Der repräsentative Bestand
Bibliotheken beginnen nicht mit dem Lesen. Sie beginnen mit dem Anblick von Büchern. Lange bevor man weiß, was in ihnen steht, erfährt man, dass sie eine Ordnung bilden können, eine Wand, einen Raum, manchmal beinahe eine Architektur. Die alte Bibliothek war deshalb immer auch Repräsentation. Sie zeigte nicht nur, was jemand gelesen hatte, sondern zunächst, welchem geistigen Kosmos er sich zurechnen wollte. Reihen von Klassikern, Lexika, Gesamtausgaben und Folianten verkündeten eine Welt, in der Wissen nicht zufällig vorkam, sondern Bestand hatte. Selbst das Ungelesene erhielt durch seine Anwesenheit Würde.
Darin lag etwas Rationales und etwas vollkommen Irrationales. Rational war die Vorstellung, wichtige Texte verfügbar zu halten. Irrational war der stillschweigende Traum, eine Bibliothek könne irgendwann vollständig sein. Genau diese Hoffnung gehörte für mich lange zum Aufbau einer eigenen Bibliothek. Man kaufte nicht einfach Bücher. Man schloss Lücken. Ein Autor verlangte nach einem zweiten Werk, dieses nach der Gesamtausgabe, die Gesamtausgabe nach Sekundärliteratur, die Sekundärliteratur nach dem Buch, auf das sie sich bezog. Hinter jedem geschlossenen Loch öffneten sich zwei neue. Der Bestand wuchs gerade durch den Versuch, ihn abzuschließen.
Die private Bibliothek ist deshalb eines jener Unternehmungen, deren Sinn von der prinzipiellen Unerreichbarkeit ihres Ziels lebt. Wer sie vollständig machen will, hat schon verloren. Nicht weil die Bücher unendlich wären, sondern weil sich die Kriterien der Vollständigkeit während des Sammelns verändern. Hat man Nietzsche vollständig, fehlt die Nietzsche-Forschung. Hat man die Kunstgeschichte, fehlen die Kataloge. Hat man die Kataloge, entdeckt man einen Künstler, von dem es eine längst vergriffene Monographie gibt, die wiederum in irgendeiner Antiquariatsliste auftaucht. Vollständigkeit ist die Hydra des Bibliophilen.
Roger Willemsen erzählte mir einmal von einem Freund, der das Gegenteil betrieb. Er besaß nur sehr wenige Bücher, dafür ausschließlich ganz ausgewählte bibliophile Ausgaben. Mich beeindruckte das, weil es eine geradezu asketische Gegenposition zur eigenen Bibliothekslogik darstellte. Statt Expansion: Auswahl. Statt dreitausend Möglichkeiten: wenige vollendete Gegenstände. Der Besitzer einer solchen Bibliothek muss nicht dauernd erklären, weshalb ausgerechnet dieses Buch noch fehlt. Er hat die Unendlichkeit durch Geschmack abgeschnitten.
Diese Haltung besitzt etwas Aristokratisches. Sie verweigert dem Buch die demokratische Vermehrung und behandelt es wieder als kostbaren Gegenstand. Nicht zehn Ausgaben, sondern die eine. Nicht Vollständigkeit, sondern Distinktion. Dem Sammler mit den wenigen bibliophilen Bänden steht der andere gegenüber, der irgendwann bemerkt, dass seine Bibliothek weniger Sammlung als Sediment geworden ist. Bücher sammeln sich um ein Leben herum wie geologische Schichten.
Nur wer die Bibliothek wirklich komplettieren wollte, musste irgendwann zum Dieb werden. Das ist weniger scherzhaft, als es zunächst klingt. Bibliotheken und Diebstahl gehören seit jeher zusammen. Bücher wurden entwendet, zurückbehalten, aus Klöstern fortgetragen, aus privaten Sammlungen verschwanden sie in öffentliche und aus öffentlichen in private. Wer ein einzigartiges Buch besitzt, erzeugt im anderen bereits die Versuchung seiner Aneignung. Die Idee des vollkommenen Bestandes enthält deshalb einen dunklen Punkt: Was fehlt und nicht käuflich ist, muss irgendwie anders beschafft werden. Noch jede universalistische Sammlung stößt irgendwann auf Eigentum.
Die Bibliothek ist insofern die zivilisierte Form eines Beutezuges. Natürlich kauft man heute meistens ordentlich, bezahlt Rechnungen und wartet auf den Postboten. Aber unter der Oberfläche arbeitet derselbe Impuls: Dieses Buch muss hierher. Es besitzt in der Welt einen falschen Ort und soll seinen richtigen Platz in meinem Regal finden. Der Bibliophile legitimiert seinen Imperialismus mit Signaturen.
Die Bibliothek von Babel
Der Traum von Vollständigkeit hat allerdings einen Punkt, an dem er in sein Gegenteil umschlägt. Jorge Luis Borges hat diesen Punkt in der „Bibliothek von Babel“ mit jener Genauigkeit beschrieben, die nur Phantastik besitzt, wenn sie ein philosophisches Problem ernster nimmt als die Wirklichkeit. Bei ihm ist nicht mehr nur eine besonders große Bibliothek gemeint. Das Universum selbst ist Bibliothek: eine Folge von sechseckigen Galerien, Treppen, Schächten und Regalen, in denen Bücher stehen, die aus allen möglichen Kombinationen eines begrenzten Zeichenvorrats bestehen. Weil die Länge der Bücher ebenfalls festgelegt ist, ist die Zahl der verschiedenen Bände zwar nicht mathematisch unendlich, aber so ungeheuer, dass der Unterschied für jeden Bewohner praktisch bedeutungslos wird. In dieser Bibliothek existiert alles, was überhaupt in dieser Form geschrieben werden kann: jedes wirkliche Buch, jedes noch ungeschriebene, die genaue Geschichte jedes Menschen, jede falsche Geschichte desselben Menschen, jede mögliche Übersetzung, jeder richtige Katalog der Bibliothek und unvorstellbar viele falsche.
Damit verwirklicht Borges den Traum des Sammlers und vernichtet ihn im selben Augenblick. Nichts fehlt mehr, und gerade deshalb kann nichts mehr sinnvoll besessen werden. Das fehlende Buch hatte die private Bibliothek angetrieben; in Babel ist das Fehlen abgeschafft, und mit ihm verschwindet der Kompass. Die Vollständigkeit erzeugt keine Erkenntnis, sondern eine epistemische Wüste aus Überfülle. Jede Wahrheit befindet sich irgendwo, aber neben ihr stehen Milliarden Abweichungen, Widerlegungen, Verstümmelungen und vollkommen sinnlose Zeichenfolgen. Die Anwesenheit der Wahrheit nützt wenig, wenn es kein hinreichendes Selektionsprinzip gibt, um sie vom nahezu grenzenlosen Unsinn zu unterscheiden.
