Nietzsche links, Sloterdijk rechts, dazwischen Elisabeth von Österreich. Auf den ersten Blick eine etwas willkürliche Reisegesellschaft. Ein Philosoph mit Hammer, ein Philosoph mit Trainingsplan und eine Kaiserin, die weder das eine noch das andere zu benötigen schien. Tatsächlich verbindet die drei eine Idee, die älter ist als jedes Fitnessstudio und vielleicht älter als die Philosophie selbst: Der Mensch ist nicht fertig. Er muss etwas aus sich machen.
Bei Nietzsche wird daraus die große Pathosformel der Selbstüberwindung. Der Mensch ist Übergang, Brücke, etwas, das überwunden werden soll. Sein Zustand besitzt keine endgültige Würde, sondern allenfalls jene des Ausgangsmaterials. Man soll höher hinauf, härter gegen sich werden, genauer wählen, was man isst, wo man lebt, welche Luft man atmet, mit wem man spricht und welchen Gedanken man überhaupt Zutritt gewährt. Nietzsche denkt auffallend physiologisch. Klima, Ernährung, Bewegung, Verdauung, Krankheit und Erholung gehören bei ihm nicht in die Fußnoten der Philosophie. Der Geist hat einen Magen.
Bei Sloterdijk wird aus dieser Intuition ein ganzes anthropologisches Programm. Der Mensch erscheint als das übende Wesen. Er wiederholt Operationen, um bei ihrer nächsten Ausführung ein anderer, besserer, fähigerer zu sein. Kultur besteht aus Trainingssystemen. Religionen werden lesbar als Exerzitien, Schulen als Übungsanstalten, Kunst als Akrobatik, Wissenschaft als methodisierte Selbstüberforderung. Überall herrscht Vertikalspannung. Etwas ruft von oben, auch wenn dort längst kein Gott mehr wohnt. „Du mußt dein Leben ändern“ lautet der Satz, weil Menschsein offenbar heißt, der eigenen gegenwärtigen Gestalt nicht zu genügen.
Und dann steht zwischen den beiden Herren ausgerechnet Sisi.
Sie hat keine Anthropologie geschrieben. Sie hat sie betrieben.
Elisabeth von Österreich verfügte in der Hofburg über etwas, das man mit einer kleinen historischen Unverschämtheit ihr privates Gym nennen darf. Sprossenwand, Reck, Ringe, weitere Geräte, ein zusätzlicher größerer Trainingsraum. Sie ritt stundenlang, wanderte, turnte und unterwarf ihren Körper einem Regime, das heute zugleich als Fitnessprogramm, Ernährungsplan und behandlungsbedürftige Obsession erscheinen würde. Ihr Essen konnte sich in Milch, Eier, Fastenkuren und ausgepressten Fleischsaft auflösen. Der Körper sollte leistungsfähig bleiben, vor allem aber durfte er die Katastrophe nicht begehen, älter zu werden.
Damit erhält das Training eine eigentümliche zweite Bedeutung. Es dient nicht mehr nur der Steigerung. Es dient der Verhinderung.
Der Körper soll werden und zugleich nicht werden. Er soll leistungsfähiger werden, ohne sich zu verändern. Er soll die Zeit besiegen, indem er sich unablässig der Zeit unterwirft. Sisi trainiert gegen die Entropie. Und weil selbst die kaiserliche Gymnastik diesen Kampf nicht gewinnen kann, folgt auf das Training schließlich die Bildpolitik. Das alternde Gesicht wird der Öffentlichkeit entzogen. Keine neuen Fotografien mehr. Fächer, Schleier, Schirme. Der Körper bleibt vorhanden, aber sein Bild wird eingefroren.
Hier beginnt bereits der Dorian-Gray-Effekt der modernen Selbstoptimierung: Nicht der Mensch darf altern, sondern allenfalls das unsichtbare Bild auf dem Dachboden.
Nietzsche, Sisi und Sloterdijk bilden deshalb eine merkwürdige Dreifaltigkeit des übenden Menschen. Bei Nietzsche ist Übung Selbstüberwindung. Bei Sisi wird sie Selbsterhaltung durch Selbstdisziplinierung. Bei Sloterdijk erhält sie schließlich ihre Theorie: Der Mensch ist das Tier, das sich unter Spannung setzt.
Jahrtausendelang sprach einiges dafür.
