Es gibt Erinnerungen, die man erzählt, und andere, die einen überfallen. Die erzählten Erinnerungen besitzen bereits eine gewisse Höflichkeit. Sie haben Anfang, Mitte und Ende, wurden im Laufe der Jahre wiederholt, korrigiert, mit Fotografien verglichen und in jene biografische Ordnung eingepasst, die wir rückblickend für unser Leben halten. Gerüche benehmen sich anders. Sie melden sich nicht an, erklären nichts und fragen nicht, ob der Augenblick für eine Rückkehr in die Vergangenheit geeignet ist. Man geht durch eine Hotellobby, steigt in eine Straßenbahn, öffnet einen alten Schrank oder begegnet im Gedränge einem fremden Menschen, und plötzlich ist eine längst vergangene Person wieder da. Nicht als Information darüber, dass es sie gegeben hat, sondern mit einer eigentümlichen Gegenwärtigkeit, die für einen Moment die Jahrzehnte zwischen damals und heute zusammenschiebt. Ein Gesicht kann man sich mühsam vorstellen. Eine Stimme kann verblassen. Ein Geruch scheint dagegen bisweilen jene unsichtbare Tür zu finden, hinter der sich die Vergangenheit noch nicht ganz damit abgefunden hat, vergangen zu sein.
Parfüm ist in dieser Hinsicht ein besonders merkwürdiges Kulturprodukt. Es besitzt keinen Gegenstand, jedenfalls keinen, den man festhalten könnte. Ein Gemälde hängt an einer Wand, eine Melodie hat eine Dauer, ein Kleid einen Stoff und ein Buch Seiten. Das Parfüm existiert in seinem eigentlichen Zustand nur, indem es verschwindet. Es verlässt den Flakon, verbindet sich mit Haut und Luft, verändert sich, wird schwächer und ist irgendwann fort. Seine Materialität besteht aus Flüchtigkeit. Gerade deshalb eignet es sich erstaunlich gut als Medium der Erinnerung, denn auch Erinnerung ist keine konservierte Vergangenheit, sondern etwas, das im Augenblick seiner Wiederkehr neu zusammengesetzt wird.
Der alte Text auf dieser Seite begann mit der „Herrschaft der Nase“ und einer kleinen moralischen Bosheit über Gucci Guilty Black. Schon dort interessierte mich, dass die Parfümindustrie ihre Produkte nicht mit chemischen Zusammensetzungen verkauft, sondern mit moralischen, erotischen und existentiellen Zuständen. „Guilty“ war in dieser Hinsicht eine besonders schöne Zuspitzung, weil die Schuld nicht mehr auf die Verführung folgt, sondern gleich im Flakon gekauft werden konnte. Reib dich mit Schuld ein, und erspare dir den mühsamen Umweg über die Sünde. Der Witz besitzt inzwischen mehr Ernst, als ich ihm damals zugestanden hätte. Parfüm verkauft tatsächlich keine Gerüche. Es verkauft antizipierte Geschichten darüber, wer wir sein könnten, wenn andere uns riechen.
Damit steht das Parfüm zwischen Erinnerung und Projektion. Es kann die Vergangenheit zurückholen und zugleich eine Zukunft versprechen. Wer einen Duft auswählt, entscheidet nicht nur, was gut riecht, sondern häufig auch, welche Person er für einige Stunden darstellen möchte. Eleganz, Jugend, Gefahr, Unschuld, Verruchtheit, Sauberkeit, Exotik, sexuelle Verfügbarkeit und soziale Distinktion werden in Duftkompositionen übersetzt, als ließen sich Charaktereigenschaften auf die Haut sprühen. Die Parfümwerbung hat dies längst zur kleinen Metaphysik der Warenwelt ausgebaut. Ein Flakon enthält dort kaum je Bergamotte, Iris, Patchouli und synthetische Moschusmoleküle. Er enthält Freiheit, Nacht, Verbrechen, Ewigkeit oder jene geheimnisvolle Art von Frau, der Männer in Werbefilmen offenbar regelmäßig durch menschenleere Metropolen folgen.

Das Interessante ist, dass diese kulturelle Übertreibung auf einem Sinn aufruht, dessen psychologische Wirkung tatsächlich ungewöhnlich stark sein kann. Gerüche sind nicht magischer als andere Sinnesreize, und das populäre Bild eines direkten Kabels von der Nase in eine primitive emotionale Urzeit des Gehirns ist zu schlicht. Dennoch besitzt die Geruchswahrnehmung eine besondere neuroanatomische Nähe zu Strukturen, die für Emotion und Gedächtnis bedeutsam sind. Olfaktorische Verarbeitung ist eng mit Amygdala, Hippocampus und weiteren limbischen sowie paralimbischen Arealen verbunden. Untersuchungen autobiografischer Erinnerungen zeigen zudem, dass durch Gerüche ausgelöste Erinnerungen im Durchschnitt emotionaler erlebt werden können und stärker das Gefühl vermitteln, in das ursprüngliche Ereignis zurückversetzt zu sein, als dieselben Erinnerungen, wenn sie durch ein Bild oder eine sprachliche Bezeichnung angestoßen werden.
