Sprachstörung als Erkenntnisform
Sprache funktioniert am zuverlässigsten, wenn man ihr Funktionieren nicht bemerkt. Wörter finden ihre Plätze, Redensarten erledigen ihren Dienst, Satzanfänge wissen schon, wo sie enden werden. Wer „Morgenstund“ sagt, trägt das Gold beinahe automatisch im Mund. Die Regel bleibt unsichtbar, solange sie befolgt wird. Erst eine kleine Störung legt ihre Mechanik frei: Das erwartete Wort erscheint nicht, ein Laut biegt falsch ab, eine Bedeutung rutscht auf den Nachbarsitz. Plötzlich sieht man den Satz bei der Arbeit.
Das defekte Sprichwort ist deshalb kein zerstörtes Sprichwort. Es muss im Gegenteil sehr gut erhalten sein, damit seine Abweichung wirkt. Ein einziges ausgetauschtes Wort genügt, und die alte Weisheit läuft mit unbeirrbarer Grammatik in eine neue, zweifelhafte Wahrheit. Der Fehler benötigt die Ordnung, gegen die er verstößt. Ohne das bekannte Satzgerüst gäbe es keine Fallhöhe, ohne sprachliche Erwartung keinen Unfallbericht.
Auch Nonsens ist selten die Abwesenheit von Sinn. Oft ist er dessen Übererfüllung. Er nimmt Klang, Syntax oder Redewendung ernster, als es die vernünftige Rede verträgt. Das Wortspiel folgt einer Vorschrift bis zu jenem Punkt, an dem die Vorschrift selbst komisch wird. Gerade Amtsdeutsch bietet dafür günstige Versuchsbedingungen: Seine Formulare, Zuständigkeiten und Passivkonstruktionen können jede Wirklichkeit so lange ordnen, bis sie amtlich verschwunden ist. Man braucht den Ton nur geringfügig zu überdrehen; die Halluzination war in ihm bereits angelegt.
Eine falsche Bildunterschrift arbeitet ähnlich. Sie zeigt nichts und erzeugt doch ein Bild, manchmal ein stärkeres als die korrekte Benennung. Der fehlende Gegenstand wird von der Sprache nachgeliefert: ein Rechner als Truthahn, Kleider auf der Flucht aus einer Bank, eine Banane, die sich ihrer Krümmung nicht entziehen kann. Das Archiv bewahrt solche Bilder nicht als Illustrationen, sondern als sprachliche Bauanweisungen für eine Vorstellung, die nie ausgeführt werden muss.
Die Ahnen dieses Verfahrens bilden keine geschlossene Schule. Kurt Schwitters behandelte Sprache wie vorgefundenes Material: lösbar aus ihrer üblichen Pflicht, versetzbar, neu montierbar. Ernst Jandl machte mit kleinsten lautlichen Verschiebungen hörbar, wo Wörter ihre Gelenke haben; bei ihm ist die Störung präzise gesetzt und gerade deshalb keine bloße Willkür. Christian Morgenstern ließ logische Konstruktionen tadellos weiterlaufen, nachdem ihr Gegenstand längst ins Unmögliche geraten war. Karl Valentin wiederum entdeckte in der Alltagssprache Fallen, die zuschnappen, sobald man eine Formulierung allzu folgerichtig nimmt.
Diese Namen adeln nicht jeden Kalauer. Sie markieren nur ein Gelände, auf dem sprachliche Fehlleistungen produktiv werden können. Entscheidend bleibt die einzelne Störung: Hat sie Rhythmus? Öffnet sie eine unerwartete Bedeutung? Ist sie genauer, als ein vernünftiger Satz sein dürfte? Oder erschöpft sie sich darin, ein bekanntes Wort durch ein anderes zu ersetzen? Das Wörterstörungsarchiv ist deshalb kein Speicher aus Treue, sondern eine Auswahl aus Misstrauen. Schwache Fundstücke dürfen verschwinden; der gute Fehler muss sich jedes Mal neu bewähren.
Was hier übrig bleibt, sind brauchbare Fehlleistungen. Manche tragen noch den Staub früher Netzkultur, manche geben sich als Lebensregel aus, manche sind nur zwei Wörter lang. Gemeinsam ist ihnen eine kleine Verschiebung, nach der die Sprache nicht mehr genau dorthin zurückfindet, wo sie herkam. Für einen Augenblick wird sichtbar, dass auch der korrekte Satz nur eine von vielen Möglichkeiten war.
Sch-Erz
ich sage scherz der scherz sagt sch ich sage erz das erz sagt schwer sch erz sch-erz ein wort mit bruchstelle ein sch vor dem erz ein erz hinter dem sch schreibtisch schreitisch scheibtisch sch ein brief fällt aus dem brief eine marke klebt an nichts ein wortrest hält sich am rand des nächsten wortrests sch erz sch-erz ernst war einmal ein ganzes wort jetzt liegt der sch darauf und macht ihn leichter oder schwerer sch sch sch erz am ende bleibt nicht der sinn sondern die stelle an der das wort gerissen ist.
Abteilung 01Verdrehte Sprichwörter
- Die Erbsen werden die Letzten sein.
