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Aphorismen Ratschlag Transzendentalfiktion Verlust Liebe
Verrat Trost Tiefsinn Schwäche Warten
Zoomorphie Ruhm Selbsterkenntnis Kritik Verrat
Stärke Psychologen Teetrinken Utilitarismus Obsolet
Monströs Tödlich Radikal Sensomotorik Moral
Seele Terrain Originalität Vernunft Autor
Innerlichkeit Golden Memory Klon Freude
Apathie Archetypen Ennui Disney Banalität
Grund Fatum Taedium vitae Beoabachtung Apodiktisch


 

Aphorismen

 
Transzendentalfiktion. In der Philosophie kann man nicht die Philosophie transzendieren.
 
Archetypen. Jedes Jahrhundert steuert einige neue Archetypen bei. 

Definition. Begriff auf der Suche nach sich selbst. Definitionen müssen ihre Umwelt in ihr System kopieren. Danach weisen sie immer schon über ihre Grenzen hinaus. Wer eine Definition besitzt, besitzt auch eine Umwelt. Jede Definition ist die ganze Karte. 

Kritik. Wer zu subtil wird, wird nicht gehört. Aber wer gehört wird, läuft Gefahr, mißverstanden zu werden. 

 

Memory. Die Erinnerung ist nur ein vergebliches Aufbäumen gegen die Verlaufsformen der Zeit. Jede Suche nach der verlorenen Zeit endet in einer Konstruktion einer nie existierenden Zeit. 

 

Auf den Kopf. Wer Philosophen auf den Kopf stellt, muß damit rechnen, daß kleine Münzen aus ihren Taschen fallen. 

 

Schreibfehler. Jemand schreibt "vermütlich". Das macht Sinn: eine gemütliche Vermutung.

Verlust. Die Materie schwindet...eine Geschichte der Evolution als die Geschichte des Verschwindens schreiben. 

Tiefsinn. Angst vor der Oberfläche. Unabgelöst ist die Schuld teutonischer Metaphysik, die Oberfläche der Dinge nicht als das Ding an sich genommen zu haben. Den Hinterwelten spüren immer die nach, die sich dem Glanz der Dinge verweigern. Der Glanz als Essenz. 

Klon. Wenn zwei dasselbe sind, ist es nicht dasselbe. 

Idiosynkratiker. Empfindsame Seelen, die zwar die Fliege an der Wand stört, nicht aber der Fliegendreck auf ihrem Papier. Wieviel weniger fremdes Leid. 

Psychologen. Psychoverlogen. 

Moral. Altes Sedativ. 

Radikal. Scheuklappen, um nicht das Ziel aus dem Auge zu verlieren

Amok. Koma. 

Forschung. Hypothesen überspannen, jeden Wechsel auf die Zukunft ziehen - alles was gedacht werden kann, ist wirklich, auch wenn es unvernünftig sein sollte. 

Fatum. Wer die Geschichte versteht, entgeht ihr gleichwohl nicht (Jouffroy modifiziert). 

Grund. Da keiner bereit ist, meine Bücher zu schreiben, muß ich es selbst tun. Aber ich habe schon deshalb keine Gründe, Rücksicht auf eure Lektüren zu nehmen. 

Terrain. Erstaunlich wie der Boden beim Schreiben wächst. Stein auf Stein, bis das Gebäude völlig fremdartig ist und doch könnte es kein anderer bauen. 

Obsolete Wörter. Eine gute Liste von Nichtwörtern, eine gute Liste von Wörtern, Verknüpfungswahn oder -lust, und schon werden die Texte gelingen, ihr Köche. 

Apodiktisch. Sich apodiktisch wehren gegen apodiktische Zeitgenossen. 

Weisheit. Reden, um zu schweigen. 

Ennui. Ästhetische Müdigkeit. 

Morgens. Sterne im Kaffeesatz. Carpe diem! 

Einer sagt. Der Schmerz flieht meinen Körper. 