Das ist die heimliche Pointe jeder universalen Bibliothek. Ein Bestand wird nicht dadurch erkenntnisfähig, dass er alles enthält. Er wird erkenntnisfähig durch Unterschiede, Ordnungen, Signaturen, Nachbarschaften, Ausschlüsse und die Möglichkeit, Relevantes von Irrelevantem zu trennen. Der Katalog ist deshalb keineswegs bloße Verwaltung der Bibliothek. Er ist ihre epistemische Bedingung. Borges treibt auch dies ins Absurde, weil selbstverständlich irgendwo in Babel der vollkommen richtige Katalog der gesamten Bibliothek existiert, aber ebenso unzählige falsche Kataloge, und niemand erkennen kann, welcher der richtige ist. Die totale Bibliothek enthält sogar ihre eigene Erlösung, ohne den Weg zu ihr mitzuliefern.
Der Bibliophile, der glaubte, nur noch einige Lücken schließen zu müssen, kann darin seine metaphysische Strafe erkennen. Er wollte Vollständigkeit und erhält Babel. Was bei dreitausend Büchern noch als beglückende Unübersichtlichkeit erscheint, wird bei der Gesamtheit aller möglichen Bücher zur Vernichtung jeder Orientierung. Vollständigkeit ist nicht nur unerreichbar. Sie wäre, erreicht, womöglich unerträglich.
Gerade deshalb bekommt auch Roger Willemsens Geschichte von dem Freund mit den wenigen ausgesuchten bibliophilen Bänden einen anderen Klang. Diese kleine Bibliothek wäre aus Borges’ Perspektive kein Mangel, sondern eine radikale philosophische Leistung. Der Besitzer hat nicht zu wenig gesammelt. Er hat selektiert. Er verteidigt Bedeutung durch Ausschluss. Gegen Babel hilft nicht mehr Bestand, sondern Urteil.
Die private Bibliothek ist deshalb glücklich unvollständig. Ihre Lücken sind nicht bloß Defekte, sondern die Bedingung ihrer Lesbarkeit. Ein Regal mit fünfzig, fünfhundert oder fünftausend Büchern besitzt eine Gestalt, weil sehr viel mehr Bücher nicht darin stehen. Jede Sammlung ist eine Behauptung über das, was aus der Welt hereingenommen und was draußen gelassen wurde. Gerade darin unterscheidet sie sich von Babel. Die Bibliothek von Babel enthält alles und sagt dadurch zunächst nichts; die private Bibliothek enthält fast nichts und kann gerade deshalb etwas über ihren Besitzer sagen.
Die öffentliche Bibliothek ordnet Wissen für alle; die private Bibliothek ordnet ein Leben, ohne es je vollständig zu verstehen. Borges’ Bibliothek ordnet dagegen zunächst gar nichts mehr, weil sie jede denkbare Ordnung gleichzeitig enthält. Sie ist die Apotheose des Bestandes und die Katastrophe der Auswahl.
Die ersten Gerüche
Es gibt Bücher, die ich gelesen habe, und Bücher, an die ich mich erinnere. Das ist keineswegs dasselbe. Von manchen großen Lektüren weiß ich nur noch, dass sie stattgefunden haben; ganze Romane, philosophische Systeme und historische Abhandlungen sind in jenem sonderbaren Gedächtnisnebel verschwunden, in dem sich der größte Teil unserer Bildung aufhält. Andere Bücher stehen noch vor mir, obwohl ich kaum sagen könnte, welche Sätze ich damals in ihnen gelesen habe. Ich sehe ihre Rücken, ihre Farben, das Papier, die Typographie, den Ort im Regal, und vor allem kann ich sie riechen.
Die ersten Bibliotheken meiner Erinnerung waren deshalb weniger Wissensspeicher als Atmosphären. In der Stadtbibliothek Bonn rochen Bücher nicht nach „Buch“, sondern jedes auf eine geringfügig andere Weise. Papier altert nicht abstrakt. Es nimmt Luft, Staub, Hände, Leim, Druckfarbe, Keller, Holz und die Jahre in sich auf. Manche Bände besaßen diesen trockenen, beinahe süßlichen Geruch älteren Papiers, andere etwas Muffiges, wieder andere die noch schärfere Ausdünstung von Druck und Bindung. Es war keineswegs immer angenehm. Gerade das machte die Sache glaubwürdig. Ein Buch war nicht jene hygienische Zeichenfläche, zu der der Bildschirm die Literatur später machen sollte. Es hatte eine Vergangenheit, bevor man es öffnete.
Heute ließe sich darüber eine kleine Chemie der Erinnerung schreiben. Papier zerfällt, organische Verbindungen lösen sich, Lignin und Leime verändern sich, und aus den materiellen Alterungsprozessen entstehen jene Gerüche, die wir sentimental dem „alten Buch“ zuschreiben. Aber diese chemische Erklärung kommt Jahrzehnte zu spät. Ein Kind oder Jugendlicher riecht keine flüchtigen organischen Verbindungen. Er riecht eine andere Welt.
Das ist ein Unterschied, den alle Medientheorie gern übersieht. Medien vermitteln nicht nur etwas. Sie besitzen eine eigene Körperlichkeit, die lange vor der Interpretation zu wirken beginnt. Wer ein Buch aus einem Regal nimmt, hat bereits mehrere Entscheidungen getroffen, bevor der erste Satz gelesen ist. Das Auge hat einen Rücken gesehen, die Hand eine Größe gewählt, das Gewicht registriert, die Finger haben einen Einband ertastet, und irgendwann entsteht diese eigentümliche Bewegung, bei der sich zwei Buchdeckel voneinander entfernen und ein begrenzter Raum aus Papier geöffnet wird. Wir nennen das beiläufig „ein Buch aufschlagen“. Tatsächlich ist es eine der erfolgreichsten Immersionstechniken der Kulturgeschichte. Virtual Reality muss einen beträchtlichen technischen Aufwand betreiben, um den Benutzer davon zu überzeugen, dass er sich an einem anderen Ort befindet; ein Buch benötigt dafür Papier und etwas Druckfarbe.
Nietzsche als Eingang
Meine frühen Bibliothekserfahrungen waren von diesem Übergang geprägt. Die Stadtbibliothek Bonn war kein neutraler Verteiler von Informationen. Schon die Reihen der Bücher machten Wissen räumlich. Philosophie befand sich irgendwo, Kunst befand sich anderswo, Geschichte hatte ihre Regale, Literatur ihre Zonen. Das bedeutete zugleich, dass Erkenntnis eine Topographie besaß. Man ging zu ihr hin und verirrte sich auf dem Weg. Dieses Verirren war keineswegs der Fehler eines unzulänglichen Suchsystems, sondern ein wesentlicher Teil des Vorgangs.
