Es gibt einen Analphabetismus der Macht.
⁕Gedankenbuch
Die unbotmäßige Welt
Gedankenstücke aus den Telepolis-Essays
Vorbemerkung
Dieses Buch ist aus Essays hervorgegangen. Seine Sätze standen zunächst in politischen Interventionen, medientheoretischen Erkundungen, kulturkritischen Exkursen, philosophischen Spekulationen und Beobachtungen des digitalen Alltags. Manche waren dort bereits kleine, in sich geschlossene Gebilde. Andere mussten nur aus ihrem argumentativen Zusammenhang gelöst werden, um ihre eigene Spannung erkennen zu lassen.
Die Sammlung folgt keinem engen Begriff des Aphorismus. Sie versammelt klassische Sentenzen ebenso wie Denkfiguren, pointierte Essaysätze, historische Momentaufnahmen und kleine argumentierende Miniaturen. Nicht immer liegt ihre Kraft in der Kürze. Mitunter lebt sie gerade von einer längeren Bewegung, einer überraschenden Verschachtelung, einem ironischen Nachsatz oder einem Begriff, der zwei gewöhnlich getrennte Sphären zusammenstößt.
Zeitgebundene Stücke stehen neben abstrakten Gedanken. Der konkrete Anlass ist dabei nicht bloß historischer Rest. Er kann eine wiederkehrende politische, rechtliche oder mediale Struktur sichtbar machen – und die Ferne einer vergangenen Gegenwart gelegentlich deutlicher sprechen lassen als ihre Aktualität.
Die Originalformulierungen wurden bewahrt. Das Zeichen ⁕ kennzeichnet drei behutsam aus längeren Passagen gewonnene redaktionelle Verdichtungen. Es gehört nicht zum jeweiligen Text; Herkunft und Eingriff werden am Ende des Bandes offengelegt.
Die fünf Teile sind keine Schubladen. Sie bilden Bewegungen: von der Wirklichkeit zur Macht, vom Recht zur Gerechtigkeit, von der Technik zum Begehren, vom Menschen zu seinen Selbstbildern und von den Medien zu den Nebenwelten der Kunst.
I
Wirklichkeit und Macht
Wer setzt die Kriterien fest, wann ein Staat versagt hat und wann er selbst nicht mehr willens oder aber unfähig ist, das zu ändern?
Wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, wird schließlich jedes Mittel probat.
Was sind schon Massenvernichtungsmittel, wenn es um die allgemeine Glückseligkeit von Menschen in schlecht regierten Staaten geht?
Je älter und härter ein Krieg wird, umso gefräßiger wird er.
Wer nicht zwischen Freundschaft und Vasallentum unterscheiden will, sollte klar sagen, dass der Frieden der Staatsräson bzw. einem hegemonialen Machtgefüge zu weichen hat.
Wenn dann auf der zweiten Brennstufe des politischen Unterhaltungsprogramms die Spaßwerte des skandalorientierten Moraltheaters nicht zu kurz kämen, ja dann, wählen wir euch auch diesmal wieder alle.
Was der Bürger will und was Politik kann, verschmilzt längst zu dem, was der Wähler wollen darf.
Wenn die öffentliche Meinung nicht länger instrumentalisiert werden kann, um Mehrheiten zu konstruieren, steigt in Demokratien der Diskursdruck.
Zwar kann niemand mehr ernsthaft glauben, dass schließlich nach unzähligen fehlgeschlagenen Recherchen doch noch Massenvernichtungswaffen gefunden werden, aber irgendwann ersetzt das Gerücht bekanntlich die Wirklichkeit.
Wer in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen die Mächtigen verhört, weil er selbst bereits Macht besitzt, kann keine Galionsfigur des neuen Straßenprotests sein.
Wenn der Minister an diesem Skandal scheitert, bestätigt sich die Gesellschaft nur ihre eigene Verlogenheit, die Tugend von Politikern einzufordern, während dieselbe Gesellschaft weiß, dass Tugend nicht unser primärer Betriebsstoff ist.
Was sich zuvor medial inszenierte und tatstark tönte, um ohne lange nachzudenken mit breiten Stiefeln über den Globus zu treten, ist merkwürdig verhalten geworden.
Je länger die irdische Gerechtigkeit in Gestalt der US-Streitkräfte obwaltet, desto stärker wird nicht nur der Unmut von mehr oder weniger fundamentalistischen Muslimen werden, sondern auch der Druck westlicher Öffentlichkeiten.