Freude. Kurzes Vergessen. 

Trost. Trösten heißt, an das Nichts zu erinnern (Jouffroy modifiziert). 

Geborgenheit. Die Perkussion beruhigenden Regens gegen die Fenster. 

Beobachtungsmodus. Er beobachtete viel, aber versagte sich jede große Form. Wie viele Wahrnehmungen werden eindimensional, wenn sie sich dem jeweiligen Generalbaß einer Theorie unterordnen. Gerechtigkeit gegenüber den Phänomenen: sie nicht verstehen zu wollen. 

Selbsterkenntnis. Ich beginne mich zu wiederholen, also habe ich doch eine Identität. 

Glück. Der Glaube an das Glück ist gefährlich. Nur wer um die Katastrophe weiß, nähert sich seinem Glück. 

Liebe. "Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses" (Novalis). Wie falsch! Ist es nicht eher so, daß die Trüffel letztlich vor die Schweine geworfen werden? Werden nicht alle geliebten Gegenstände von der Platte geputzt - so wie allen ungeliebten? Fetischismus bleibt ein mangelhaftes Surrogat des Paradieses, das nach Karl Kraus gar nicht erst gesucht wird, sondern ein lästiger Mehrwert ist. 

Schwäche. Liebe ist eine Schwäche - freilich die stärkste. 

Banalität. Banalität, wenn kein unabänderlicher Erziehungsfehler, ist eine Überlebensstrategie - zur rechten Zeit am rechten Ort eingesetzt.

Ruhm. Schlechte Eigenschaften trösten uns über unsere Vergänglichkeit, unsere Bedeutungslosigkeit, die Schnödigkeit der Zeitgenossen...wie schrecklich muß ein nicht erkanntes, nicht erkennbares Genie leiden. Freilich haben die Künstler sich ihren eigen Reim darauf gemacht. Sie leiden an ihrem Nichtruhm, erlangen sie Ruhm, erkennen sie seine Bedeutungslosigkeit, siehe etwa Flaubert

Ironie. Ein aussterbender Selbstbehauptungsgestus. Ironie bleibt unterwürfig, aber unduldsam gegenüber der Macht. Heute verdrängt Zynismus Ironie. Herrschaftszynismus versus Untertanenzynismus. 

Ironie. Vergeßt alle marginalen Ironien. Die Existenz der Welt ist bis ins Mark eine Ironie. Gott ein Ironiker? 

Monströs. Graduelle Verschiebungen, die auf der jeweiligen Stufe einen kleinen Schritt rechtfertigen. Niemand startet von 0 auf 100 durch. Rechtfertigung der kleinen Schritte, um schließlich zum Ungeheuer zu werden. 

Ratschlag. Bewahre Gleichmut, auch wenn das Gleichgewicht in und über den Verhältnissen kurz währen sollte. Zornig werden heißt, gegenüber dem Gleichmut gleichmütig zu werden. 

Weisheit. Erste Voraussetzung heute: Mit der Weisheit brechen. 

Zoomorphie. Wenn einer in den Spiegel schaut und einen Affen erblickt, spricht das nicht gegen den Spiegel. Spiegelarme Zeiten. 

Persönlichkeit. Starrheitssyndrom. Eine multiple Persönlichkeit, selbstbeherrscht und selbstsicher, ja das wollen wir. Jeden Tag als neue Persönlichkeit mit alten Erfahrungen - geht das? 

Weisheit. Arroganz, die sich hinter Bescheidenheit versteckt? 

Zynismus. Enttäuschte Lebensfreude. Aber selbst der Zyniker hofft noch auf Enttäuschung. 

Wirklichkeitssinn. Welt als immerwährende Knappheitssituation begreifen. Schränke voller Spezereien sind auf Dauer schwerer zu ertragen als die Sorgen um morgen. 

Sensomotorik. Nachdem die Wahrheit abdankt, setzen wir auf Bewegung und Wahrnehmung. 