Ein heutiger Suchschlitz belohnt die richtige Frage, eine Bibliothek belohnte auch die falsche Bewegung. Man ging zu Nietzsche und kam mit einem anderen Autor zurück, suchte ein bestimmtes Buch und zog das danebenstehende heraus, weil sein Rücken merkwürdig aussah, oder entdeckte, dass zu einem bereits bekannten Namen zwanzig weitere Bücher existierten, von denen man nichts wusste. Die räumliche Nachbarschaft erzeugte Erkenntnis durch Kontingenz. Der Algorithmus versucht heute, diese Nachbarschaft zu simulieren, wenn er meldet, Leser dieses Titels interessierten sich auch für andere. Die Bibliothek hatte dafür ein Regal.
Mein Eintritt in die Philosophie führte durch Nietzsche, genauer durch jene Ullstein-Bände der von Karl Schlechta besorgten Ausgabe. Noch bevor Nietzsche mir philosophisch etwas sagen konnte, existierte er als Gegenstand. Diese Bände hatten eine bestimmte Gestalt, ein Format, eine typographische Autorität, dieses eigentümliche Versprechen einer Ausgabe, dass hier nicht irgendein Buch, sondern ein Werk vorlag. Man betrat damit einen Raum, in dem die Dinge plötzlich ernster wurden. Es war der Eingang zu jener Akademie, über deren Portal nach der Überlieferung nur Geometriekundige Zutritt erhalten sollten, nur dass bei mir keine Geometriekenntnisse abgefragt wurden. Ein Bibliotheksausweis genügte.
Nietzsche war dafür ohnehin der bessere Türsteher als Platon. Bei Platon betritt man die Philosophie noch in der Hoffnung, dass hinter den Erscheinungen die ordentlich aufgeräumten Ideen warten. Bei Nietzsche bekommt man relativ schnell mitgeteilt, dass womöglich gerade die Hinterzimmer verdächtig sind. Für einen jungen Leser ist das eine erhebliche Verbesserung der Weltlage. Plötzlich darf man nicht nur nachdenken, sondern die Begriffe selbst verdächtigen, mit denen andere längst zu Ende gedacht zu haben behaupten.
Was ich damals verstand, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Vorstellung, frühe Lektüren ließen sich Jahrzehnte später wie alte Festplatten auslesen, gehört zu den zahlreichen Selbsttäuschungen der Erinnerung. Sicher ist nur, dass die Bücher wirkten. Und wahrscheinlich wirken die Bücher, die man nicht vollständig versteht, mitunter stärker als jene, die man sofort versteht. Sie erzeugen einen Überschuss. Etwas bleibt außerhalb der Reichweite und zieht gerade deshalb weiter.
Das unterscheidet die prägende Lektüre vom Konsum einer Information. Eine Information möchte erledigt werden. Man sucht sie, findet sie, verwendet sie und geht weiter. Ein Buch kann einen Zustand erzeugen, in dem gerade das Nichtverstandene produktiv bleibt. Man trägt einen Satz jahrelang herum, ohne zu wissen, weshalb. Man erinnert sich an eine Seite, einen Gedanken, eine Atmosphäre, und erst sehr viel später entsteht eine Verbindung zu etwas anderem. Bildung wäre unter dieser Perspektive weniger ein Besitz als eine Latenz.
Die Bibliothek war der ideale Ort dafür, weil sie diese Latenz sichtbar machte. Tausende Bücher standen dort und erklärten allein durch ihre Anwesenheit, dass man fast nichts gelesen hatte. Eine Bibliothek ist eine höchst kultivierte Form der Demütigung. Wer ein einzelnes Buch besitzt, kann sich für belesen halten; wer vor hunderttausend Büchern steht, wird über das Ausmaß seiner Unwissenheit informiert. Das hat mich nie entmutigt. Im Gegenteil, die ungeheure Menge des Nichtgelesenen gehörte zum Reiz. Eine Bibliothek ist deshalb auch das Gegenteil eines abgeschlossenen Wissenssystems. Sie ist ein Versprechen, das prinzipiell nicht eingelöst werden kann.
Die Kunstbücher
Bei den Kunstbüchern wurde die Sache noch sinnlicher. Hier genügte das Lesen ohnehin nicht. Das Buch wurde zum transportablen Museum. Ein Gemälde, das in Florenz, Madrid oder New York hing, erschien auf einer Doppelseite in Bonn. Das war offensichtlich eine Reproduktion, eine Verkleinerung, eine farblich unzuverlässige Übersetzung, und dennoch konnte dieses sekundäre Bild eine primäre Erfahrung auslösen. Lange bevor man manche Werke im Original sah, hatte man sie bereits in Büchern bewohnt.
Kunstbücher besaßen eine andere Gravitation als Romane. Sie waren größer, schwerer und schon deshalb widerspenstiger. Man konnte sie nicht beiläufig halten, manche verlangten einen Tisch. Auf glänzendem Papier erschienen Farben anders als auf mattem, Abbildungen verschwanden im Falz, Details wurden vergrößert und entwickelten plötzlich eine Macht, die sie im Original aus normaler Museumsentfernung kaum besitzen konnten. Der Ausschnitt verwandelte die Wahrnehmung. Ein Gesicht wurde Landschaft, ein Pinselstrich Ereignis, eine Craquelé-Struktur zur Topographie.
Damit begann lange vor der digitalen Vergrößerung jene eigentümliche Erfahrung, dass die Reproduktion nicht bloß ein minderwertiger Stellvertreter des Originals ist. Sie erzeugt eigene Erkenntnis. In einem Kunstband konnte man Bilder nebeneinander sehen, die in der wirklichen Welt tausend Kilometer voneinander entfernt waren. Man konnte zurückblättern, vergleichen, Detail und Ganzes wechseln, eine Abbildung zwanzig Minuten ansehen und am nächsten Morgen an genau dieselbe Stelle zurückkehren. Das Museum gibt einem das Original und verlangt, dass man weitergeht. Das Buch gibt einem eine Reproduktion und gestattet Besitzergreifung.
Nicht zufällig habe ich später über das Verhältnis von Original und Reproduktion geschrieben. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Bücher lesen, verdeckt, dass die gesamte Schriftkultur auf Reproduktion beruht. Niemand verlangt, Goethes Handschrift zu berühren, bevor er den Faust ernst nimmt. Beim Lesen haben wir den Kult des Originals längst überwunden, während die bildende Kunst noch lange an ihm festhielt. Das gedruckte Buch war eine der erfolgreichsten Maschinen zur Liquidation der Aura und zugleich, auf paradoxe Weise, eine ihrer stärksten Produktionsstätten, weil der konkrete Band selbstverständlich wieder Aura entwickeln konnte.