Die Welt war widerständig genug, um den Menschen permanent zu trainieren. Wer einen Acker bestellte, einen Steinbruch bearbeitete, Waren trug, Holz schlug, ein Schiff führte oder zwanzig Kilometer zum nächsten Ort ging, benötigte kein Fitnessarmband, um auf seine Schritte zu kommen. Muskelkraft war keine Freizeitoption. Gedächtnis war keine Gehirnjogging-App. Orientierung war keine Kompetenz, die man delegieren konnte. Wer nicht rechnen konnte, rechnete falsch. Wer etwas nicht wusste, wusste es eben nicht. Wer einen Text nicht schreiben konnte, besaß keinen kleinen unsichtbaren Ghostwriter in der Hosentasche.
Die menschlichen Fähigkeiten standen unter einem unerbittlichen Realitätsdruck. Man musste sie besitzen, weil man sie brauchte.
Gerade deshalb ist der gegenwärtige Kult des Trainings so merkwürdig. Nie zuvor wurde so viel von Selbstoptimierung gesprochen, während gleichzeitig so viele ihrer lebenspraktischen Voraussetzungen verschwinden.
Wir zählen Schritte, weil wir nicht mehr gehen müssen.
Wir heben Gewichte, weil wir nichts mehr tragen müssen.
Wir fahren auf Fahrrädern, die sich keinen Meter bewegen.
Wir laufen auf Bändern, die uns zuverlässig am selben Ort halten.
Wir trainieren Konzentration, weil eine technische Umwelt entstanden ist, die sie im selben Augenblick systematisch zerstört.
Wir bezahlen Trainer dafür, uns jene körperlichen Belastungen wieder zuzufügen, von denen zwei Jahrhunderte Technikgeschichte uns befreien sollten.
Das Fitnessstudio ist insofern eine der komischsten Institutionen der Moderne. Es produziert unter kontrollierten Bedingungen künstlich jene Widerstände, deren Beseitigung der eigentliche Stolz der Zivilisation war.
Zuerst erfinden wir den Aufzug und anschließend den Stairmaster.
Es wäre ungerecht, daraus lediglich eine Zivilisationssatire zu machen. Denn die Rekonstruktion verlorener Widerstände ist sinnvoll. Ein Körper braucht Belastung, auch wenn die Ökonomie sie nicht mehr verlangt. Was für den Muskel gilt, könnte jedoch bald für fast sämtliche menschlichen Fähigkeiten gelten.
Hier beginnt die eigentliche anthropologische Verschiebung.
Die Maschine nahm dem Menschen zunächst die Kraftarbeit ab. Das war leicht zu verstehen. Der Dampfhammer schlägt kräftiger, der Bagger gräbt schneller, der Traktor zieht länger. Trotzdem blieb eine beruhigende Grenzziehung bestehen: Die Maschine besitzt Kraft, der Mensch besitzt Geist.
Nun wird auch diese Arbeitsteilung unübersichtlich.
Künstliche Intelligenz schreibt Texte, übersetzt Sprachen, programmiert, diagnostiziert, kombiniert Informationen, erzeugt Bilder, komponiert Musik, plant Abläufe und übernimmt immer größere Teile jener Tätigkeiten, die man bis vor kurzem für sichere Reservate menschlicher Kognition hielt. Robotik beginnt zugleich, die verbliebene physische Umwelt für Maschinen zugänglich zu machen. Nicht bloß die Fabrikhalle, sondern Lager, Krankenhaus, Küche, Baustelle, Haushalt, Landwirtschaft und Pflege werden nach und nach maschinenlesbar.
Damit ändert sich die alte Anthropotechnik fundamental.
Bislang trainierte der Mensch, um etwas besser tun zu können.
Künftig wird er immer häufiger trainieren müssen, obwohl er es nicht mehr tun muss.
Das ist etwas völlig anderes.
Der Muskel, den kein Lebenszusammenhang mehr benötigt, wird zum Hobby. Das Gedächtnis, dessen Inhalte jederzeit extern verfügbar sind, wird zum Sport. Kopfrechnen wird zur intellektuellen Gymnastik. Schreiben könnte eines Tages eine ähnliche Stellung besitzen wie heute Kalligrafie: bewundert gerade deshalb, weil es für die gesellschaftliche Produktion nicht mehr erforderlich ist.