Das ist der wissenschaftliche Kern dessen, was inzwischen gern „Proust-Effekt“ genannt wird. In À la recherche du temps perdu ist es bekanntlich nicht das bewusst angestrengte Erinnern, das Combray zurückbringt. Geschmack und Geruch der in Tee getauchten Madeleine lösen etwas aus, das der Wille zuvor nicht herstellen konnte. Prousts literarische Pointe ist deshalb erheblich größer als die inzwischen beinahe dekorative Madeleine vermuten lässt. Erinnerung erscheint nicht als Archiv, aus dem das Bewusstsein auf Bestellung eine Datei holt, sondern als körperlich gebundene Möglichkeit, die unter bestimmten Bedingungen plötzlich wieder aktualisiert wird. Die Vergangenheit war nicht vollständig verschwunden. Sie war nur für den falschen Schlüssel unzugänglich.
Empirische Untersuchungen haben diesen literarischen Verdacht in bemerkenswerter Weise gestützt, ohne Prousts Roman damit nachträglich in ein neuropsychologisches Lehrbuch verwandeln zu müssen. Geruchsinduzierte autobiografische Erinnerungen werden nicht nur häufig als emotionaler erfahren, sie stammen auffällig oft aus frühen Lebensphasen und können gegenüber Erinnerungen, die durch sprachliche oder visuelle Reize aufgerufen werden, eine andere Altersverteilung besitzen. Die Forschung fasst einige dieser Merkmale gelegentlich unter der hübschen Formel LOVER zusammen: limbic, old, vivid, emotional and rare. Das Entscheidende ist dabei gerade das letzte Wort. Gerüche produzieren nicht einfach zuverlässiger mehr Erinnerungen. Wenn eine olfaktorische Erinnerung auftaucht, kann sie jedoch mit einer Intensität erscheinen, die den Eindruck einer Rückkehr und nicht bloß einer Rekonstruktion erzeugt.
Genau hier muss man vorsichtig mit dem Wort „authentisch“ werden. Geruchserinnerungen sind nicht notwendig objektiv genauer. Die Intensität des Erlebens beweist nicht, dass jedes zurückkehrende Detail historisch korrekt ist. Gedächtnis bleibt rekonstruktiv. Aber Geruch kann eine Erinnerung authentischer erscheinen lassen, weil er nicht nur semantisches Wissen aktiviert, sondern eine affektive und körperliche Zustandsähnlichkeit erzeugt. Ich weiß dann nicht bloß, dass meine Großmutter ein bestimmtes Parfüm trug. Für einen Augenblick besitzt der Raum wieder etwas von der emotionalen Temperatur, in der diese Person einmal existierte. Das ist weniger eine Rückkehr der historischen Situation als eine Rückkehr ihres affektiven Klimas.
Darum kann ein fremder Mensch, der denselben Duft trägt wie eine verstorbene oder lange verschwundene Person, so irritierend sein. Das Gesicht sagt: fremd. Die Nase sagt: bekannt. Zwei Identifikationssysteme geraten für Sekunden gegeneinander. Der Verstand weiß sehr genau, dass die Frau im Aufzug nicht die Mutter, Geliebte oder Lehrerin von früher ist, während der Geruch eine ältere, körperlich eingelagerte Zugehörigkeit mobilisiert. Gerade diese kurze Diskrepanz erklärt, weshalb ein Parfüm stärker erschüttern kann als ein Foto. Das Foto zeigt die Abwesende als Abwesende. Der Geruch kann sie für einen Moment als anwesend simulieren.
Literarisch ist dieser Zusammenhang weit älter als Prousts Madeleine. Eine besonders schöne Spur führt zu Gaston Leroux und seinem Rouletabille-Zyklus. In Le Parfum de la dame en noir wird die Suche nach der Mutter ausdrücklich mit einem Duft verknüpft. Rouletabille erkennt die geheimnisvolle Frau über das Parfüm, das ihn in seine Kindheit zurückführt, bevor sich die familiäre Konstellation vollständig aufklärt. Die Mutter ist zunächst weniger Gesicht als olfaktorische Aura. Was als Kriminalmotiv funktioniert, trifft zugleich etwas psychologisch Plausibles. Ein Geruch kann Identität anzeigen, bevor die bewusste Biografie sie eingeholt hat.
Damit bekommt Parfüm eine fast unheimliche Funktion. Es kann eine Person vertreten. Nicht metaphorisch, sondern sinnlich. Ein leerer Flakon einer verstorbenen Mutter ist gerade deshalb mehr als ein Gegenstand. Solange noch ein Rest des Duftes vorhanden ist, scheint auch etwas von ihrer körperlichen Anwesenheit konserviert. Moderne Projekte versuchen inzwischen sogar, individuelle Körpergerüche für Hinterbliebene zu konservieren und als „memory perfumes“ zu rekonstruieren. Das ist gleichermaßen rührend und philosophisch beunruhigend, weil damit ein bislang dem Verschwinden überlassener Bestandteil der Person zum archivierungsfähigen Material wird.