Das ist die kleine Rache des Gegenstands an seiner Reproduzierbarkeit. Der Text ist millionenfach identisch, aber dieses Exemplar ist es nicht. Dieses Buch hat Knicke, einen Stempel, eine vergilbte Stelle, Bleistiftmarkierungen eines unbekannten Lesers oder Spuren einer Hand, die man niemals kennenlernen wird. Es riecht anders als ein anderes Exemplar desselben Titels. Bibliotheksbücher sind darin besonders eigentümliche Wesen. Sie gehören keinem einzelnen Leser und tragen dennoch die Spuren vieler Menschen. Man bekommt für einige Wochen ein Objekt ausgeliehen, das schon vor einem durch unbekannte Zimmer, Hände und Lebensläufe gegangen ist und nach einem weiterwandern wird. Ein E-Book kennt diese Promiskuität nicht.
Vom Leihen zum Besitzen
Irgendwann verlagerte sich die Bibliothek nach Hause. Das ist ein entscheidender Übergang, denn wer Bücher ausleiht, benutzt einen Bestand; wer Bücher kauft, beginnt eine Welt zu bauen. Die eigene Bibliothek entstand zunächst in der Vorstellung, eines Tages vollständig zu werden. Natürlich wurde sie es nie, aber gerade dieser Irrtum lieferte jahrzehntelang Energie. Jeder neue Bereich erzeugte seine eigenen Notwendigkeiten. Ein Regal Philosophie verlangte Ergänzungen, die Kunstgeschichte verlangte Kataloge, die Literatur verlangte Ausgaben, und die Ausgaben begannen miteinander zu konkurrieren. Man wollte nicht einfach Nietzsche lesen, sondern plötzlich genau diese Nietzsche-Ausgabe besitzen.
An irgendeinem Punkt verliert das Sammeln seine Unschuld. Das Buch wird vom Mittel zum Inhalt zu einem Gegenstand eigener Begierde. Es wird gekauft, obwohl man weiß, dass die Wahrscheinlichkeit seiner baldigen Lektüre gering ist. Man beruhigt sich mit der Vorstellung, später werde Zeit sein. Die private Bibliothek ist damit auch ein physisches Archiv aufgeschobener Zukunft. Jedes ungelesene Buch enthält einen stillen Vertrag mit einem späteren Selbst.
Dieser Vertrag wird regelmäßig gebrochen, was die Bibliothek nicht daran hindert, weiterzuwachsen. Ich habe einmal geschrieben, die Bibliothek sei der Spiegel der Seele eines Menschen. Das war halb ernst und halb leichtfertig, wie die meisten brauchbaren Sätze. Heute würde ich hinzufügen, dass dieser Spiegel vor allem all das zeigt, was die Seele längst vergessen hat. In einer guten eigenen Bibliothek entdeckt man Bücher, deren Besitz einen überrascht. Erst dann ist sie vollkommen, nicht weil nichts mehr fehlt, sondern weil der Besitzer selbst nicht mehr vollständig weiß, was vorhanden ist.
Bücher vermehren sich ohnehin nach einem biologischen Prinzip, das noch nicht hinreichend erforscht ist. Man kauft eines, und einige Jahre später stehen dreitausend herum. Zwischen beiden Ereignissen lässt sich keine vernünftige Kausalität rekonstruieren. Festplatten, E-Books und wiederholt ausgesprochene Gelübde, künftig nur noch digital zu lesen, haben daran wenig geändert. Der Buchbestand besitzt eine eigene Fortpflanzungslogik. Weggeben hilft ebenfalls nur zeitweise. Die Regale reagieren mit neuen Leerstellen, und Leerstellen gehören zu den stärksten Kaufanreizen der Zivilisation.
Gerade deshalb beeindruckte mich die Geschichte von Roger Willemsens Freund mit seiner winzigen, streng ausgewählten Bibliothek. Wo der übliche Bibliophile dem exponentiellen Wachstum erliegt, hatte dieser Mann offenbar einen ästhetischen Grenzwert festgelegt. Nur wenige Bücher, aber diese in besonderen, bibliophilen Ausgaben. Das war nicht bloß weniger. Es war eine andere Ontologie des Sammelns. Der eine will die Welt hereinholen, der andere will auswählen, was überhaupt Welt sein darf.
Zwischen beiden liegt die gesamte Komik des Sammelns. Der eine besitzt dreitausend Bücher und weiß, dass ihm zehntausend fehlen. Der andere besitzt fünfzig und erklärt damit die übrigen für entbehrlich. Der erste leidet an Unvollständigkeit, der zweite verwandelt Ausschluss in Stil. Beide haben das Problem gelöst, indem sie es auf verschiedene Weise unlösbar gemacht haben.
Bibliothek und Diebstahl
Die Idee einer vollständigen Bibliothek hat ohnehin einen kriminellen Rand. Nur wer komplettieren wollte, musste irgendwann zum Dieb werden. Die Geschichte der Bibliotheken ist deshalb auch eine Geschichte verschobenen Eigentums. Herrscher ließen Sammlungen forttragen, Sieger nahmen Archive mit, Gelehrte behielten ausgeliehene Bücher, Klöster verloren Handschriften an Sammler, und private Bibliotheken wurden nach dem Tod ihrer Besitzer zerlegt, verkauft oder in andere Bestände überführt. Wissen ist universell, das einzelne Buch besitzt trotzdem einen Eigentümer. Schon daraus entsteht Konflikt.
Der Bücherdiebstahl ist eine eigentümliche Untugend, weil sich der Täter leicht für moralisch überlegen halten kann. Er stiehlt kein Geld, sondern Geist. Das macht die Sache juristisch nicht besser, kulturell aber interessanter. Wer ein Buch entwendet, kann sich einreden, es werde bei ihm besser verstanden, sorgfältiger bewahrt oder überhaupt erstmals angemessen gewürdigt. Die Geschichte des Sammelns ist voller solcher Rechtfertigungen. Die Bibliothek besitzt ein eingebautes Expansionsproblem.
Der Traum des vollständigen Bestands verwandelt das fehlende Buch in eine Provokation. Solange es irgendwo existiert, aber nicht hier, scheint die Ordnung gestört. Das erklärt einen Teil der Obsession von Sammlern, die für eine Ausgabe, einen Druckzustand oder eine Provenienz unverhältnismäßige Summen bezahlen. Der Inhalt allein erklärt diese Leidenschaften nicht. Gesammelt wird die konkrete Lücke.