Dann gerät Sloterdijks Imperativ in eine merkwürdige Lage. „Du mußt dein Leben ändern“ – warum eigentlich?
Das „musst“ verliert seine materielle Basis.
Man kann sein Leben ändern. Man darf sich steigern. Man kann Marathon laufen, Altgriechisch lernen, Bach spielen, Kant lesen, Gewichte heben, Gedichte auswendig lernen und an der eigenen Urteilskraft arbeiten. Nur wird immer schwerer zu behaupten sein, dass der gesellschaftliche oder gar evolutionäre Ernstfall einen dazu zwinge.
Aus dem Imperativ wird ein Luxus.
Vielleicht liegt gerade darin die dialektische Pointe der gesamten Selbstoptimierungskultur. Sie erreicht ihren historischen Höhepunkt in dem Augenblick, in dem sie ihre Notwendigkeit verliert.
Noch nie gab es so viele Trainingspläne, Coaches, Apps, Nahrungsergänzungsmittel, Meditationstechniken, Schlafanalysen, Leistungswerte, Selbstvermessungen und Optimierungsprogramme. Der Mensch steht unter einer permanenten Aufforderung, an sich zu arbeiten.
Gleichzeitig arbeitet die Technik daran, ihn von immer mehr Arbeit an sich selbst zu entlasten.
Die eine Bewegung ruft: Werde leistungsfähiger!
Die andere antwortet: Wozu?
Hier müsste Nietzsche unruhig werden.
Sein Übermensch ist keine brauchbare Vorlage für den Transhumanismus, jedenfalls nicht ohne erhebliche Gewalt am Text. Denn der Übermensch bleibt bei aller Überschreitung eine Gestalt menschlicher Selbstüberwindung. Er besitzt Pathos, Entscheidung, Stil, Gefahr, Einsamkeit, Leiblichkeit. Er ist kein Softwareupdate.
Der technische Transhumanismus vollzieht jedoch eine ganz andere Operation. Er steigert nicht notwendig den Menschen. Er kann ebenso gut die Leistungen des Menschen externalisieren.
Das wäre die bösartigere Form der Überwindung.
Nicht: Der Mensch überwindet sich.
Sondern: Der Mensch wird überwunden.
Nietzsches Brücke führt dann nirgendwohin, weil etwas an ihr vorbeifliegt.
Der Übermensch wäre in dieser Perspektive gerade kein besonders perfekter Mensch. Er wäre womöglich überhaupt kein Mensch mehr. Und damit zerfiele auch das Pathos des Begriffs. Denn im „Übermenschen“ steckt trotz des „Über“ immer noch der Mensch als Bezugsgröße. Ein Wesen, das denkt, leidet, begehrt, sich erinnert, irrt, einen Körper besitzt und sich an dessen Begrenzungen abarbeitet.
Die technische Evolution besitzt für derartige Ehrfurcht keinen Grund.
Sie konserviert nicht notwendig das Humanum. Sie selektiert Funktionen.
Was Menschen besser können, bleibt vorläufig menschliche Arbeit. Was Maschinen besser können, wandert in die Maschine. Dieser Prozess besitzt keine eingebaute Klausel, nach der am Ende genügend charakteristische menschliche Fähigkeiten übrig bleiben müssen, damit wir uns in unserem traditionellen Selbstbild wiedererkennen.
Vielleicht liegt hier der entscheidende Unterschied zwischen Evolution und technischer Entwicklung. Die biologische Evolution konnte den Menschen nicht von außen ersetzen. Jede Verbesserung musste durch Körper und Generationen hindurch.
Technik muss das nicht.
Sie kann Fähigkeiten einfach auslagern.
Man muss kein besseres Gedächtnis entwickeln, wenn man ein externes besitzt. Keine bessere Orientierung, wenn das Navigationssystem sie übernimmt. Keine größere Kraft, wenn ein Roboter sie bereitstellt. Vielleicht irgendwann keine besondere Sprachbeherrschung, kein zeichnerisches Können, keine Übersetzungskompetenz und keinen großen Wissensvorrat.
Der Mensch wird nicht verbessert.
Seine Umgebung wird kompetenter.
Und je kompetenter die Umgebung wird, desto unklarer wird, welche Kompetenz ihr Bewohner noch benötigt.