Solange der Wahlkampf währt, ist die parareligiöse Begeisterung der Massen, die doch angeblich in Demokratien keine sind, der Dreh- und Angelpunkt politischen Selbstverständnisses.
Wenn Rumsfeld dem Terrorismus bescheinigt, weder Teil der Religion noch der Kultur zu sein, ist das nicht mehr als die umgekehrte Sprachlosigkeit vor einem Phänomen, das wegseziert werden soll, ohne zuvor die Diagnose zu stellen.
Wenn Macht lediglich als die größte Konzentration kriegerischer Kräfte definiert wird, hätte Rom niemals untergehen dürfen, so wenig wie es je hätte entstehen können, gab es doch immer heute andere Mächtige als morgen.
Wer also in diesen Tagen dem amerikanischen Sicherheitsmythos noch Vertrauen entgegenbringt, muss über besondere logische Eigenschaften verfügen.
Was wäre, wenn Folter der Natur des Menschen entsprechen würde, eben jener Natur, die so natürlich wie widernatürlich ist, dass es lediglich einen veritablen Krieg braucht, um sie immer wieder erfolgreich hervorzulocken?
Wenn Politiker behaupten, sie könnten Verhältnisse ändern und zugleich wissen, dass sie das nicht wissen können, ist das so albern, wie es der Wähler mehrheitlich empfindet.
Doch der fatale Irrtum ist die Anmaßung, dass die eigene Freiheitsfaçon bereits alle Unfreiheiten, Ungerechtigkeiten, Armut und Not beseitigt.
Wenn die mediale Überformung von öffentlichen Stimmungen ausbleibt, wird nicht nur der primitive Volkszorn entsorgt, der populistische Politik der vorangegangenen Jahrtausende so einfach bis billig machte.
Wer Amerikas Regierung kritisiert, muss so wenig antiamerikanisch sein, wie derjenige antisemitisch, der Sharons Militärpolitik kritisiert.
Was im Übrigen deutlich macht, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein nichtvermögender oder zumindest nicht von der Wirtschaft hoch gesponsorter Kandidat Chancen hätte, US-Präsident zu werden.
Das moralische Zwielicht, das wir bereits in der Theorie erkennen, ist aber gerade deshalb keine haltbare Verteidigungsposition für Politiker.
Wenn aber das komplexe Gefüge von Staatsräson und bürgerlichen Abwehrrechten nicht so einbrechen soll wie die Türme des WTC, darf die totale Gerechtigkeit den Ausnahmezustand des gerechten Kriegs nicht zum zivilgesellschaftlichen Regelfall pervertieren.
Wer die Moral auf dem Panier trägt, wer Menschenleben opferte und weiterhin opfert, darf sich nicht den Hauch eines Zweifels leisten.
Was man aus der Geschichte lernen konnte, haben die Verfassungen Europas verinnerlicht, was aber die Gegenwart - immer massiver aus der Richtung der Zukunft behelligt - lernen muss, entzieht sich diesem historischen Verfassungstypus.
Denn nicht nur der harte Beat gegen die Demokratie wird bei den neuen Rechten gepflegt, sondern vor allem eine neue politische Geschmeidigkeit, drängende politische Themen zu besetzen.
Wenn die Opfer aber erst gar nicht mehr gezählt werden, verliert sich die Wahrheit über den Krieg vollends im Nebel der Geschichte.
Wo sich ein bedingungsloser staatlicher Herrschaftswille durchsetzen will, wird man nach der Folter nicht lange suchen müssen.
Wer Leistungsanreize fordert, wo eine klassische Pädagogik zu Recht intrinsische Motivationen bevorzugt, muss vor allem eine konjunkturfreudige Wirtschaft und einen geschäftigen Arbeitsmarkt präsentieren.
Was nun ohnehin die menschliche Kondition zum Tode hin bezeichnet, soll also eine tendenziell grenzenlose Blankettermächtigung sein, besser gestern als heute zuzuschlagen.
Wer ultimative Sicherheit in allen Lebenslagen bescheren will, ohne das Tabuthema der gesellschaftlichen Güterverteilung ankratzen zu dürfen, darf auch das Risiko des Staatsbankrotts nicht fürchten.
Wenn Demokratie eine evolutionäre Form ist, die sich historisch zwangsläufig einstellt, müssten autoritäre, fundamentalistische oder diktatorische Staaten von begrenzter Haltbarkeit sein.
Wer wie Neokonservative immer unterstellt, dass der Gegner täuscht, täuscht schließlich nicht nur die Öffentlichkeit, sondern sich selbst.
