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Hagakure

Ghost Dog

"Meditation on inevitable death should be performed every day."

 

 

Hagakure
"Wir leben in keiner alten Kultur, Mister." "Manchmal schon." (siehe oben). Das ist der Schlüsseldialog des Films "Ghost Dog: The Way of the Samurai" von Jim Jarmusch (USA, 1999), eines Werks in der Tradition von Akira Kurosawa und Jean-Pierre Melville. Danach erschießt Ghost Dog den älteren Wilderer, der zuvor einen Bären mit der Begründung getötet hat, es gäbe so wenige von ihnen. Wenn man einen trifft, dann muss man ihn töten. Der Ghost Dog ist selbst einer dieser Bären, von denen es nur noch wenige gibt. Der tote Bär ist sein alter ego, was auch der jüngere Wilderer in einem Vergleich mit den Schwarzen der Gegend zynisch konstatiert. "Folglich" stirbt er als erster. In dieser Szene rächt sich die Natur durch ihre Wiederauferstehung. Der tote Bär lebt ...  
Welche Ethik gilt hier? Wie kann man nach Grundsätzen in einer Welt leben, die keine hat. Ghost Dog - genial gespielt von Forest Whitaker ist Schüler des "Hagakure". Im Buch der Samurai finden sich die Regeln, nach denen er lebt. Besser: Zu leben versucht. Es ist gut, Regeln zu haben. Aber ist die Welt überhaupt geeignet, solche Regeln auf sie anzuwenden? Die Tragik des Ghost Dog ist, dass seine Konzeption aus dem Hagakure nur bedingt mit der widerspenstigen Wirklichkeit korreliert. Sein "Fürst" ist ein höchst zweifelhafter Mafioso, der weder persönlich integer (nach Mafia-Grundsätzen!) ist noch genießt er ein besonderes Ansehen in seinem Clan. Aber als treuer Gefolgsmann kann man sich seinen Fürsten nicht aussuchen. Was aber, wenn die Widersprüche komplexerer Machtstrukturen die Gefolgstreue so schwierig machen? Im Lauf der Erzählung ist der Ghost Dog gezwungen, zwei Mal auf seinen Fürsten zu schießen, um dessen Integrität (!) gegenüber den anderen Mitgliedern des Clans zu sichern. 

Der Ghost Dog ist Auftragskiller, korrespondiert nur über Brieftauben und lebt auf dem Dach eines Hochhauses. Sein Werkzeug ist eine Laser-Zielgerät-Pistole, die als Samurai Schwert herhalten muss. Er liest viel und zur Einstimmung hört er - sehr zeitgemäß - den HipHop von RZA".

Der Pate (Henry Silva), der ihn vernichten lassen will, weil es beim letzten Auftrag Komplikationen gab, ahnt, mit wem er es zu tun hat. Ein per Brieftaube übermittelte Kriegserklärung löst seine Achtung aus: "Das ist Poesie. Die Poesie des Krieges". Auch später, als er wehrlos vor der Mündung der Waffe des Geister-Samurais steht, kennt er seinen Kodex. Er knöpft seine Jacke zu und lässt sich erschießen, nachdem er festgestellt hat, dass er ohnehin wusste, dass sein Feind kommen würde, er mithin sterben würde. 

Wie soll der Ghost Dog Gefolgsmann bleiben, nachdem er die Familie seines "Fürsten" ausgelöscht hat. Der Showdown ist unvermeidbar. Die japanische Lehre aus dem 18. Jahrhundert hilft hier nicht mehr wirklich weiter, wenngleich ihre Todesbotschaft gilt. Es kommt zum Showdown à la americaine. Der Ghost Dog zieht eine nicht geladene Pistole und lässt sich vom "Fürsten" erschießen. Der Tod lässt jede Lebensregel, die als solche gelten darf, wahr werden. Das Leben selbst ist schwieriger. Just die Zeugin, die seiner Identität bei dem verfehlten Auftragsmord gewahr wurde, wird zur neuen Patin. Der Fürst ist auch nur ein Gefolgsmann und sein Motiv, den Showdown mit seinem Gefolgsmann zu suchen, dürfte nur ein Auftrag der ranghöheren Patin sein. Man könnte Ghost Dog daher auch als Ironie verstehen, dass Regeln letztlich tödlich sind, wenn sie gegenüber der Wirklichkeit versagen und den Tod ohnehin glorifizieren. Mit anderen, paradoxen Worten: Es gibt keine Samurais mehr und wer sich dafür hält, bezahlt - so oder so - mit seinem Leben. Dadurch aber beweist er sich als Samurai, was wiederum die Gültigkeit der Regel belegt. Regeln sind immer Wirklichkeitskorrekturen, die entweder helfen zu leben oder - zu sterben. Das Prekäre des späteuropäischen Lebens besteht aber darin, dass sich jeder seine eigenes Regelwerk beschaffen muss, weil die Großdogmatiken mit ihren zahllosen Regeln immer stärker an Plausibilität verlieren. Mit anderen Worten: Ethik wird zur Privatangelegenheit, was zwar kategorische Lösungen nicht ausschließt, aber interkommunikative Verständigungen immer unwahrscheinlicher werden lässt. 

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