Damit kehrt die Bibliothek zu ihrem repräsentativen Ursprung zurück. Sie zeigt, was vorhanden ist, und ebenso eindringlich, was fehlt. Der Besitzer sieht die Lücke deutlicher als der Besucher. Vollständigkeit wäre deshalb nicht der Zustand einer Bibliothek, sondern das Ende ihres Begehrens. Keine vernünftige Bibliothek will das wirklich.
Köln und die größere Welt
Die Stadtbibliothek Köln bedeutete später eine Steigerung jener frühen Erfahrung. Größere Stadt, größere Bibliothek, größere Menge, andere Bewegungen. Bonn war der Eintritt gewesen, Köln wurde Expansion. Bibliotheken verändern sich mit dem Leser. Derselbe Raum, in den man als Jugendlicher ehrfürchtig hineingeht, würde Jahrzehnte später ganz anders gelesen. Am Anfang dominieren Namen, die bereits Bedeutung besitzen. Später interessieren die Nachbarschaften, Sonderwege, Fußnoten der Geistesgeschichte und Bücher, die niemand mehr empfiehlt. Man geht nicht mehr nur zu den berühmten Autoren. Man beginnt, die Ränder zu durchsuchen.
Das ist dem Flanieren verwandt. Walter Benjamin hätte verstanden, dass eine Bibliothek Passagen besitzt. Man kann Bücherregale so durchqueren wie Straßen. Titel sind Schaufenster, Rücken Fassaden, Signaturen Hausnummern. Manche Gegenden kennt man, andere meidet man, in einigen verliert man unverhältnismäßig viel Zeit. Die systematische Aufstellung des Wissens erzeugt gerade jene Zufallsbegegnungen, die kein System vorgesehen hat. Deshalb ist die Bibliothek mehr als ihr Katalog. Ein Katalog weiß, welche Bücher vorhanden sind; die Bibliothek weiß, wie es sich anfühlt, zwischen ihnen zu stehen.
Dieser Unterschied scheint gering, bis man ihn verliert. Die vollständige Digitalisierung einer Bibliothek würde ihren Informationsbestand retten und einen Teil ihres Erkenntnisraums vernichten. Denn Erkenntnis entsteht nicht ausschließlich aus Inhalten. Sie entsteht auch aus Nähe, Ferne, Größe, Widerstand, Wiederholung, räumlicher Nachbarschaft und aus der Tatsache, dass der eigene Körper sich zu Dingen verhalten muss.
Die idiosynkratische Ordnung
Das gilt erst recht für die private Bibliothek. Ihre Ordnung ist niemals bloß sachlich, sondern idiosynkratisch. Selbst dort, wo sie alphabetisch, chronologisch oder nach Sachgebieten sortiert erscheint, lagern sich in ihr persönliche Zustände ab, die sich jeder objektiven Systematik entziehen. Ein Regal kann äußerlich disparat wirken und dennoch einer inneren Ordnung folgen, die nur aus der Biographie seines Besitzers lesbar wird. Bücher stehen nebeneinander, weil sie zur selben Zeit gekauft wurden, weil sie einmal Teil derselben Obsession waren, weil ein Autor zum anderen führte, weil eine Reise, eine Freundschaft, eine Ausstellung oder eine längst verschwundene Lebensphase sie miteinander verbunden hat. Die Bibliothek katalogisiert damit nicht nur Wissen. Sie katalogisiert Zustände.
Diese Zustände wechseln. Eine Bibliothek ist deshalb nie fertig geordnet, selbst wenn kein einziges Buch seinen Platz verändert. Die Bedeutungen der Nachbarschaften verschieben sich mit dem Besitzer. Was einmal Zentrum war, wird Rand; was Jahrzehnte unbeachtet blieb, rückt plötzlich wieder nach vorn. Ein Regal mit Philosophie kann irgendwann weniger von Philosophie erzählen als von einer bestimmten Lebensphase, in der diese Bücher notwendig erschienen. Eine Reihe alter Kunstkataloge kann später mehr über Städte, Reisen und frühere Formen der Aufmerksamkeit berichten als über die Künstler, deren Namen auf ihren Rücken stehen. Die Ordnung bleibt materiell dieselbe und verändert sich dennoch fortwährend semantisch.
Gerade deshalb ist die private Bibliothek kein verkleinertes öffentliches Bibliothekssystem. Sie muss niemandem Rechenschaft darüber geben, warum Nietzsche neben Benjamin, ein Ausstellungskatalog neben einem Kriminalroman oder ein längst vergessenes Taschenbuch zwischen zwei kostbaren Ausgaben steht. Solche Nachbarschaften können zufällig entstanden sein und sich im Lauf der Jahre dennoch in Bedeutung verwandeln. Die Bibliothek besitzt damit eine sonderbare Fähigkeit: Sie verwandelt Kontingenzen des Erwerbs in biographische Ordnung.
Ihre Disparatheit ist deshalb kein Mangel. Sie ist ihr eigentliches Organisationsprinzip. Eine vollständig nach außen rationalisierte private Bibliothek wäre verdächtig. Sie sähe aus wie eine Bibliothek, die bereits für ihren Nachlass vorbereitet worden ist. Die lebendige Bibliothek dagegen enthält Brüche, Überlagerungen, temporäre Systeme und kleine Unvernünftigkeiten. Sie besitzt Regionen hoher Ordnung und Gebiete, in denen Bücher seit zwanzig Jahren lediglich deshalb nebeneinanderstehen, weil irgendwann kein anderer Platz vorhanden war. Gerade aus dieser Mischung entsteht eine innere Topographie, die kein Katalog vollständig abbilden kann.
Selbst wer alphabetisch sortiert, erzeugt Biographie. Bücher, die vor dreißig Jahren gekauft wurden, stehen neben späteren Erwerbungen; alte Obsessionen überleben in Regalen, obwohl sie im Bewusstsein längst gekündigt wurden. Eine persönliche Bibliothek enthält mehrere Versionen ihres Besitzers gleichzeitig. Der Zwanzigjährige hat Bücher hineingestellt, die der Sechzigjährige niemals kaufen würde, und der Sechzigjährige wäre ein anderer, wenn der Zwanzigjährige sie nicht gekauft hätte.
Hinzu kommt, dass eine private Bibliothek ihre eigene Zeitrechnung besitzt. Manche Bücher altern mit ihrem Besitzer, andere gegen ihn. Einige behalten eine Autorität, die man selbst längst verloren hat; andere werden durch spätere Erfahrung plötzlich lesbar. Ein Buch kann zwanzig Jahre lang bloßer Rücken im Regal sein und an einem einzigen Nachmittag wieder zum Ereignis werden. Es kann sich herausstellen, dass nicht das Buch zu früh gekauft wurde, sondern der Leser zu spät gekommen ist.