Wenn erst einmal entschieden ist, dass die Entscheidung über die Legalität von denen getroffen wird, die längst selbst als illegal gelten, werden viele Mittel probat.
Wer sich vom Gegner überzeugen ließe, wäre nicht nur ein politischer Schwächling, sondern schlimmer noch: ein Spielverderber.
Wenn der Staat salbungsvoll wird und seine Heroen inszeniert, geht es vor allem immer um die Liturgie des Rudels.
Aber immerhin besitzt die Demokratie eine Kriegsdialektik, die der Maos weit überlegen ist: Man kann Kriegführende einfach abwählen.
II
Recht haben, gerecht sein
Weder stellt sich ewiger Friede ein, noch wird die bellizistische Humanität eine völkervereinende Wirklichkeit virtualisieren.
Wenn alle stolz sind, macht Stolz bereits semantisch keinerlei Sinn.
Aber vor der Rechtsanwendung steht die Legitimation des Verfahren selbst zur Debatte: Für Milosevic ist das Tribunal illegal, weil es nicht von der UN-Vollversammlung eingesetzt worden ist.
Solange wir nicht dem kantischen Ideal folgen, dass auch noch der letzte Verbrecher unter der Sonne bestraft sein muss, bevor die Menschheit retirieren darf, wird man es ertragen, dass nicht alle Bellizisten in West und Ost zur Rechenschaft gezogen werden.
Wer das Recht zu sterben bestreitet, dem geht es zuvörderst um überindividuelle Maßstäbe seiner Ethik und Moral.
Wenn es allein um die Frage geht, wie überwacht wurde, ist eine Anonymisierung des Materials tendenziell unschädlich.
Wer das Argument - isoliert betrachtet - ernst nimmt, muss aber schließlich jedes Forschungsinteresse zurückweisen, da das Beschreiten von Irrwegen und Seitenwegen nicht nur das Forschungsparadigma selbst erfüllt, sondern risikoarme Forschungszweige sich, evolutionär betrachtet, immer weiter reduzieren.
Was weder Vernunft, Religion noch Technologie zu leisten scheinen, ist zur Aufgabe der quasisakralen Ikonografie geworden.
Bereits das ist ein paradoxer Befund: Wenn das Recht unberechenbar ist, müsste es doch besser sein, einen großen Bogen um Prozesse und Gerichte zu machen.
Wenn hohe und höchste Rechtsgüter alles andere als klar konturierbare Kategorien sind, werden Normierungen vage und Verfassungsaussagen zum fragilen Auslegungsobjekt.
Wer Kriege im Namen der Menschheit führe, verdecke nur, dass er seinen Feind, der nicht weniger Mensch sei, bekämpfe.
Es ist das alte Dilemma der Kirche, vom Gespräch zu reden, wenn es doch schließlich nur um Verkündung ihrer absoluten Wahrheiten geht.
Wenn Verursacher einer Verkehrsordnungswidrigkeit ein individualisierendes Verfahren einfordern, stoßen sie - zu Recht! - auf Grenzen.
Wer Rechtsverletzungen reklamiert, die von Gruppeninteressen getragen werden können, kann Massenbewegungen auslösen.
Die Kunst ist nach dem Grundgesetz frei, aber – in verfassungsrechtlicher Logik – gleichwohl nicht schrankenlos gewährt.
Wer identitätsschwach ist, benötigt äußere Kennzeichen, um die Welt für sich begreifbar, unterscheidbar, normierbar zu machen.
Wenn Gott dem Menschen nach christlicher Lesart die Sexualität geschenkt hat, gibt es kein Recht der Priester aus vorgeblichen Gründen ihres Kultes darauf zu verzichten.
Wer von jenseitiger väterlicher Autorität redet, kann sich den Umweg zum fragilen Glück über sichere Renten oder gar Wohlstand zu Lebzeiten verkürzen.
Wenn in der Tradition der Verfassungsrechtsphilosophie außerrechtliche Gründe der Rechtsetzung wie Natur, Vernunft, Souveränität oder Eigentum genannt werden, geraten wir in ein Dilemma.
Wer nicht aus Einsicht rechtsgehorsam reagiert, wird im Zwangssystem des Rechts viele Wege finden, seine Nichtüberzeugung zu leben.
Wenn der Mensch nicht aus göttlichem Lehm gestaltet wurde, sondern ein vorläufiges Endprodukt einer biologischen Entwicklungslinie ist, erweist sich der Schöpfungsbericht der Bibel falsch.