Das wäre eine ironische Endstufe der Anthropotechnik: Die erfolgreichste menschliche Selbststeigerung bestünde darin, eine Welt hervorzubringen, in der menschliche Selbststeigerung entbehrlich geworden ist.
Der Mensch trainierte Jahrtausende, um die Natur zu beherrschen. Als er endlich erfolgreich war, musste er anfangen, künstliche Natur zu erzeugen, damit er noch etwas hatte, woran er trainieren konnte.
Sisis Turnzimmer bekommt damit plötzlich philosophische Aktualität.
Die Kaiserin hängt an den Ringen in einem Palast, in dem fast jede schwere körperliche Tätigkeit längst von Bediensteten erledigt wird. Gerade ihre privilegierte Befreiung von Notwendigkeiten erzeugt die Notwendigkeit künstlicher Übung. Sie muss Widerstand arrangieren, weil ihr sozialer Rang ihn beseitigt hat.
In diesem Sinne ist Sisi moderner als Nietzsche.
Sie lebt bereits in einer frühen postfunktionalen Trainingswelt.
Sie trainiert nicht, weil die Welt ihre Kraft benötigt. Sie trainiert um ihrer selbst willen. Der Körper wird zum Projekt, gerade weil er kein Werkzeug der Existenzsicherung mehr sein muss.
Was bei ihr aristokratische Ausnahme war, ist inzwischen Massenkultur geworden.
Und womöglich geschieht dem Geist nun dasselbe.
Das 21. Jahrhundert könnte das geistige Äquivalent von Sisis Turnzimmer hervorbringen: Räume, Übungen und Institutionen, in denen Menschen künstlich jene Fähigkeiten beanspruchen, die ihre technische Umwelt ihnen im normalen Leben längst abnimmt.
Man wird schreiben, obwohl Maschinen schreiben können.
Rechnen, obwohl Maschinen rechnen.
Erinnern, obwohl Maschinen speichern.
Zeichnen, obwohl Maschinen Bilder erzeugen.
Vielleicht sogar denken, obwohl Denken funktional nicht mehr überall verlangt wird.
Dann hätte sich der alte Imperativ vollständig umgekehrt.
Wir trainieren nicht mehr, um für die Welt geeignet zu sein.
Wir trainieren, um Menschen zu bleiben.
Das wäre eine wesentlich ernstere Begründung des Übens als sämtliche gegenwärtige Selbstoptimierungsrhetorik.
Denn plötzlich wäre Übung nicht mehr das Mittel zur Überwindung des Menschen, sondern zu seiner Konservierung.
Nicht höher, schneller, stärker.
Sondern: nicht verschwinden.
Sisi wollte ihr Gesicht vor der Zeit retten und entzog es schließlich den Blicken. Vielleicht steht die Menschheit vor einer ähnlichen Versuchung. Sie perfektioniert ihr technisches Spiegelbild so lange, bis das Original daneben unvollkommen erscheint. Daraufhin verbessert sie nicht mehr das Original, sondern nur noch den Spiegel.
Irgendwann ist das Abbild schneller, klüger, stärker, schöner und ausdauernder.
Und der Mensch zieht den Schleier vors Gesicht.
Die eigentliche Frage lautet dann nicht mehr, ob wir uns genügend gesteigert haben.
Sondern ob es Fähigkeiten gibt, die wir gerade deshalb weiter ausüben sollten, weil wir sie nicht mehr ausüben müssen.
Vielleicht beginnt Humanismus künftig genau dort: bei der freiwilligen Anstrengung ohne funktionalen Zwang.
Gehen, obwohl gefahren werden könnte.
Denken, obwohl gefragt werden könnte.
Schreiben, obwohl generiert werden könnte.
Erinnern, obwohl gespeichert wurde.
Etwas lernen, dessen Ergebnis längst abrufbar ist.
Dann bekäme Sloterdijks Satz noch einmal einen anderen Ton.
Du musst dein Leben ändern – nicht weil du sonst untergehst, nicht weil du höher hinaus musst und auch nicht, weil irgendwo ein Übermensch auf seine Geburt wartet.
Du musst es ändern, wenn du verhindern willst, dass die Apparate am Ende alles können, was du einmal unter „ich“ verstanden hast.
Vielleicht ist das die letzte Vertikalspannung.
Nicht der Aufstieg über den Menschen hinaus.
Sondern die Anstrengung, bei ihm zu bleiben.