Lebendiges Archiv

Klärwerk III – Anfänge, Aktionen, Bildwelten

Frühe Jahre einer Bonner Kunstformation.

Klärwerk III begann nicht mit einem fertigen Programm, sondern mit einer Haltung: Kunst sollte aus ihren sicheren Zuständigkeiten heraus und in Situationen geraten, in denen Bild, Handlung, Öffentlichkeit und Widerspruch nicht mehr sauber voneinander zu trennen waren. Die im Februar 1982 von Alfred Kerger, Goedart Palm und Karl-Heinz Wolff gegründete Formation bewegte sich früh zwischen Ausstellung, Aktionskunst, Happening und politischer Intervention.

Bonn war dafür nicht nur der administrative Hintergrund, sondern konkreter Schauplatz. Ladenraum, Straße, Schaufenster und Ausstellungswand konnten gleichermaßen zur Bühne werden. Groteske Zeichen, improvisierte Präsentationen und ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Wirkung von Bildern verbanden sich mit der Frage, wie Kunst in eine Stadt hineinsprechen kann.

Die hier versammelten Fotografien sind deshalb mehr als nachträgliche Belege. Sie zeigen bereits den Ton der frühen Phase: provisorisch und entschieden, beiläufig und inszeniert, zwischen Werkstatt, Ausstellung und öffentlicher Bildstörung. Das Klärwerk-Signet taucht ebenso auf wie bemalte Stoffbahnen, serielle Fotografien, Papierarbeiten und Menschen, die sich durch diese Bildräume bewegen.

Die Aufnahmen tragen spätere Digitalisierungsnamen; ihre Motive gehören jedoch zur frühen Klärwerk-Geschichte. Wo eine genaue Einzelzuordnung nicht gesichert ist, bleiben die Legenden bewusst allgemein. Der Archivcharakter entsteht hier nicht durch nachträgliche Gewissheit, sondern durch eine vorsichtige Ordnung dessen, was die Bilder tatsächlich zeigen.

Frühe Klärwerk-Szene vor einer großformatig bemalten Stoffbahn
Klärwerk III in der frühen Phase: Bildraum, Zeichenwand und inszenierte Präsenz, Bonn, frühe 1980er Jahre.

Anfänge im Bonner Stadtraum

Die erste Phase ist eng mit konkreten Räumen verbunden. Der Blick von der Straße auf die Fensterfront und der Blick aus dem Ausstellungsraum zurück in die Stadt gehören zusammen. Kunst tritt sichtbar hinter Glas auf, bleibt aber nicht vom Alltag getrennt: parkende Autos, Fahrräder, Passanten und die Architektur der Nachbarschaft bilden den unkontrollierten zweiten Rahmen.

Straßenszene vor frühen Klärwerk-Ausstellungsräumen in Bonn
Bonner Umfeld der frühen Klärwerk-Räume, Anfang der 1980er Jahre.
Schaufenster eines frühen Klärwerk-Ausstellungsraums
Die Schaufenster als erste öffentliche Bildfläche: früher Klärwerk-Ausstellungsraum in Bonn.
Frühe Klärwerk-Szene mit dem Signet Klärwerk III
Frühe Klärwerk-Szene mit dem Signet der Formation; eine sichere Personenzuordnung wird nicht vorgenommen.

Eine frühere Klärwerk-Mitwirkende möchte ihre historischen Fotografien nicht im Netz sehen. In diesen nachträglichen Bildmontagen wird sie deshalb bewusst durch kunsthistorische Figuren ersetzt. Die ursprüngliche Gruppenkonstellation bleibt als Idee sichtbar, ohne ihre Person abzubilden; aus Archivlücke und Rücksicht entsteht eine leicht ironische Selbsthistorisierung.

Goedart Palm mit Schnäuzer, Leonardo da Vinci und Kerger mit Brille in einer nachträglichen Renaissance-Inszenierung
Goedart Palm, Leonardo da Vinci und Kerger – eine nachträgliche Renaissance des frühen Klärwerk-Personals.

Frühe Aktionen und Bildwelten

Die Bilder zeigen keine neutrale Hängung. Papierbahnen, Fotografien, Fundmaterial, Schrift und bemalte Stoffe greifen in den Raum ein. Die Präsentation selbst wird zur Handlung: etwas wird befestigt, überlagert, in Fenster gesetzt oder so arrangiert, dass der Übergang zwischen Ausstellungsobjekt und räumlicher Situation offenbleibt.