- Vorsicht ist besser als Nachtschicht.
- Es ist nicht alles Lack, was glänzt.
- Aller Anstand ist schwer.
- Nachts sind alle Ampeln grau.
- Kommt Zeit, kommt Unrat.
- Wo ein Wille ist, ist auch ein Berg.
- Es ist noch kein Kleister vom Himmel gefallen.
- In der Not fressen Fliegen Teufel.
- Der Punsch war der Vater des Gedankens.
Abteilung 02Falsche Weisheiten
- Der Klügere gibt nach. Aber erst hinterher.
- Der Computer ist ein System zur Beseitigung der Unordnung, die er selbst zuvor produziert hat.
- Gestern standen wir vor dem Abgrund, heute bist du einen Tritt weiter.
- Eigenlob gärt am längsten.
- Irrsinn ist menschlich.
- Erst die Arbeit, dann der Konkurs.
- Sozialhilfe ist das halbe Leben. Die andere Hälfte sind die Antragsformulare.
- Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Ein fettes Bankkonto ist eine orientalische Ruhestatt.
- Die Welt als Pille und Verstellung.
Abteilung 03Amtliche Halluzinationen
- Die Rechtschreibreform hat die Rechtschreibschwäche zur Regel gemacht.
- Rüstungskontrolle.Eine Person prüft ihr Spiegelbild auf Vollständigkeit.
- Hauseigene Schlachtung von Wüstlingen.Hinweisschild über einem nicht näher bezeichneten Gewerbebetrieb.
- Im Kondominium der Verhütung.
- Warnung für Diabetiker: Arbeit macht das Leben süß.
- Von der Wende bis zur Spende.
Abteilung 04Mediale Fossilien
- Die Axt im Haus erspart den Splatter-Channel.
- Man soll den Tag nicht vor dem Mondscheintarif loben.
- Der Weg zum Absturz ist mit guten Virenprogrammen gepflastert.
- Große Ereignisse werfen ihre Demoversionen voraus.
- Das Internet ist der Garten Eden nach dem Stromausfall.
- Das Netz vergisst nichts. Es erinnert nur falsch.
- Wer zu spät kommt, den bestraft das Update.
- Der Fortschritt erkennt seine Irrtümer daran, dass sie kompatibel bleiben.
- Nichts ist so endgültig wie eine vorläufig gespeicherte Fassung.
- Der Computer erspart uns die Fehler, die wir ohne ihn niemals gemacht hätten.
- Früher veralteten Geräte. Heute veraltet ihre Umgebung.
- Das Internet verbindet alles mit allem, vor allem das Überflüssige mit dem Dringenden.
- Jede neue Benutzeroberfläche löst Probleme, die ihre Vorgänger noch nicht hatten.
- Die Zukunft wurde heruntergeladen. Die Datei lässt sich nicht öffnen.
- Was im Netz verschwindet, taucht später als Erinnerung wieder auf.
- Der Fortschritt beginnt dort, wo die Bedienungsanleitung aufhört.
- Manche Programme werden nicht beendet, sie werden historisch.
- Stell dir vor, es ist Primetime und keiner schaltet ein.
Abteilung 05Bildunterschriften ohne Bild
- Krumm bleibt krumm, da helfen keine Pillen.Eine Banane wartet auf den Befund.
- Alte Liebe rostet nicht.Ein angekettetes Liebespaar im Verlies.
- Computer.Ein Rechner, der wie ein Truthahn aussieht.
- Kleider machen Beute.Kleider verlassen eine Bank mit überquellenden Taschen.
- Die Liebe zur Weißheit.Leere Seite.
- Eiskreml.Der Rote Platz auf einer Eiswaffel.
- Zeitgeist.Ein Wüstling schaut auf die Uhr.
Abteilung 06Sprachreste
- Wasserhahn. Wasserhenne.
- Cogito ergo krumm.
- Philosoff.
- Die Banane des Columbus.
- Der Klops der reinen Vernunft.
- Die feuchtfröhliche Wissenschaft.
- Budapest.Ein Buddha mit Pestbeulen.
- Allzu viel ist kugelrund.
- Made in Germany. Wanze in Germany. Grille in Germany.
Abteilung 07Sätze, die irgendwo falsch abgebogen sind
- Am Anfang war das Wort. Später kamen die Satzzeichen hinzu.
- Eher geht ein Reicher durch ein Nadelöhr als ein Kamel in die Universität.
- Besser eine Taube auf dem Dach als ein Kuckuck auf den Möbeln.
- McDonald’s ist das Land, wo Milch und Honig zum Milchshake gerinnen.
- Was siehst du aber die Kontaktlinse in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Bretts vor deinem Kopf?
- Moderne Künstler sind Leute, die das Vorstellungsvermögen anderer strapazieren, um hinterher zu behaupten, sie hätten einen Einfall gehabt.
Die ältere, ungekürzte Materialsammlung bleibt im Projektarchiv erhalten. Diese Fassung zeigt eine redaktionelle Auswahl; Auslassung ist hier kein Verlust, sondern das erste Ordnungsprinzip.