Wer andere Menschen zwangsweise kennzeichnet, will ihnen die personale Identität rauben, generalisiert sie zu Unpersonen, um sich selbst darüber zu identifizieren.
Wenn Ethikkommissionen heute erkennen, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden dürfen, sind sie bereits überschritten.
Wer in dem Ebenbild des Menschen ein Bollwerk seiner immer währenden Seinsverfassung erkennt, gerät leicht in Gefahr, einer diskriminierenden Ethik zu folgen.
Wenn die Gründe schwächer werden, kompensieren das Juristen nicht selten durch einen fundamentalistischen Duktus.
Wer von Okkultismus spricht, denkt vielleicht nicht allzu weit von Tomás de Torquemada entfernt über die rechte Art des Christenmenschen nach.
Was nutzen uns eine prästabilierte Harmonie der theoretischen Moral, kategorische Imperative oder Diskursethiken, die in der Stunde ihrer Bewährung unzuverlässig sind?
III
Maschinen des Begehrens
Wenn die Gegenwart charakterisiert werden müsste, dann jedenfalls auch so, die so genannte Wirklichkeit entwirklicht zu haben.
Wer so fabulierfreudig ist, wenn er die Prospekte einer künftigen Welt schildert, liebt seine technischen Schöpfungen, die sich weder in zukünftigen Glückseligkeiten, die wie Mohrrüben dem Menschen-Esel vor der Nase baumeln, noch in Dystopien erschöpfen.
Was gilt aber, wenn der Glaube an die Wirklichkeit diesmal auf nicht mehr kartesianisch zu besänftigende Zweifel stößt?
Je mehr technische und mediale Möglichkeiten dem Menschen zukommen, je rasanter der Wissenstransfer wird, desto unheimlicher werden die Verhältnisse, ohne sie je noch als Bescheidwisser eines G8-Abiturs zu durchdringen.
Wenn schon die Konstruktion der Welt schlecht ist, gibt es dann wenigstens eine poststabilierte Harmonie dank immer neuer und mächtigerer Maschinen?
Vielleicht macht das Netz süchtig, aber der virtuelle Stoff, der durchs Hirn rauscht, wird weder in Kolumbien geerntet noch auf der Intensivstation abgebaut.
Wenn alle Wildheit ausgetrieben ist, ist auch der Mensch nicht mehr des Menschen Wolf.
Je größer der Neocortex ist, der unter anderem für soziale Kompetenzen verantwortlich ist, umso mehr soziale Spiele sind zu beobachten.
Wenn die Virtualität an den Schnittstellen noch verbessert wird, etwa ausgefeilte Simulationen auch das motorisch-technische Geschick angehender Ärzte ausbilden, sollten reale Tierversuche endgültig zum Teil einer überwundenen Geschichte werden.
Nur die Ideen, also auch die mathematischen Gleichungen, sind real, alles andere dagegen Schein oder menschliche Erkenntnisschwäche.
Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte.
Wer jedenfalls eifrig halflife trainiert, darf sich das vermutlich demnächst auf die Grundausbildung anrechnen lassen.
Eure Zukunft ist unsicher, aber bekennt euch zum konsumistischen Ethos, ohne das der Kapitalismus nicht existieren kann.
Was denn als elektronische Bedrohung für die nationale Sicherheit gelten könnte, wird dagegen nicht wirklich definiert.
Wenn alles durch das Automatenkalkül beherrschbar ist, hat die menschliche Flucht in überwältigende Gefühle keinen Platz mehr.
Wer heute von sozialer oder emotionaler Intelligenz spricht, macht im Prinzip auch nichts anderes, als Emotionen ganzheitlich zu interpretieren.
Die Schlusserklärung des Projekts könnte aber auch zum Selbstläufer werden: Als fundamentales Ziel von HumanML gilt es, menschliche Missverständnisse zu vermindern.
Wenn Warwick dann noch einen Sinn für das Wünschbare im Chip bereit hält, dürften bald alle Menschen glücklich sein.
Wer den subatomaren Verrückungen und Verrücktheiten der Materie beikommen will, muss sich Niels Bohr zufolge sogar die ausgelassenste Phantasie leisten.
Wenn in Gesellschaften mit schwacher Sozialkontrolle die sozial-emotionalen Bindungen fehlen, muss man eben auf elektronische zurückgreifen.
Wer die explosiven Gepflogenheiten zahlreicher Online-Foren kennt, weiß, dass hier zwar mit harten, aber eben virtuell gepolsterten Bandagen gestritten wird.