Frühe Klärwerk-Installation mit Papierarbeiten und Fotografien
Frühe Klärwerk-Installation: Papier, Fotografie und Fundmaterial bilden eine provisorische Bildarchitektur.
Blick durch einen frühen Klärwerk-Ausstellungsraum
Der Ausstellungsraum als Arbeitsfeld zwischen Wandbild, Fenster, Zeichen und Straße.
Person in einem frühen Klärwerk-Ausstellungsraum vor bemalter Stoffbahn
Frühe Klärwerk-Bildwelt: bemalte Stoffbahn, Papierarbeiten und eine inszenierte Situation am Fenster.

Mitten in der historischen Ausstellungsfolge meldet sich die kunsthistorische Rückprojektion erneut zu Wort: Diesmal verschiebt sie das Klärwerk-Personal in die Avantgarde der 1920er Jahre.

Goedart Palm mit Schnäuzer, Marcel Duchamp in der Mitte und Kerger mit Brille in einer nachträglichen Begegnung mit der Avantgarde der 1920er Jahre
Goedart Palm, Marcel Duchamp und Kerger – Klärwerk in einer nachträglichen Begegnung mit der Avantgarde der 1920er Jahre.

Danach kehrt die Bildfolge in den dokumentierten Ausstellungsraum zurück. Gerade dieser Wechsel hält historische Aufnahme und spielerische Umschrift sichtbar auseinander.

Besucher in einem frühen Klärwerk-Ausstellungsraum
Früher Klärwerk-Ausstellungsraum mit Besucher; Werke, Fahrrad und Architektur bleiben Teil derselben Situation.
Frühe Klärwerk-Präsentation mit großformatiger Zeichenbahn
Großformatige Zeichenbahn und montierte Bildtafeln: Klärwerk III zwischen Schrift, Geste und Bildstörung.

Die zweite Renaissance-Variante setzt denselben Austausch fort: Das historische Gruppenbild wird nicht rekonstruiert, sondern als kunsthistorisches Ateliergespräch neu erfunden.

Goedart Palm mit Schnäuzer, Leonardo da Vinci und Kerger mit Brille im nachträglichen Ateliergespräch
Goedart Palm, Leonardo da Vinci und Kerger im Ateliergespräch – Klärwerk in kunsthistorischer Rückprojektion.

Öffentliche Auftritte und Interventionen

Menschen erscheinen in diesen Fotografien nicht bloß als Maßstab vor Bildern. Bewegung, Aufenthalt, Gespräch und zufällige Begegnung aktivieren den Raum. Gerade das Fahrrad, das wiederholt zwischen Bildern und Eingang auftaucht, macht die Grenze zwischen alltäglichem Durchgang und inszenierter Situation durchlässig.

Fahrradfahrerin in einem frühen Klärwerk-Ausstellungsraum
Durchfahrt durch den Bildraum: frühe Klärwerk-Szene zwischen Alltag, Bewegung und Inszenierung.
Fahrradfahrerin vor frühen Klärwerk-Fotografien
Bewegung vor seriellen Fotografien: Der Ausstellungsraum wird zum Handlungsraum.
Blick aus einem frühen Klärwerk-Raum auf eine Fahrradfahrerin
Innen und außen im selben Bild: früher Klärwerk-Raum als Schwelle zum Bonner Stadtraum.
Zusammenkunft in einem frühen Klärwerk-Ausstellungsraum
Frühe Zusammenkunft im Klärwerk-Umfeld; die abgebildeten Personen werden ohne gesicherte Zuordnung nicht benannt.

Vom Bildraum zur politischen Intervention

Bereits in diesen frühen Räumen zeigt sich eine Kunst, die auf Sichtbarkeit, Störung und Reaktion angelegt ist. Das großformatige Zeichen ersetzt die diskrete Rahmung; das Fenster wird zur Projektionsfläche; die Anwesenheit von Menschen kippt zwischen Alltag und Auftritt. Daraus entwickelte sich eine Aktionssprache, die den geschützten Ausstellungsraum zunehmend überschritt.

Später wechselt die Rückprojektion das Jahrhundert: Aus der Renaissance wird eine verspätete Bohème, und Cézanne übernimmt die kunsthistorische Leerstelle.

Goedart Palm mit Schnäuzer, Paul Cézanne und Kerger mit Brille als Bohemiens des 19. Jahrhunderts
Goedart Palm, Paul Cézanne und Kerger – Klärwerk als verspätete Bohème des 19. Jahrhunderts.

Aus diesen Bildwelten, Interventionen und öffentlichen Auftritten entstand später auch die symbolisch und medial stark wahrgenommene Aktion Blumenkreuz kreuzt Aschenkreuz. Auf dem Bonner Münsterplatz wurden 1983 religiöses Zeichen, politische Friedensaktion, groteske Verfremdung und internationale Medienbeobachtung zu einer öffentlichen theatralen Situation verbunden. Die Aktion kam nicht aus dem Nichts; sie radikalisierte eine Praxis, die Kunst schon zuvor als räumliche und soziale Handlung verstand.

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