In diesem Sinne sind Bücher externe Gedächtnisorgane, aber unzuverlässige. Sie bewahren nicht einfach, was wir wissen. Sie bewahren, was wir einmal wissen wollten, was wir für wichtig hielten, was uns damals faszinierte und was wir später aus guten oder schlechten Gründen vergessen haben. Gerade deshalb ist die Bibliothek intimer als eine geordnete Erinnerung. Gedächtnis glättet, die Bibliothek widerspricht.
Manchmal steht dort ein Buch, das nicht mehr zum gegenwärtigen Selbstbild passt. Gerade solche Bücher sind wichtig. Sie verhindern, dass man seine eigene Vergangenheit nachträglich zu vernünftig erzählt. Eine Bibliothek enthält Beweismaterial gegen die autobiographische Selbststilisierung. Wer nur noch jene Bücher behielte, die zum heutigen Geschmack passen, würde sich selbst zensieren.
Deshalb ist die Bibliothek der Spiegel der Seele nur dann, wenn man den Spiegel nicht mit einem Porträt verwechselt. Sie zeigt keine kohärente Persönlichkeit. Sie zeigt Schichten, Brüche, Fehlkäufe, Obsessionen, aufgegebene Projekte, späte Entdeckungen und merkwürdige Kontinuitäten. Ihre Ordnung ist disparat und zugleich notwendig, weil sie aus genau dieser Biographie entstanden ist und aus keiner anderen.
Die eigene Bibliothek ist deshalb erst dann vollkommen, wenn man ihre Ordnung nicht mehr vollständig beherrscht. Sobald sie groß genug geworden ist, um Überraschungen hervorzubringen, beginnt sie sich ihrem Besitzer gegenüber wie ein eigener Erkenntnisraum zu verhalten. Man sucht ein Buch und findet ein anderes, entdeckt einen Band wieder, dessen Besitz man vergessen hatte, und begegnet damit einer früheren Version seiner selbst. Vollständigkeit wäre dann nicht die Abwesenheit von Lücken, sondern die Anwesenheit von genügend Vergangenheit, um wieder fremd werden zu können.
Das gilt erst recht für die private Bibliothek im Verhältnis zur öffentlichen. Die öffentliche Bibliothek ordnet Wissen für alle; die private Bibliothek ordnet ein Leben, ohne es je vollständig zu verstehen. Gerade in dieser Differenz liegt ihre eigentümliche Wahrheit. Die öffentliche Bibliothek muss auffindbar machen, die private darf vergessen. Die eine strebt nach nachvollziehbarer Systematik, die andere darf ihre eigene Geschichte sedimentieren lassen. In der öffentlichen Bibliothek sucht man einen Titel. In der privaten findet man mitunter sich selbst wieder, meistens in einer Ausgabe, an deren Kauf man sich nicht mehr erinnern kann.
Das Ungelesene
Manche Bücher bleiben deshalb ungelesen und gehören trotzdem unverzichtbar zur eigenen Geschichte. Walter Benjamin wusste, dass der Sammler Bücher nicht notwendig lesen muss, um ein intensives Verhältnis zu ihnen zu besitzen. Das klingt dem nüchternen Bildungsbürger verdächtig. Aber eine Bibliothek ist eben keine Leistungsbilanz. Wer jedes Buch, das er besitzt, gelesen haben möchte, besitzt zu wenige Bücher oder zu viel Zeit.
Das Ungelesene gehört zur Bibliothek wie die Zukunft zum Leben. Es steht da und behauptet eine Möglichkeit. Damit unterscheidet sich der private Buchbestand auch vom digitalen Zugriff auf nahezu alles. Im Netz kann ich theoretisch Millionen Texte finden. Gerade deshalb gehören sie mir in keiner sinnvollen Weise. Ein ungelesenes Buch im Regal besitzt dagegen eine hartnäckige Präsenz. Es kann jahrelang schweigen und plötzlich am richtigen Nachmittag hervortreten. Die eigene Bibliothek ist erst vollkommen, wenn solche Wiederentdeckungen zum Lesealltag gehören.
Das ist keine Besitzromantik. Bücher besitzen ihren Besitzer mindestens ebenso sehr. Sie nehmen Raum, stauben ein und werden bei Umzügen zu einer moralischen Prüfung. Niemand hat den Begriff „geistiges Eigentum“ erfunden, während er zwölf Kisten Bücher eine Treppe hinauftrug. Gerade ihre Unbequemlichkeit macht sie aber zu wirklichen Dingen.
Der Text ohne Körper
Der digitale Text ist in gewisser Weise hygienischer. Er hat kein Vorleben, jedenfalls keines, das meine Sinne bemerken. Seine Buchstaben erscheinen mit derselben Leuchtkraft, ob er gestern oder vor dreihundert Jahren geschrieben wurde. Shakespeare und eine E-Mail von heute können auf demselben Display dieselbe Schriftart besitzen. Das ist demokratisch und barbarisch zugleich. Die Zeit wird typographisch eingeebnet.
Schon in der „Zukunft des Lesens“ habe ich über eine Veränderung der Lektüre unter den Bedingungen des Netzes geschrieben. Damals schien die zentrale Sorge zu sein, dass netzorientierte Leser Texte immer schneller scannen würden, dass die Linearität der Schrift in den Signalwelten elektronischer Medien unter Druck geriete. Schreiben und Lesen erschienen mir dennoch weiterhin als jene magischen Techniken des Alphabets, mit denen Menschen Welt erschließen und beherrschen. Das Netz würde sie verändern, ohne sie einfach abzuschaffen. Mehr als zwei Jahrzehnte später hat sich die Frage verschoben. Wir lesen weiterhin, nur ist Lesen immer häufiger eine Tätigkeit geworden, bei der der Text noch vorhanden ist, während das Buch verschwindet.
Das klingt zunächst nach einer konservativen Klage und sollte gerade keine werden. Ich lese selbst digital, suche digital, schreibe digital und verdanke dem Netz Zugänge zu Texten, die in einer traditionellen Bibliothek nur mit beträchtlicher Mühe erreichbar wären. Die elektronische Bibliothek ist eines der großen intellektuellen Wunder unserer Zeit. Wer je in einer Sekunde einen seltenen Aufsatz gefunden hat, für den früher Fernleihe, Karteikarte und Geduld erforderlich gewesen wären, wird die alte Welt nicht vollständig zurückverlangen. Aber Geschwindigkeit ersetzt keine Erfahrung. Sie produziert eine andere.
Das physische Buch verlangsamte schon durch seine Gegenständlichkeit. Es musste geholt werden, irgendwo liegen, man verlor die Stelle und fand eine andere, ein zweites Buch lag daneben und störte das erste. Auf einem Tisch entstand ein kleines Gelände aus aufgeschlagenen Bänden, Zetteln, Bleistiften und anderen Dingen. Denken bekam eine räumliche Gestalt. Die digitale Oberfläche beseitigt diese Unordnung und erzeugt eine neue. Zwanzig Texte befinden sich in zwanzig Tabs, die alle gleich groß sind und irgendwann nicht mehr gelesen werden. Der Schreibtisch ist sauber, der Bildschirm voller Leichen.