Man könnte darin eine neue Form von Reliquienkultur sehen. Die traditionelle Reliquie konserviert Knochen, Haare, Kleidungsstücke oder Gegenstände, die mit einer Person in Berührung gekommen sind. Das Erinnerungsparfüm konserviert keine Substanz des Menschen, sondern eine chemisch rekonstruierte Erscheinungsweise. Gerade deshalb könnte es dem emotionalen Gedächtnis näherkommen als das objektiv authentischere Haarbüschel in einer Schatulle. Wir erkennen Menschen ohnehin nicht nur an Körperformen und Namen. Jeder Mensch besitzt eine olfaktorische Umgebung aus Haut, Waschmittel, Wohnung, Tabak, Kosmetik, Essen, Stoffen und Parfüm, die selten bewusst analysiert wird und sich dennoch tief einprägen kann.
Des Esseintes baut eine Geruchsorgel
Literarisch hat kaum jemand die kulturelle Möglichkeit des Parfüms lustvoller übertrieben als Joris-Karl Huysmans in À rebours. Des Esseintes zieht sich bekanntlich aus der Gesellschaft zurück und errichtet sich ein künstliches Gegenuniversum, in dem Natur nur noch dort geduldet wird, wo sie durch Kultur verbessert, ersetzt oder wenigstens hinreichend pervertiert worden ist. Sein Haus ist weniger Wohnung als Wahrnehmungslabor. Farben, Edelsteine, Bücher, Pflanzen, Getränke und Düfte werden zu Instrumenten einer privaten Gegenwelt, die sich vom vulgären Diktat des Vorgefundenen emanzipieren soll.
Die berühmte Geruchsorgel gehört genau in dieses System. Des Esseintes verfügt über Essenzen und Duftstoffe wie ein Musiker über Töne. Gerüche sollen kombiniert, gesteigert und gegeneinandergesetzt werden, bis aus ihnen imaginäre Landschaften und Situationen entstehen. Das ist keine harmlose Parfümliebhaberei. Huysmans entwirft damit eine Kunstform, in der Geruch seine dekorative Nebenrolle verliert und kompositorisch wird. Der Duft soll nicht mehr nur den Körper verschönern. Er soll Welten erzeugen.
Des Esseintes ist insofern ein früher Virtuose synthetischer Wirklichkeit. Er braucht den Wald nicht, wenn sich dessen olfaktorische Idee aus Essenzen herstellen lässt. Die Natur wird nicht nachgeahmt, sondern in sinnliche Parameter zerlegt, aus denen eine kontrolliertere, subjektivere und letztlich künstlichere Natur gebaut wird. Das verbindet Huysmans erstaunlich direkt mit unseren gegenwärtigen virtuellen Bildwelten. Auch dort geht es nicht mehr primär darum, eine vorgefundene Wirklichkeit abzubilden. Man erzeugt Bedingungen, unter denen eine alternative Wirklichkeit plausibel erscheint.

Gerade deshalb ist die Geruchsorgel mehr als eine schöne dekadente Kuriosität. Sie stellt die Frage, weshalb Kunstgeschichte nahezu ausschließlich Augen und Ohren privilegiert hat. Museum und Konzertsaal sind Institutionen der Fernsinne. Das Bild darf betrachtet, die Musik gehört werden. Geruch dagegen dringt in den Körper ein, lässt sich räumlich schlechter begrenzen und verweigert sich einer sauberen Distanz zwischen Werk und Betrachter. Man kann ein Gemälde ignorieren, indem man wegschaut. Einen starken Geruch ignoriert man erheblich schlechter.
Hier könnte ein Grund liegen, weshalb olfaktorische Kunst so lange randständig blieb. Der Geruch ist ästhetisch ungehorsam. Er breitet sich aus, vermischt sich mit anderen Gerüchen, verändert sich mit Temperatur und Luftströmung und lässt sich nur begrenzt für jeden Betrachter identisch reproduzieren. Vor allem besitzt er keine klare Oberfläche. Man kann kaum sagen, wo das Werk endet und der Raum beginnt. Gerade darin ist die olfaktorische Kunst erstaunlich modern, denn sie löst jene Grenze zwischen Werk, Umgebung und Körper auf, die Happening und Installation später mit großem theoretischem Aufwand attackierten.
Ein Komponist lässt es riechen
Josef Anton Riedl gehört in diese Geschichte, weil bei ihm die Geruchsorgel gewissermaßen aus dem dekadenten Salon in die Nachkriegsavantgarde hinüberwandert. Der Komponist, der 1974 in Bonn das Kultur-Forum initiierte und sich intensiv mit elektroakustischer Musik, visueller Poesie und grenzüberschreitenden Aufführungsformen beschäftigte, arbeitete bereits in den 1960er und 1970er Jahren mit Licht, Szene, Aktion und ausdrücklich auch Geruch. In seinem Vielleicht-Duo / Light / Scene Environment / Action von 1963–70 taucht Geruch als Bestandteil einer audiovisuellen beziehungsweise multisensorischen Komposition auf.