Wenn Mephisto keine überlegene Wissensherrschaft bietet, gibt es keine dämonischen Verlockungen mehr, die nicht längst besser von Medien besorgt werden.
Wer erst mal den Geist der Überwachungsgesellschaft geatmet hat, weiß, dass Kontrolle ein Spiel ohne Grenzen ist.
Wenn nicht die Abkoppelung gesellschaftlichen Reichtums von der Arbeit gelingt, werden die Bildungspropagandisten und Fortschrittseuphoriker bald sehr allein sein.
Wer die Motive seiner Simulationsherrscher kennt, könnte sich tendenziell darauf ausrichten, seine Zukunft im Blick auf die Interessen der Betreiber zu gestalten, meint Robin Hanson.
Wenn gespielt wird, handelt es sich immer zugleich um eine ideale Lernzeit, in der Hirnschaltungen positiv modifiziert werden können.
Wer also wissen will, ob ein Android von elektrischen Schafen träumt, müsste erst selbst einer werden.
IV
Der Mensch als Störfall
Je glücklicher die Arbeit macht, desto weniger Lohn wird dafür gezahlt.
Was ist aber gemeiner als der gute alte Beziehungsbruch, dem statistisch gesehen allerdings so viele frönen?
Wenn Pluralismus ein zentrales Moment einer demokratischen und liberalen Gesellschaft ist, wäre eher die Diversifikation von Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften zu erwarten als eine genetisch homogene Gesellschaft.
Na, da wird fast ein (Maß)Schuh daraus, weiß doch jeder, dass Luxus ein menschliches Grundbedürfnis ist.
Wer so das Recht auf Faulheit leugnet, ist ein Populist, der auf Wählerstimmen aus dem großen Kreis aller billig und gerecht Denkenden spekuliert.
Was lange quält und im Dampfkessel übers Jahr so vor sich hin brodelt, zu Weihnachten explodiert es in Richtung Wahrheit.
Wo sich allerdings die menschliche Würde im Genom versteckt, dürfte im Übrigen auch auf den jetzt vorgelegten Genomkarten nicht verzeichnet sein.
Wenn der Orient auch nach dem sicheren Filmwissen amerikanischer Schulkinder ein Wunderland ist, könnte nicht nur der Dieb von Bagdad, sondern auch der Baulöwe mit überirdischen Kräften im Bunde stehen.
Und jetzt werden die Bilder, die weder der Wirklichkeit noch dem Film allein angehören, ständig überblendet: Schwarzenegger rettet Kalifornien, der Terminator rettet die Menschheit.
Wenn es Menschen gibt, die so etwas jenseits von Halloween kaufen, muss man ernsthaft darüber nachdenken, ob Martin Heideggers Zweifel, dass die Demokratie die Herrschaftsform der Zukunft bleibt, nicht berechtigt sind.
Was Menschen Recht ist, um ihre Lust anzuheizen, soll den trägen Bären billig sein: Pornos.
Was diesen und anderen Fluchten von Alcatraz bis Santa Fu fehlt, ist die Darstellung der elendigen Alltäglichkeit der Menschenverwaltung.
Wer bei Reklame den freien Willen anmahnt, muss inzwischen wieder ein Zyniker, mindestens aber ein Spaßvogel sein.
Wenn die Geschichte eines ihrer blutigen Kapitel zugeklappt hat, wissen alle ohnehin alles besser.
Was unsere Apologeten der fröhlichen Spiele aber immer übersehen: Der relative äußere Friede und das martialische Gefühl in der Brust passen gut zusammen.
Peter Pan könnte man doch nur dann bestrafen, wenn sich herausstellte, dass er in Wirklichkeit der böse Kapitän Hook höchstselbst ist.
Was der eine lebenslang in die Raten fürs Eigenheim investiert, zahlt der andere eben für die Verteidigung seiner Kokainrückstände im Haupthaar.
Wer Spielen im Stadion beiwohnt, muss nicht nur hin-, sondern auch wegsehen können, um seine Spiellaune nicht zu verlieren.
Wenn doch angeblich die Arbeit den Menschen adelt, bleibt die Frage, warum dann Millionen es vorziehen, so unfeudal zu leben.
Aber leider ist es nicht mehr so einfach wie zu Zeiten des frühen Kriminologen Lombroso, der noch glaubte, das Verbrechen Menschen an der Nasenspitze ablesen zu können.