Babel digital
Unter digitalen Bedingungen kehrt das borgesianische Problem in abgeschwächter und zugleich erstaunlich realer Form zurück. Die alte Bibliothek litt unter Knappheit. Ein Buch war nicht vorhanden, ausgeliehen, vergriffen oder nur über Fernleihe erreichbar. Das Netz hat diese Erfahrung in vielen Bereichen umgekehrt. Nicht der fehlende Text ist zum Normalproblem geworden, sondern die Menge der vorhandenen Texte. Zu nahezu jeder Frage gibt es Kommentare, Aufsätze, Digitalisate, Forenbeiträge, Videos, Varianten und automatisch erzeugte Zusammenfassungen. Der Leser steht nicht mehr vor einem verschlossenen Regal, sondern vor einem sich vervielfachenden Bestand.
Damit nähert sich unsere Informationswelt dem borgesianischen Problem. Natürlich enthält das Internet nicht alle möglichen Bücher, und auch generative Systeme erzeugen keinen mathematisch vollständigen Raum sämtlicher Texte. Aber die kulturelle Erfahrung verschiebt sich in dieselbe Richtung. Die Kosten der Produktion und Vervielfältigung sinken, während die Kosten der Auswahl steigen. Das Problem lautet zunehmend nicht mehr: Wo finde ich einen Text? Es lautet: Warum sollte ich ausgerechnet diesen lesen?
Borges hat damit lange vor Suchmaschinen ein Grundproblem der digitalen Kultur beschrieben. Information und Erkenntnis sind nicht dasselbe. Die maximale Verfügbarkeit von Zeichen kann die Erkenntnis sogar erschweren, wenn die Verfahren ihrer Gewichtung nicht mithalten. Eine Bibliothek, in der jedes mögliche Argument und sein Gegenteil vorhanden sind, besitzt keine Wahrheit allein dadurch, dass die richtige Aussage irgendwo in ihr steht.
Mit generativer künstlicher Intelligenz erhält Babel noch eine zusätzliche Wendung. Die klassische Bibliothek bewahrt Texte, die jemand geschrieben hat. Die generative Bibliothek kann auf Anforderung Texte hervorbringen, die vorher in dieser konkreten Form nicht existierten. Sie beginnt damit, jene leeren Zwischenräume des Textmöglichen zu besetzen, die Borges noch in fertigen Büchern imaginiert hatte. Zwischen zwei Formulierungen können weitere Formulierungen erzeugt werden, zwischen zwei Stilen Zwischenstile, zwischen zwei Argumentationen Varianten, Gegenargumentationen und Kombinationen. Die Bibliothek wächst nicht mehr nur durch Aufnahme, sondern durch Produktion.
Gerade dadurch wird Auswahl erneut zur entscheidenden Kulturtechnik. Der Triumph der generativen Textmaschine besteht darin, dass sie fast immer noch einen weiteren Text herstellen kann. Ihre Grenze ist weniger das Schreiben als die Frage, weshalb dieser Text existieren sollte. Babel wird produktiv.
Das wirft auch ein anderes Licht auf die Gegenständlichkeit des alten Buches. Seine materielle Begrenzung, die im digitalen Zeitalter so unpraktisch erscheint, war zugleich ein Selektionsmechanismus. Ein Verlag musste entscheiden, ein Drucker Papier verwenden, ein Händler Lagerfläche bereitstellen, eine Bibliothek Regalraum vergeben, ein Leser das Buch tragen und aufbewahren. All diese Beschränkungen waren ärgerlich, aber sie erzeugten Widerstand gegen die unendliche Vermehrung. Digitale Zeichen besitzen diesen Widerstand kaum noch.
Damit wird das alte Regal ausgerechnet durch seine Begrenztheit wieder philosophisch interessant. Es kann nicht alles enthalten. Es zwingt zur Entscheidung. Jedes neu eingestellte Buch verdrängt potentiell einen anderen Gegenstand oder verlangt neuen Raum. Der Besitzer muss irgendwann sagen: dieses ja, jenes nein. Die Materialität produziert Auswahlzwang.
Borges’ Babel ist dagegen die Welt ohne letzten Regalboden. Dort kann nichts fehlen und deshalb auch nichts endgültig ausgewählt werden. Der Leser wird vom Eigentümer eines kleinen Bestandes zum Suchenden in einer Totalität, die ihn prinzipiell übersteigt. Darin liegt eine merkwürdige Nähe zu unserer digitalen Gegenwart. Noch nie konnten wir auf so viel Geschriebenes zugreifen, und noch nie waren wir so sehr auf Maschinen angewiesen, die vorsortieren, was davon überhaupt vor unsere Augen gelangt.
Die entscheidende Macht wandert damit vom Besitz des Wissens zur Organisation seiner Sichtbarkeit. In der alten Bibliothek war der Katalog Hilfsmittel. In Babel wäre der richtige Katalog das mächtigste Buch überhaupt. Im Netz übernimmt diese Funktion der Suchalgorithmus, später die Empfehlungsmaschine und inzwischen zunehmend die künstliche Intelligenz. Wer den Bestand nicht mehr überschauen kann, hängt von der Instanz ab, die ihn für ihn ordnet.
Borges’ Bibliothek ist deshalb nicht nur eine Geschichte über Unendlichkeit. Sie ist eine Geschichte über die Verzweiflung des Menschen angesichts eines Wissensraumes, dessen vollständiger Inhalt seine kognitive Kapazität übersteigt. Dass alles geschrieben ist, wäre kein Triumph, wenn niemand mehr weiß, was davon zu lesen ist. In diesem Sinne steht die Bibliothek von Babel am äußersten Ende jener Bewegung, die in der Bonner Stadtbibliothek so harmlos begann: Man steht zwischen Büchern und weiß, dass das eigene Leben nicht reichen wird.
Nur war diese Endlichkeit damals beglückend. Sie erlaubte, ein Buch herauszuziehen. Babel enthält alle Bücher, meine Bibliothek enthält einige, und gerade deshalb kann ich in meiner etwas finden.
Die Bibliothek als Immersion
An den frühen Nietzsche-Bänden in Bonn hängt deshalb mehr als die Erinnerung an Nietzsche. Sie stehen für eine Schwelle, an der Lesen noch mit einem körperlichen Ort verbunden war. Man musste die Bibliothek betreten, zwischen Regalen gehen, das Buch herausziehen, sich hinsetzen und mit diesem Gegenstand für eine bestimmte Zeit allein sein. Die Philosophie erschien nicht als Datenbestand, sondern als Begegnung. Dass man manches nicht verstand, gehörte dazu. Das Buch war nicht verpflichtet, benutzerfreundlich zu sein.