Gerade Riedl ist für die Geschichte interessant, weil er Geruch nicht als Warenästhetik oder Parfümkunst behandelte, sondern in das erweiterte Instrumentarium der neuen Musik einbezog. Wenn Klang längst aus Tonband, Geräusch, Sprache, Raum und Aktion bestehen konnte, warum sollte der Geruch ausgeschlossen bleiben? Die traditionelle Konzertästhetik hatte das Werk akustisch isoliert. Die Nachkriegsavantgarde begann dagegen, den Aufführungsraum selbst als Material zu behandeln. Licht, Körperbewegung, Projektion und Geruch konnten Bestandteile einer Situation werden, in der das Publikum nicht mehr nur mit den Ohren anwesend war.
Das ist im Grunde die olfaktorische Schwester des Happenings. Kaprow macht Raum, Bewegung und Publikum zu Material, Riedl erweitert den musikalischen Vorgang über das Hörbare hinaus. Die Geruchsorgel von Des Esseintes verlässt damit die dekadente Privatwohnung und nähert sich der experimentellen Kunstpraxis. Der Unterschied ist allerdings bezeichnend. Huysmans’ Held will totale subjektive Kontrolle über die Empfindung. Die Avantgarde produziert dagegen Situationen, deren Wirkung sich gerade nicht vollständig kontrollieren lässt. Zwei Menschen hören schon Musik verschieden, aber bei Gerüchen potenziert sich die Differenz durch individuelle Erfahrung, genetische Variation, Gewöhnung und Erinnerung.
Das Kino bekommt eine Nase
Dass ausgerechnet das Kino immer wieder versucht hat, Geruch zu integrieren, ist fast unvermeidlich. Kein anderes Medium des 20. Jahrhunderts betrieb die technische Simulation von Anwesenheit mit vergleichbarem Ehrgeiz. Bewegung, Ton, Farbe, Breitbild, Stereophonie, 3D und immer größere Projektionsflächen sollten die Differenz zwischen Bild und Welt verkleinern. Der Geruch war deshalb die logisch nächste Eroberung, gerade weil er dem Film etwas hinzufügte, das sich nicht auf einer Leinwand darstellen lässt.
Schon vor dem berühmten Smell-O-Vision gab es unterschiedliche Versuche, Düfte in Vorführungen einzuspeisen. Besonders aufwendig wurde es 1960 mit Jack Cardiffs Scent of Mystery, produziert von Mike Todd Jr. Das von dem Schweizer Hans Laube entwickelte Smell-O-Vision sollte Gerüche synchron zum Film in den Zuschauerraum beziehungsweise an die einzelnen Sitzplätze bringen. Rund dreißig Düfte waren vorgesehen, und Gerüche sollten teilweise sogar Hinweise für die Handlung liefern. In der Praxis funktionierte das System notorisch schlecht. Düfte kamen zu spät, waren zu schwach oder zu ähnlich, und das Publikum schnüffelte angestrengt einem technischen Versprechen hinterher, das sich in der Luft verflüchtigte.
Gerade dieses Scheitern ist ästhetisch interessant. Bild und Ton lassen sich technisch relativ präzise synchronisieren. Geruch besitzt dagegen eine andere Zeitlichkeit. Ein Bild verschwindet mit dem Schnitt, ein Geruch nicht. Er bleibt im Raum, vermischt sich mit dem nächsten und schafft ein olfaktorisches Gedächtnis des Films, das dessen Montageprinzip widerspricht. Das Kino kann eine Rose in einer Zehntelsekunde durch eine Tankstelle ersetzen. Die Nase benötigt für diesen Schnitt erheblich länger.
Smell-O-Vision scheiterte also nicht nur an schlechter Technik. Es stieß auf eine Eigenart des Mediums Geruch. Düfte lassen sich schlechter diskretisieren als Bilder. Sie besitzen Nachhall ohne Ton. Ein Geruchsfilm muss deshalb nicht nur Gerüche erzeugen, sondern sie auch wieder beseitigen, und gerade die Neutralisierung erwies sich als technisch schwierig. Die Nase produziert eine Form von Kontinuität, die dem harten Filmschnitt Widerstand leistet.
John Waters begriff zwanzig Jahre später, dass man aus diesem Scheitern besser eine Komödie machen sollte. Bei Polyester von 1981 erhielten die Zuschauer Odorama-Karten mit nummerierten Riechfeldern. Wenn eine Zahl auf der Leinwand erschien, wurde gekratzt und gerochen. Neben Blumen oder Pizza gehörten selbstverständlich auch Benzin, schmutzige Schuhe und unangenehmere Gerüche zum Repertoire. Waters verwandelte die angebliche Erweiterung der filmischen Illusion in einen schmutzigen Witz über eben diese Illusion. Der Zuschauer bekam nicht den Duft der totalen Immersion, sondern eine Scratch-and-Sniff-Karte in die Hand und durfte sich selbst an der Nase herumführen.