Warten. Harre der eisigen Dinge, die irgendwann erscheinen. Gleichwohl ist Warten nicht das halbe Leben. Wer wartet, hat noch keine präsentische Lebensweise gefunden. 

Apathie. Was ist Apathie? Apathie ist das Medium der modernen Existenz, eine Schutzhaltung gegen den sozialen Differenzierungsdruck. Apathie heißt die Fühlung mit dem Leben an ein Distanzsystem abtreten. Der Stoizismus hat die Reaktion auf Outburn-Effekte schon früh beschrieben. Altrömische Zustände. Apathie heißt Beteiligung ohne innere Teilnahme. Apathie als Ruhepolster oder moderne Überlegenheit. 

Taedium vitae. Wir haben die Zeit für eine kontemplative Weltmüdigkeit verloren. Decadents waren nicht "burned out", sondern erloschen oder weltflüchtig in der Welt wie etwa Rimbaud. Goethe berichtet von einem Engländer, der Selbstmord beginn, weil er keine Lust hatte, jeden Tag erneut seine Hose anzuziehen. Wäre der Mann nach Konstantinopel übersiedelt, hätte einen Kaftan getragen, hätte er sich vermutlich selbst entleibt, weil er jeden Morgen seinen Turban binden müßte. Hinter den Anlässen steckt so unendlich viel mehr. 

Teetrinken. Was man nicht entscheiden kann, kann man entscheiden. Alles andere folgt der Sachlogik einer trivialen Maschine (von Foerster). Warum überhaupt entscheiden? Trink´ein Täßchen Tee (Rat der Zen-Meister). Aber auch das muß man entscheiden. 

Tödlich. Er strangulierte sie mit seiner Toleranz.

Originalität. Die Kunst, sich nicht auf den Verstand, sondern auf den Aufstand wider ihn zu verstehen. Freilich schafft das einen neuen Verstand, verständiger als der alte. 

Der Wille zur Originalität. Darüber wurde er machtlos. 

Inkompetenz. Inkompetenz wird belohnt, wenn sie die Kompetenz mit ihrer Kritik verschont. 

Seele. Die Seele ist die Atmosphäre des Geistes (Joubert modifiziert). 

Geist. Jeder Geist hat einen Bodensatz, der aufgespült werden kann (Joubert modifiziert). Dann können die Verhältnisse sehr schnell geistlos werden... 

Stärke. Der Geist bleibt so lange stark, als man die Kraft hat, an seiner Stärke zu zweifeln (Joubert modifiziert). 

Beständigkeit. Die Beständigkeit ist oft nur ein Mangel an Einfällen (Jouffroy modifiziert). 

Goldene Regel. Das Leben fürchten, heißt dem Tod zuviel Ehre erweisen (Jouffroy modifiziert). 

Utilitarismus. Den eigenen Wahn als nützlich, d.h.wahr zu erkennen. Solange wir leben, bleiben wir mit der Welt kompatibel. Erfolg ist höchste Kompatibilität. 

Vernunft. Kopfstand eines Kopffüsslers. 

Ungeziefer. Das Böse im Wertsystem der Biologie. 

Disneyworld. Wachsfigurenkabinett für Erlebnismüde. 

Innerlichkeit. Denen zu mißtrauen, die ihre Introspektion mit der Weltverfassung verwechseln, sei die erste Moral. 

Erhaben. Eine Situation, der kein Spruch folgen kann.

Verrat. Eine Wahrheit, die zur Gegenseite überlief. 

Holocaustdenkmal. Das Denkmal ist die Diskussion darüber. 

 

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Goedart Palm, Glück und Faulheit, S. 61 ff. in: 

18 Antworten auf die Frage nach dem Glück

Ein philosophischer Streifzug - hrsg. von Siegfried Reusch (Autoren: Rüdiger Safranski, Annemarie Pieper, Pascal Bruckner u.a.)

2011. Buch. 232 S. Paperback
S. Hirzel ISBN 978-3-7776-2143-2

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.