Die gegenwärtige Medienwelt hat dieses Verhältnis umgedreht. Heute muss der Text um den Leser kämpfen. Er soll zugänglich sein, kurz, strukturiert, scanbar, zusammenfassbar und notfalls von einer Maschine vorverdaut werden. Die alte Bibliothek stellte dagegen eine viel unverschämtere Forderung: Du bist hier, weil du etwas willst. Sie lief niemandem hinterher.
Das war keineswegs demokratischer, und man sollte die alte Bildungswelt nicht idyllisieren. Bibliotheken hatten ihre Schwellen, Bildung ihre sozialen Ausschlüsse, Kanones ihre blinden Flecken. Aber die Zumutung, dass Erkenntnis Anstrengung verlangen darf, war nicht ihre schlechteste Eigenschaft. Platon wollte nur Geometriekundige hineinlassen; die öffentliche Bibliothek war zivilisatorisch großzügiger. Sie verlangte am Ende hauptsächlich, dass man ruhig war.
Diese Ruhe war keine bloße Hausordnung. Sie gehörte zum Medium. Bibliotheken hatten eine Akustik des Denkens: Schritte, das Schieben eines Stuhls, das Zurückstellen eines Bandes, das Geräusch von Papier, kleine Ereignisse in einem Raum, dessen Haupttätigkeit unsichtbar blieb. Menschen saßen nebeneinander und bewegten sich durch vollkommen unterschiedliche Welten. Darin bestand eine eigentümliche Form von Öffentlichkeit, denn man war allein, aber gemeinsam allein. Das Netz hat daraus eine umgekehrte Situation gemacht. Wir sind gemeinsam verbunden und häufig vollkommen allein.
Auch deshalb interessiert mich am Buch heute weniger die sentimentale Frage, ob es „überleben“ wird. Natürlich wird es überleben. Medien sterben selten so vollständig, wie ihre Propheten behaupten. Fotografie hat die Malerei nicht getötet, Film nicht das Theater, Fernsehen nicht das Kino und das Internet nicht das Buch. Interessanter ist, welche Funktion sich verändert, sobald ein Medium sein Monopol verliert.
Das gedruckte Buch muss nicht mehr der effizienteste Speicher von Text sein. Darin wird es vom Digitalen vernichtend geschlagen. Es muss auch nicht das schnellste Instrument der Recherche sein. Gerade deshalb kann deutlicher werden, was es außerdem immer war: ein Gegenstand der Konzentration, ein räumliches Gedächtnis, ein visuelles Objekt, eine taktile Oberfläche und eine kleine private Architektur der Welt.
Das Buch war immer schon mehr als sein Text. Wer das für bibliophilen Fetischismus hält, unterschätzt, wie körperlich Erkenntnis überhaupt ist. Es gibt kein Denken ohne Wahrnehmung, keinen Begriff ohne seine sinnliche Vorgeschichte. „Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu“ – nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. Für Bücher gilt das auf eine fast komische Weise wörtlich. Bevor Nietzsche Gedanke wurde, war Nietzsche für mich ein Band im Regal. Das ist kein Defizit der Philosophie, sondern ihr Anfang.
Die verschwundene Bibliothek
Irgendwann verschwinden die Bibliotheken unserer Kindheit. Sie ziehen um, werden modernisiert, Bestände werden ausgesondert, Möbel ersetzt, Kataloge digitalisiert. Selbst wenn der Ort bestehen bleibt, verschwindet die Bibliothek, in der man selbst einmal stand. Räume haben dasselbe Problem wie Menschen: Sie überleben ihre früheren Zustände nicht.
Aber der Geruch eines alten Buches kann ihn plötzlich zurückbringen. Dann erscheint für einen Augenblick nicht nur ein Regal, sondern eine ganze Erkenntnissituation. Man sieht die Bände, die Kunstbücher, Nietzsche, die Wege durch die Stadtbibliothek, das Licht, die Tische und womöglich eine vollkommen belanglose Ecke, die das Gedächtnis aus Gründen bewahrt hat, die es selbst nicht erklären kann. Proust brauchte eine Madeleine. Mir genügt mitunter schlechter alter Buchleim.
Damit sind wir wieder beim Lesen. Lesen ist eine erstaunliche Kulturtechnik, weil aus schwarzen Zeichen innere Welten entstehen. Aber diese Beschreibung war mir immer zu immateriell. Die schwarzen Zeichen kamen auf Papier, das Papier befand sich in einem Buch, das Buch lag in einer Hand oder auf einem Tisch, und der Tisch stand in einem Zimmer, einer Bibliothek, einer Stadt und in einem bestimmten Abschnitt eines Lebens. Die innere Welt war immer an eine äußere gebunden.
Deshalb kann dieselbe Lektüre später nicht wiederholt werden. Man kann dasselbe Buch lesen, aber nicht noch einmal derselbe Leser sein. Der Satz bleibt stehen, während derjenige, der ihn liest, durch die Zeit wandert. Bücher sind darin eigentümliche Messinstrumente. Wir schlagen sie nach Jahrzehnten wieder auf und prüfen weniger, ob Nietzsche, Proust oder Benjamin sich verändert haben, als wer aus uns geworden ist.
Die Bibliothek ist deshalb doch der Spiegel der Seele, nur auf eine kompliziertere Weise. Sie zeigt nicht, wer wir sind, sondern die sedimentierten Schichten dessen, was wir einmal werden wollten, was wir verstanden, missverstanden, aufgegeben und wiedergefunden haben. Zwischen den Büchern stehen frühere Möglichkeiten unserer selbst.
Und wenn eines Tages tatsächlich nur noch die Texte übrigblieben, perfekt gespeichert, überall zugänglich, in Sekunden durchsuchbar und von Maschinen besser zusammengefasst, als wir sie je hätten exzerpieren können, wäre nicht alles verloren. Der Sinn steckt nicht im Leim. Aber etwas wäre verschwunden: jene merkwürdige Erfahrung, dass Erkenntnis uns als Ding gegenübertritt, dass man zu ihr hingehen, sie herausziehen, öffnen, halten und irgendwann wieder zurückstellen muss.
Die digitale Welt gibt uns Zugriff auf beinahe alles. Die Bibliothek gab uns etwas anderes: das Gefühl, mitten im Nichtgewussten zu stehen. Das war einschüchternd und beglückend zugleich, denn umgeben von Büchern wusste man, dass das eigene Leben niemals reichen würde, und zog dennoch eines heraus. Mehr kann Bildung eigentlich nicht versprechen.