Das ist typisch Waters und zugleich klüger als der technologische Ernst von Smell-O-Vision. Odorama versteckt seine Künstlichkeit nicht. Es macht die Lächerlichkeit des Apparats zum Bestandteil des Vergnügens. Der Geruch will nicht so tun, als sei er unmittelbar aus der filmischen Welt in den Kinosaal gelangt. Er erscheint ausdrücklich als zusätzliche, groteske Manipulation. Man kratzt an einem Stück Karton und produziert sich damit selbst die Illusion.

Das Kino gewinnt dadurch nicht einfach einen neuen Sinn. Es thematisiert, wie sehr Wahrnehmung ohnehin technisch organisiert wird. Man könnte sogar behaupten, dass Waters den Geruch gerade dadurch künstlerisch ernst nimmt, dass er ihn nicht ernsthaft naturalisiert. Die Nase bekommt ihr Medium nicht als perfektes Fenster zur Wirklichkeit, sondern als Gag, Störung und aktive Handlung.
Parfüm als Gedächtniskultur
Wenn Parfüm Erinnerung auslösen kann, wird der Flakon zum kleinen privaten Archiv. Das unterscheidet ihn grundsätzlich vom Familienalbum. Fotografien konservieren konkrete optische Konstellationen. Sie sagen: So sah der Mensch aus, so stand er da, so war das Zimmer eingerichtet. Parfüm konserviert eine viel diffusere Anwesenheit. Es sagt weniger, wer dort war, als wie es sich anfühlen konnte, wenn diese Person den Raum betrat.
Gerade deshalb ist der Duft als Erinnerungsmedium zugleich ärmer und reicher. Er besitzt weniger explizite Information. Man kann einem Parfüm nicht ansehen, welches Kleid die Mutter trug, ob es Winter war oder welche Möbel im Zimmer standen. Aber genau die Abwesenheit dieser Details zwingt das Gedächtnis zu einer Rekonstruktion, die stärker aus emotionalen und körperlichen Komponenten besteht. Der Duft ist kein Bild der Vergangenheit. Er ist ein Reiz, der einen vergangenen Zustand des eigenen Organismus teilweise reaktiviert.
Daraus erklärt sich auch der Eindruck größerer Authentizität. Die Fotografie liegt vor uns als Gegenstand und wird betrachtet. Der Geruch tritt in uns ein. Natürlich ist auch dies physiologisch prosaischer, als die poetische Formulierung klingt. Duftmoleküle binden an Rezeptoren, neuronale Muster werden verarbeitet und mit gespeicherten Assoziationen verbunden. Aber phänomenologisch bleibt der Unterschied erheblich. Das Bild zeigt mir meine Vergangenheit. Der Geruch verändert für einen Moment meinen gegenwärtigen Zustand so, dass die Vergangenheit in ihm wieder anschlussfähig wird.
Ein Parfüm kann deshalb zur Stellvertretung einer Person werden, ohne sie abzubilden. Das erklärt, weshalb Menschen Flakons Verstorbener aufheben, obwohl darin kaum noch etwas enthalten ist. Die wenigen Moleküle im Glas besitzen eine paradoxe Kostbarkeit, denn mit jedem Öffnen wird das Erinnerungsmittel verbraucht. Das Foto nutzt sich durch Betrachtung kaum ab. Der Duft stirbt bei jeder Erinnerung ein wenig.
Das ist eine geradezu perfekte Metapher für Erinnerung überhaupt. Wir glauben, Erinnerungen durch Wiederholung zu bewahren, und verändern sie bei jeder Wiederholung. Auch der Duft wird durch seine Benutzung schwächer, während die dadurch ausgelöste Geschichte stärker werden kann. Irgendwann bleibt ein leerer Flakon zurück, dessen Geruch nur noch erinnert wird. Die Erinnerung an den Geruch ersetzt dann den Geruch, der zuvor die Erinnerung ausgelöst hatte. Das Gedächtnis schließt den Kreis und benötigt sein materielles Hilfsmittel nicht mehr, oder bildet sich zumindest ein, darauf verzichten zu können.
Museen beginnen diese Dimension inzwischen ernster zu nehmen. Historische Gerüche werden rekonstruiert, um Ausstellungen um Wahrnehmungsebenen zu erweitern, die traditionelle Objektpräsentationen nicht erreichen. Scent Designer wie Tasha Marks haben für britische Institutionen Düfte historischer Körperpflege, Räume oder Milieus rekonstruiert. Das ist wissenschaftlich heikel, weil ein historischer Geruch nie einfach objektiv wiederhergestellt werden kann. Materialien, Rezepturen, Körper, Räume und vor allem die kulturelle Interpretation des Geruchs haben sich verändert. Gerade deshalb ist das Projekt interessant. Es macht sichtbar, dass Geschichte bislang weitgehend geruchlos erzählt wurde.
