Gemeinschaften, deren Mitglieder sich wechselseitig Wärme spenden. Selbst "E-Commerce-Unternehmen" wollen ihre Käufer, User, Unterworfene zusammen schließen, während es zuvor doch nur darum ging, eine mehr oder weniger exklusive Warenbeziehung herzustellen. Der digitale Kommunitarismus garantiert aber keine globale Dörflichkeit, sondern eine Globalität, die auch die vermeintliche Weltgesellschaft wieder in Gruppen und Herden sammelt, um so lange digitale Stallwärme herzustellen, bis der penetrante Geruch uns in die nächste "Community" treibt. Way out? Paul Watzlawick hat auf den Spruch Karl Kraus´ hingewiesen, der für sich feststellte, dass wenn er zwischen zwei Übeln zu wählen habe, er keines der beiden wählt (Watzlawick, Münchhausens Zopf, Bern 1988, S. 153). Den Ausweg, den die Sprache so leichtfertig aus dem Dilemma der Entscheidung bietet, finden wir in Wirklichkeiten, weder in realen noch virtuellen, nicht. Aber wenn wir erst die Vorstellung aufgeben, es gäbe überhaupt eine harmonische Kondition, die das Subjekt mit seinen Welten versöhnt – ja dann haben wir immerhin eine vorläufige Kondition gefunden, die eben gegenwärtig die höchste Erträglichkeit bietet, die es nun mal zu finden gibt

© Goedart Palm 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 14. Mai 2014.