Zynismus als Lebensform
Zyniker sind Menschen, die ihren Reim auf die Verhältnisse so formulieren, wie die Verhältnisse es nun mal brauchen. Der Zyniker identifiziert sich mit den Verhältnissen, um sich darin über sie hinwegzusetzen. So weit, so paradox. Die Paradoxie löst sich schnell auf, wenn der Zyniker seine gefährliche Affirmation moralisch werden lässt. Der Zyniker ist Moralist, aber das kann er nicht ungestraft sagen, weil er sonst sein Selbstverständnis beschädigt. Die Verhältnisse produzieren den Zyniker und nicht umgekehrt. Zynismus ist danach eine moralische Überlebensform in zynischen Verhältnissen. Man stelle sich einen Betrieb vor, in dem die nächste Entlassungsrunde als Investition in die gemeinsame Zukunft angekündigt wird. „Wir schaffen Platz für unsere wichtigste Ressource: den Menschen.“ Ein solcher Satz kann die Geschäftsleitung beim Wort nehmen und ihre Menschenfreundlichkeit bis zu dem Punkt verlängern, an dem deren Ungeheuerlichkeit sichtbar wird. Er leiht sich die Sprache der Verhältnisse, damit sie gegen sich selbst aussagt. Wer dagegen beim selben Vorgang bloß die Schultern hebt und feststellt, Menschen seien nun einmal Kostenstellen, hat sich bereits wohnlich eingerichtet. Die Wörter können ähnlich klingen, die Bewegungsrichtung ist entgegengesetzt. Der eine Satz legt die Verletzung frei, der andere schließt die Akte. An dieser kleinen Differenz entscheidet sich, ob der Zynismus noch empfindet oder nur noch funktioniert.
Die gefährliche Affirmation setzt voraus, dass die Sprache der Macht nicht von außen wie ein exotischer Dialekt betrachtet wird. Man muss wissen, welchen Trost sie ihren Benutzern spendet, welche Vorteile sie verteilt und wie bequem es ist, sich in ihr zu verständigen. Deshalb kann der Zyniker nicht einfach erklären, mit alledem habe er nichts zu tun. Er kennt die Bequemlichkeit aus ihrer Nähe. In seiner Zustimmung steckt ein Übermaß, das den behaupteten Sinn zum Kippen bringt: Wenn der Mensch wirklich das Wichtigste ist, müsste seine Entfernung aus dem Betrieb ja eine ungeheure Selbstverletzung darstellen. Der zynische Satz nimmt die offizielle Versicherung ernster, als ihre Urheber es vertragen. Seine Bosheit entsteht nicht aus einem Mangel an Maßstäben, sondern daraus, dass er die vorhandenen Maßstäbe gegen ihre folgenlose Verwendung richtet.
Warum lässt sich die Kritik an den Verhältnissen nicht einfach moralisch formulieren? Moralisten machen Formfehler. Man glaubt ihnen nicht, weil sie so unangefochten von den Verhältnissen über diesen stehen wollen. Der Zyniker steckt dagegen im Schlamm der Verhältnisse, seine Transzendenz verliert nicht die Bodenhaftung. Der Zyniker weiß, dass er durch diesen Humus geprägt ist. Es bleibt eine Affinität zum Verfemten bestehen. Ablehnen kann nur der, der das Abgelehnte intim kennt. Die Intimität des Kennens ist hier keine Sammlung belastender Informationen, die man aus sicherer Entfernung verwaltet. Sie schließt die Kenntnis der Versuchung ein. Es genügt nicht, die Feigheit anderer zu verspotten, wenn man die eigene Bequemlichkeit für ein Naturrecht hält. Auch der schreibende Zyniker braucht Leser, Wirkung, vielleicht den Beifall genau jener Leute, denen sein Satz eben noch die Möbel umgeworfen hat. Das Verfemte liefert ihm Stoff, Ton und einen Markt. Seine Unabhängigkeit bleibt an das gebunden, wovon sie sich absetzen will. Eben deshalb ist der Schlamm mehr als eine drastische Ortsangabe. Er klebt an den Schuhen dessen, der sich gerade über die verschmutzte Welt erhebt.
Der Formfehler des Moralisten besteht in dieser Perspektive darin, den eigenen Standort aus der moralischen Rechnung herauszunehmen. Eine richtige Forderung kann durch einen solchen Vortrag zur Selbstbeweihräucherung werden. Der Zyniker macht es sich schwerer, solange er die eigene Verwicklung nicht als Entschuldigung gebraucht. Er behauptet keinen unberührten Aussichtspunkt. Er setzt den Widerspruch in die Rede hinein, anstatt sich selbst aus ihm herauszurechnen. In einer Polemik kann deshalb ein scheinbar unmöglicher Lobpreis mehr leisten als die hundertste Entrüstungserklärung: Er führt die Rechnung der Gegenseite vor, einschließlich ihrer unterschlagenen Posten. Der Spott muss dabei am Gegenstand haften. Wenn er bloß die Austauschbarkeit seiner Opfer beweist, wird aus der Nähe eine Technik, jeden Menschen gleich rasch erledigen zu können.