Unsere Vorstellung von Versailles riecht normalerweise nach nichts. Ebenso wenig riechen Mittelalter, Industrialisierung, Kindheit oder Krieg, sobald sie ins Museum gelangen. Das ist eine enorme Verarmung, denn historische Wirklichkeiten waren olfaktorisch viel aggressiver als die gereinigten Räume ihrer späteren Darstellung. Rauch, Tiere, Abwasser, Holz, Körper, Essen, Leder, Medizin, Parfüm, Kerzen, Maschinenöl und Feuchtigkeit gehörten zur Wahrnehmung von Orten, deren Rekonstruktionen wir heute fast ausschließlich betrachten.
Geschichtsschreibung hat deshalb einen visuellen Bias. Wir glauben besonders gern an das, was fotografiert, gemalt oder in Dokumenten beschrieben werden kann. Gerüche verschwinden dagegen fast vollständig aus dem materiellen Archiv. Das macht Parfüm zu einem außergewöhnlichen Sonderfall. Ein historischer Flakon kann nicht nur ein Designobjekt sein, sondern Träger eines olfaktorischen Stils, sofern seine Rezeptur rekonstruierbar bleibt. Chanel No. 5, Shalimar oder andere langlebige Duftkompositionen sind deshalb zugleich Gegenstände, Gerüche und soziale Zeitmarken.
Natürlich bleibt auch hier die Authentizität prekär. Rezepturen ändern sich, Rohstoffe werden ersetzt, gesetzliche Bestimmungen verändern Zusammensetzungen, Hautchemie und Mode beeinflussen die Wahrnehmung. Das „gleiche“ Parfüm von heute ist nicht notwendig das gleiche wie 1955. Aber gerade diese Instabilität macht es zu einem interessanten Erinnerungsmedium. Erinnerung funktioniert ebenso. Wir wollen Identität und erhalten Variation.
Süskind und die totalitäre Nase
An Patrick Süskind kommt ein Essay über Geruch selbstverständlich nicht vorbei. Das Parfum macht aus der olfaktorischen Überlegenheit seines Jean-Baptiste Grenouille eine groteske Gegenanthropologie. Grenouille kann die Welt riechen, besitzt aber selbst keinen eigenen Körpergeruch. Gerade diese Leerstelle ist entscheidend. Er ist olfaktorisch allmächtig und sozial beinahe nicht existent. Sein Traum besteht schließlich darin, den Geruch selbst technisch zu beherrschen und damit die emotionalen Reaktionen anderer Menschen zu manipulieren.
Süskinds Roman treibt damit jene Machtphantasie ins Monströse, die auch der Parfümwerbung in harmloserer Form zugrunde liegt. Ein Duft soll andere Menschen nicht nur erfreuen, sondern ihr Urteil verändern. Begehren soll programmierbar werden. Grenouille stellt am Ende keine Schönheit her, sondern eine chemische Autorität über das soziale Gefühl.
Hier kehrt mein alter Gucci-Witz unter düsteren Vorzeichen zurück. Die Industrie verkauft Schuld, Begierde, Unschuld und Gefahr als olfaktorische Selbstentwürfe. Grenouille nimmt diese Metaphorik wörtlich. Wenn Liebe durch Geruch ausgelöst werden kann, dann lässt sich Liebe herstellen. Der Roman zeigt, wie schnell aus der Ästhetik der Verführung eine Politik der Manipulation werden kann.
Aber auch Süskind weiß, dass der Duft seine Macht nur erhält, weil Menschen bereits olfaktorische Wesen sind. Grenouille erfindet die emotionale Bedeutung von Geruch nicht. Er nutzt sie. Das ist der interessante Punkt, an dem Literatur und Neurowissenschaft einander berühren, ohne sich gegenseitig erklären zu können. Die Kunst erfindet eine totalitäre Geruchsfantasie, die Wissenschaft zeigt, weshalb olfaktorische Reize tatsächlich ungewöhnlich starke emotionale Assoziationen besitzen können.
Die Nase als ungebildeter Sinn
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten westlicher Kultur, dass wir unglaublich differenziert über Bilder, Musik und Sprache reden können und beim Geruch schnell bei „gut“, „schlecht“, „süßlich“ und „irgendwie frisch“ landen. Parfümeure besitzen selbstverständlich ein differenziertes Vokabular, aber im Alltag bleibt der Geruchssinn sprachlich unterentwickelt. Wir können einen Farbton präzise zeigen und eine Melodie wiedererkennen. Einen Geruch zu beschreiben, ohne seinen Ursprung zu nennen, ist erheblich schwieriger.