Was als Xmas-Blues, als so stille wie unheilige Nacht-Depri beginnt, kann schnell in offenen Terror ausarten.
Wenn die Multiplayer die Erregungen des fünften Levels suchen, bleibt für die Lustseuche ohnehin keine Zeit.
Was den Mensch vom Wurme trennt, ist vor allem der Unterschied, dass die komplexer angelegten menschlichen Gene mehr Proteine produzieren als die niederer Tiere.
Wenn es dann doch anders kommt, bleibt die Erklärung, dass man es doch anders gewollt habe.
V
Bilder, Sätze, Nebenwelten
Was auch im Kopf noch nicht organisiert ist, genießt die Freiheit fliegender Blätter, die schöpferische Planung vor ihrer Systematisierung.
Wenn bereits die Kategorien so windelweich sind wie die Statistiken schwammig, werden eben die üblichen Schlammschlachten zum Mediendiskurs hochgefahren, der parasitär an der Aufmerksamkeit teilnimmt, die doch der heißen Ware gilt.
Wer ist smarter, operiert ästhetischer im Medium, kaschiert das Paradox von Machbarkeitsrhetorik und Zukunftsungewissheit geschickter?
Die gesetzliche Grundlage für die Verfolgung von Sklyarov lässt sich aus psychiatrischer Sicht gleichsam als digitales Double bind beschreiben: Zwar ist es erlaubt zum persönlichen Gebrauch Kopien digitaler Medien anzufertigen, verboten ist es aber, den Kopierschutz in das Datennirvana zu versenken.
Was ist eigentlich der Reiz einer Musik jenseits menschlicher Prägung?
Wenn sich herausstellt, dass Geschwätz Geschwätz bleibt, so korrekt auch die Gesinnung ist, könnte das langfristig therapeutische Wirkungen für eine zu Panikzuständen tendierende Stimmungsdemokratie haben.
Wer so auf Medienmoral hält, hat vielleicht insgeheim den Glauben, wenn nicht an sich, so doch an die gute Sache längst verloren.
Indes kann Entwarnung gegeben werden, ist doch auf die Gnade kürzester Halbwertszeiten in Mediendemokratien Verlass, die noch jeden selbstläufigen Skandal schließlich auch wieder in das Archiv der ungelösten Streitfälle verräumt.
Wer Technik über ihre Funktionen hinaus begreifen will und gar ethische Fragen lösen will, kommt womöglich ohne Ästhetik und Poesie nicht zu kreativen Antworten.
Was sich aber damals als Normabweichung des Gemeinwesens darstellte, empfiehlt sich inzwischen als Norm des Politischen.
Wenn die Faktur des global agierenden Helden seelenlos wird, gibt es auch keinen Mythos mehr.
Wer SMS verschickt, emailt, surft oder chattet, vernimmt also nicht länger die Moraltrompeten des selbst ernannten Geistesadels.
Science Fiction dekliniert die Abstrakta der Philosophie für alle Fälle durch.
⁕Was keiner vorhersieht: Die Überhirne schätzen sich gegenseitig, tauschen ihre Geheimnisse aus und die Militärs befällt das Entsetzen angesichts der rasenden Maschinenkommunikationen, die sich menschlichem Begreifen entziehen.
Wenn wir die Medien ihrer Katastrophen berauben, was bleibt dann von diesem medial geschöpften Katastrophenglobus überhaupt noch übrig?
Wer chattet, der soll ab jetzt alle Hoffnung fahren lassen, je wieder ein lebendiger Mensch zu sein.
Vielleicht sind also die Nichtlese-Riesen Noel Gallagher und Zladko auf dem richtigen Weg in die Zukunft, nur – sie wissen es nicht, weil sie dafür gegenwärtig noch lesen müssten!
Wer Medien nur als technische Extrapolationen ihrer Gegenwart begreift, sie lediglich ein bisschen schneller, integrierter und vernetzter buchstabiert, kommt in seinen Prognosen nicht allzu weit.
Ein neues Medium als Anleihe bei einem tradierten zu begreifen, erschwert das Verständnis seiner Eigenarten.
⁕Wer die Kommunikationsstruktur des Feindes zerschlagen kann, gewinnt – wie der Golfkrieg eindrucksvoll demonstriert hat – auch die Schlacht im Felde.
Wenn die Online-Nutzung wächst – und nichts spricht gegen ihren weiteren Siegeszug - reduziert sich die Kommunikationsmacht klassischer Medien.
Wer da noch schreibend überleben will, muss seine Schreibhaltungen radikalisieren.