In jedem Zyniker, so will es der Begriff des Herrschaftszynismus, steckt auch ein heimlicher Apologet des Kritisierten. Dieser Schmerz ist die Energieform des Zynismus. Er hört dort auf, Energie zu sein, wo aus der Verwicklung ein Dauerfreibrief wird. „Alle machen es“ klingt nach scharfer Menschenkenntnis und ist oft nur die Hausordnung derer, die gern weitermachen möchten. Der Satz verteilt Verantwortung so gleichmäßig, dass niemand mehr etwas davon tragen muss. Der heimliche Apologet tritt aus seiner Deckung, sobald er jede Unterscheidung als Naivität verspottet: zwischen dem, der eine Zumutung anordnet, und dem, der ihr ausgesetzt ist; zwischen dem kleinen Vorteil und dem großen Schaden; zwischen dem Wissen um einen Missstand und seiner bequemen Fortsetzung. Dann wird Zynismus zum Schmiermittel. Die Maschine läuft besser, weil ihre Benutzer sich über ihre schlechte Beschaffenheit vollkommen einig sind.
Ob moralische Empfindlichkeit erhalten bleibt, zeigt sich darum weniger an der Schärfe eines Satzes als an dem, was er noch gelten lässt. Kann dem Zyniker ein konkretes Unrecht näherkommen, oder ist für alles schon die passende Verachtung vorhanden? Lässt er sich von einem Unterschied stören, der seine Pointe verdirbt? Erkennt er einen anständigen Vorgang auch dann, wenn ihm damit ein schöner Beleg für die Verderbtheit der Welt entgeht? Das sind keine Anträge auf Mäßigung. Wer genau treffen will, muss unterscheiden können. Pauschale Menschenverachtung ist literarisch bequem, weil man mit ihr jedes Ziel erreicht, sofern man nicht darauf achtet, welches man treffen wollte. Moralische Empfindlichkeit dagegen hält eine Stelle offen, an der die Wirklichkeit noch wehtun kann. Ohne sie bliebe von der Polemik nur ein gut geölter Apparat der Herabsetzung.
Für das polemische Schreiben ist das eine praktische Frage. Ein Satz darf hässlich sein, wenn er etwas Hässliches sichtbar macht; er darf lustvoll übertreiben, wenn an der Übertreibung eine sonst gepflegt verschwiegene Proportion kenntlich wird. Aber er muss wissen, wessen Komfort er stört. Wer die Schwäche des bereits Schwachen ausschlachtet, weil sich darüber so mühelos lachen lässt, braucht keine besonders mutige Bosheit. Interessanter wird es, wenn die Pointe auch dem eigenen Publikum unangenehm werden kann. Dann endet das Einverständnis derer, die sich gegenseitig bestätigen, wie wunderbar sie alles durchschaut haben. Das Durchschauen ist noch keine Befreiung. Es kann auch die letzte Verfeinerung einer Gefangenschaft sein, in der man wenigstens nicht für dumm gehalten werden möchte.
Der Kuchen und seine Glasur
Vom Ironiker unterscheidet den Zyniker die moralische Ergriffenheit - letzterer Begriff, um nicht Betroffenheit zu sagen, weil der Begriff nur noch betroffen macht.
Die versöhnliche Leistung der Ironie liegt in der Distanz, die sie gemeinsam bewohnbar macht. Sprecher und Hörer wissen, dass etwas nicht ganz wörtlich genommen werden soll; sie können sich über eine Zumutung verständigen, ohne die gesellschaftliche Form der Verständigung schon zu verlassen. Man lächelt über eine peinliche Rede und kann anschließend mit ihrem Urheber zu Abend essen. Die Ironie erhält einen Spielraum, in dem sogar das Misslungene erträglich wird. Ihre Verwandlungskraft ist beträchtlich: Aus Dummheit wird ein Anlass zur Klugheit der Zuhörer, aus einer Kränkung eine Geschichte, aus einer unerträglichen Veranstaltung ein unterhaltsamer Bericht. Die Verhältnisse haben Schaden genommen, aber sie bleiben genießbar. Genau darin liegt ihre Versöhnung, selbst wenn der einzelne ironische Satz durchaus verletzen kann.
Der moralisch empfindliche Zynismus verweigert diese letzte Umwandlung. Er lässt den schlechten Geschmack zurück, den die Ironie noch kunstvoll zu verarbeiten vermag. Sein Einwand lautet nicht nur, dass die Rede lächerlich gewesen sei, sondern dass man mit dem Redner womöglich deshalb so gut essen kann, weil andere die Rechnung bezahlen. Er gefährdet die gemeinsame Tafel. Das Ausspucken ist keine höhere Tischsitte und verschafft seinem Urheber auch keine Reinheit; es unterbricht jedoch die Einverleibung. Darin liegt der Unterschied zwischen dem Schmerz, den die Pointe erhält, und dem Vergnügen, das ihn bereits aufgebraucht hat. Solange der Zyniker diese Unterbrechung braucht, bleibt seine moralische Ergriffenheit tätig. Wenn er nur noch ausspuckt, um danach ungestört weiterzuessen, ist er bei jener Anpassung angelangt, gegen die seine Bosheit einmal antrat.
Ironiker glasieren den Kuchen, der Zyniker spuckt ihn aus. Ironie ist versöhnlich, Zynismus nicht.