Diese sprachliche Schwäche trägt vermutlich dazu bei, dass Geruchserinnerungen so unmittelbar erscheinen. Zwischen Reiz und Gefühl steht weniger begriffliche Analyse. Das bedeutet nicht, dass Geruch vorsprachlich oder kulturell unberührt wäre. Im Gegenteil sind Geruchsbewertungen kulturell und biografisch stark geprägt. Aber wir erleben sie häufig, bevor wir sie sprachlich einordnen können. Etwas riecht vertraut, abstoßend oder begehrenswert, und erst danach beginnt die mühsame Suche nach dem Wort.
Geruch ist insofern ein seltsam ungebildeter Sinn, und gerade darin liegt seine Bildungskraft. Er zwingt uns gelegentlich zurück in einen Zustand, in dem Wahrnehmung noch nicht vollständig etikettiert ist. Das ist im Museum ebenso interessant wie in Literatur und Erinnerung. Ein Geruch kann eine Atmosphäre herstellen, die sich einer schnellen Interpretation entzieht.
Des Esseintes wusste das. Seine Geruchsorgel ist auch deshalb so radikal, weil sie einen Sinn kompositorisch ernst nimmt, für den die Kultur kaum eine etablierte Grammatik besitzt. Man kann Akkorde benennen, Farbharmonien analysieren und rhetorische Figuren klassifizieren. Eine Folge von Leder, Veilchen, Staub, Rauch und feuchtem Holz besitzt dagegen keine allgemein verbindliche Syntax. Genau deshalb kann sie einen Imaginationsraum öffnen, der weniger kulturell vorformatiert wirkt.
Geruch als virtuelle Realität
Von hier aus lässt sich die Geruchsorgel überraschend mit heutiger virtueller Realität verbinden. Virtuelle Welten bleiben bis heute überwiegend audiovisuelle Konstruktionen. Headsets verbessern Auflösung, räumlichen Klang, Blickverfolgung und haptische Rückmeldungen, während Geruch meist exotisches Zusatzexperiment bleibt. Das ist technisch verständlich und phänomenologisch bedauerlich.
Denn eine visuell perfekte virtuelle Straße bleibt merkwürdig steril, solange sie nach nichts riecht. Eine Bäckerei ohne Brotgeruch, ein Bahnhof ohne Metall, Staub, Bremsen und Menschen, ein Wald ohne Erde und Feuchtigkeit bleiben Simulationen, deren Körperlosigkeit gerade an der Nase auffällt. Der Geruch markiert eine Grenze zwischen Bildraum und Anwesenheit.
Das erklärt zugleich, weshalb olfaktorische Virtualität so mächtig und so gefährlich wäre. Ein realistischer Geruch müsste nicht bloß die sichtbare Szene ergänzen. Er könnte emotionale Zustände und autobiografische Assoziationen mobilisieren, die der Designer gar nicht vollständig kennt. Der virtuelle Wald riecht für den einen nach Ferienkindheit, für den anderen nach einem Unfall, für den dritten nach gar nichts Besonderem. Der Geruch lässt sich technisch ausgeben, seine biografische Bedeutung aber nicht standardisieren.

Genau darin unterscheidet sich die Geruchsorgel von einem Bildschirm. Ein Bild kann zwar ebenfalls sehr unterschiedliche Erinnerungen auslösen, doch Duft ist in besonderer Weise an persönliche Erfahrung gekoppelt. Wer olfaktorische Welten komponiert, komponiert deshalb mit einem Material, dessen eigentliche Bedeutung erst im Gedächtnis des Betrachters entsteht.
Das macht jeden Menschen ein wenig zum Koautor. Des Esseintes hätte diese Unberechenbarkeit vermutlich gehasst, weil er seine Wahrnehmung bis ins Detail kontrollieren wollte, während die interessanteste zeitgenössische Geruchskunst gerade akzeptieren müsste, dass der Duft im Publikum Dinge tut, die kein Künstler vollständig planen kann.
Die Zukunft riecht nach Vergangenheit
Es ist eine schöne Ironie, dass ausgerechnet der flüchtigste Sinn ein besonders hartnäckiges Verhältnis zur Vergangenheit besitzt. Moderne Technologie produziert immer präzisere Archive. Milliarden Fotografien, Nachrichten, Videos, Standortdaten und Tonaufnahmen dokumentieren unsere Biografien in einer Dichte, die früher undenkbar war. Trotzdem kann ein zufälliger Geruch mehr Vergangenheit freisetzen als ein Ordner mit zehntausend Bildern.
Das könnte daran liegen, dass das digitale Archiv zu viel weiß und zu wenig empfindet. Es besitzt Informationen über unsere Vergangenheit, aber keine Gewichtung dessen, was diese Vergangenheit für uns bedeutete. Der Geruch dagegen ist informationsarm und affektreich. Er kennt weder Datum noch Adresse, aber er kann die emotionale Signatur eines Augenblicks zurückbringen.
Parfüm wird dadurch zu einer Gegenform des digitalen Gedächtnisses. Die Cloud speichert alles möglichst unverändert. Der Duft speichert fast nichts und löst dennoch etwas aus. Das eine arbeitet mit Bestand, das andere mit Resonanz.
Naheliegend wäre hier der Satz gewesen, dass die Nase das bessere Archiv sei. Aber das wäre falsch und außerdem zu hübsch. Geruch ersetzt Dokumentation nicht. Wer wissen will, wie ein Haus aussah oder wann eine Reise stattfand, sollte lieber ein Foto oder einen Kalender konsultieren. Der Geruch leistet etwas anderes. Er rekonstruiert weniger die äußere Ordnung der Vergangenheit als deren subjektive Dichte.
Gerade deshalb ist Parfüm Erinnerungskultur in einem starken Sinn. Es konserviert nicht die Vergangenheit selbst. Es konserviert eine Möglichkeit ihrer Wiederbelebung. Diese Möglichkeit bleibt riskant, denn nicht jeder alte Duft ist angenehm. Ein Parfüm kann Trauer, Angst, Scham oder Verlust genauso schnell zurückbringen wie Geborgenheit. Gerüche sind keine sentimentalen Zeitmaschinen, die zuverlässig in glückliche Kindheiten fahren. Sie können ebenso in Räume führen, deren Tür man absichtlich geschlossen hatte. Gerade diese Ambivalenz bewahrt den Geruch vor Kitsch, denn Erinnerung ist nicht automatisch schön, nur weil sie alt ist.
Epilog: Eine Geruchsorgel für die verlorene Zeit
Ich stelle mir deshalb für diese Seite keine Illustration mit einem hübschen Flakon und Rosenblättern vor. Das wäre genau jene dekorative Verharmlosung, die dem Thema nicht gerecht wird. Ich möchte Des Esseintes’ Geruchsorgel sehen, nicht als historistische Rekonstruktion, sondern als unmögliche Maschine zwischen dekadentem Salon, Labor, Orgel, Parfümerie und Gedächtnisapparat. Kleine Flakons, Glasröhren, Register, Ventile und etwas von einem musikalischen Spieltisch könnten eine Maschine bilden, an der keine Töne, sondern Räume, Körper und verlorene Zeiten angeschlagen werden.
Daneben gehört die Nachkriegsversion dieser Idee. Josef Anton Riedls experimenteller Aufführungsraum, in dem Klang, Licht, Aktion und Geruch nicht mehr getrennte Künste sind, sondern Bestandteile einer Situation. Und irgendwo weiter hinten müsste John Waters mit seiner billigen Odorama-Karte stehen, weil er uns daran erinnert, dass jede große Utopie der totalen Sinneskunst irgendwann Gefahr läuft, als Pappkarte mit Kratzfeldern wiederzukehren.
Zwischen Huysmans und Waters liegt die ganze Komik der Moderne. Der eine träumt von der aristokratischen Beherrschung sämtlicher Empfindungen, der andere lässt sein Publikum an nummeriertem Karton riechen und schickt ihm unter anderem Benzin und schlechte Schuhe in die Nase. Beide wissen aber, dass Kunst nicht bei Auge und Ohr enden muss.
Und zwischen ihnen steht Proust, der überhaupt keine Geruchsmaschine benötigt. Ein Gebäck und etwas Tee reichen aus, um eine verlorene Welt wiederherzustellen. Das ist möglicherweise die größte Kränkung für jede technische Immersionskunst, denn sie baut Apparate, Ventile, Projektoren, Headsets und Duftgeneratoren, um Wirklichkeit möglichst vollständig zu simulieren, während das menschliche Gedächtnis gelegentlich mit einem einzigen Molekülgemisch auskommt, um eine ganze Stadt, ein Zimmer, eine Person und ein längst vergangenes Selbst wieder erscheinen zu lassen.
Parfüm ist deshalb nicht bloß Schmuck des Körpers. Es ist eine unsichtbare Architektur der Zeit. Wir tragen mit einem Duft nicht nur etwas auf die Haut, sondern können, ohne es zu wissen, eine Gedächtnisspur in anderen Menschen hinterlassen, die länger hält als unsere Anwesenheit. Jahrzehnte später kann jemand durch eine fremde Straße gehen, denselben Duft riechen und für eine Sekunde wieder in einem Zimmer stehen, das längst nicht mehr existiert.
Das ist weniger romantisch, als es klingt, denn es ist eine fast erschreckende Form von Fortdauer. Der Mensch verschwindet, und der Duft verschwindet ebenfalls, und dennoch kann irgendwann irgendwo eine andere Flasche geöffnet werden, sodass für einen Augenblick etwas zurückkommt. Es ist nicht die Person und nicht die Vergangenheit, sondern jene eigenartige emotionale Wirklichkeit, in der beide noch einmal anwesend erscheinen.
Gerade darin liegt die Macht der Nase. Sie beweist nichts, sie argumentiert nicht und sie archiviert schlecht. Aber wenn sie erinnert, tut sie es mit einer Unverschämtheit, gegen die sich die ordentliche Chronologie unseres Lebens für einige Sekunden kaum verteidigen kann.