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Zur Konstruktion der Virtualität

(Ein älterer, nicht fertig gestellter Text)

Was aber Virtualität sei, darüber vermögen nur Konstruktionen Aufschluss zu geben...

I. Aporien der virtuellen Evolution 

“Woraus aber die Dinge ihre Entstehung haben, darein finde auch ihr Untergang statt, gemäß der Schuldigkeit. Denn sie leisteten einander Sühne und Buße für ihre Ungerechtigkeit, gemäß der Verordnung der Zeit.” Entstehung und Untergang der Dinge stehen Anaximander zufolge unter dem Gesetz der Zeit. Das irritiert unser Verhältnis zu den Dingen zum wenigsten, wenn auch die Diversifikation des Zeitbegriffs verschiedenste “Verordnungen” kennt.  Dagegen provoziert uns die Durchdringung des Evolutionsprinzips mit dem Schuldprinzip. Diese Ineinssetzung stört ein Fortschrittsparadigma, das den Zusammenhang zwischen den Dingen als Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen faßt, ohne diese Differenz anders denn als funktionalen Zugewinn zu fassen. Die zeitgenössischen Fassung des Fortschrittsparadigmas bleibt selbst die Antwort schuldig, warum etwas entsteht und vergeht. So bemühen sich evolutionäre Prinzipien wie Selektion, Variation und Stabilisierung zwar die Verlaufsgeschichte zu qualifizieren, aber warum überhaupt eine Welt des Werdens projektiert scheint, bleibt offen. Ontogenetische, phylogenetische, soziologische oder technologische Entwicklungen werden als Funktionsdifferenzierung verstanden. So ist es etwa naheliegend, moderne Gesellschaften als funktional ausdifferenzierte Systeme und Untersysteme zu beschreiben, die Aufgabenzuweisungen entzerren, und nur spezifische Medien der Kommunikation akzeptieren, um Komplexität zu reduzieren und so zugleich mehr Komplexität verarbeiten zu können. Diese systemische Entwicklungstheorie, die nicht nur ihren Gegenstandsbereich, sondern auch sich selbst unter die Maxime Spencer Browns “Draw a distinction” stellt, formuliert den Weltgeist als fortschreitenden Differenzierungsprozess. Aber die Unterscheidung zwischen Differenz und Nichtdifferenz ist in diesem Programm nicht vorgesehen. Nichtunterschiedenes erschließt sich keinem Begriff, weil der Begriff bereits die Unterscheidung in sich trägt. Mit jeder Entwicklung wird der Bereich der Differenz vergrößert, ohne sagen zu können, was nichtunterschieden bleibt. In der Herrschaft der Differenz wird autologisch zugleich die Herrschaft des Nichtunterschiedenen begründet, weil anders jede Differenz gegenstandslos bliebe. Wäre aber alles unterschieden, wäre das Gesamt der Erscheinungen immer noch ununterscheidbar, weil alle Differenzen in der Gemeinsamkeit des Unterscheidens zusammenlaufen müssen.  

Diese Entwicklungslogiken besitzen zwar prozedurale Erklärungen, sind aber sprachlos gegenüber Anaximanders kühner Entwicklungssemantik, Dinge entstünden und vergingen gemäß ihrer Verschuldung. Anaximanders Verschuldensprinzip läßt sich zwar nicht semantisch retten, weil die Ordnung der Dinge unserem Verständnis nach nicht moralisch konstruiert werden kann -  aber der Versuch, Entwicklungen unter ein Austauschprinzip zu stellen, sie semantisch zu definieren, provoziert jede rein prozessuale Entwicklungsidee, die in eine nicht vollzogene Zukunft weist. Mit anderen Worten: Warum bleibt nicht alles so, wie es ist? Warum verändern sich Zustände? Selbst Kosmogonien, Heilsgeschichten, die den Geschichtsverlauf melioristisch beschreiben, erklären nicht, warum der Wille des Schöpfers auf eine Entwicklung zielt und nicht den Zustand der Vollkommenheit verwirklicht. Das Schöpfungsdenken formuliert eine Teleologie der letzten Dinge aus einem Ursprung, der selbst ohne Ursprung ist. Das ist jenseits eines endlichen Fassungsvermögens, sodass alles Ursprungsdenken nie mehr als einen infiniten Rückgriff eröffnet. Dieser infinite Rückgriff wird aber so selbst zum Zeichen der Unendlichkeit. Nicht dem ursprungslosen Ursprung, allein dem Verlauf kann sich Philosophie widmen, weil der Verlauf das Erlebnis ist, über das Menschen reden können, weil sie selbst das Erlebnis sind. Dieses philosophische Programm ist ohne Anknüpfungen an einen Ursprung oder an ein Ende, hier finden weder Schöpfungen statt noch erfüllt sich der Weltgeist in seiner selbstbewussten Entfaltung. Menschen denken in Zwischenzeiten wie -räumen, ohne Bodenhaftung.   

Fortschrittsideologie wird so zur Entgegenwärtigung des Bestehenden, das ohnehin nur konventioneller Wahrnehmung als persistierender Zustand erscheint. Aber das etwas “ist” und nur in diesem Sein, in dieser Einmaligkeit und “vorübergehenden Persistenz” Eigenwert besitzt, ist dem abendländischen Entwicklungsdenken zur Restgröße verkommen.  Auf dieser Schnittstelle zwischen dem Allgemeinen, das die Entwicklungsidee repräsentiert, und dem Besonderen, das auf der Stasis eines Phänomens, einer Situation, eines Moments beharrt, ist zu insistieren, wenn das Denken sich nicht völlig an eine offene Zukunft vergeben will. Handeln setzt immer eine Dialektik zwischen einem Zustand und seiner Veränderung voraus. Der Zustand ist hypothetischer Natur für das Handelnkönnen, aber zugleich hat der Zustand in seiner phänomenologischen Beschaffenheit einen praktischen Eigenwert. Dass etwas “ist”, ohne auf sein Werden zu spekulieren, legitimiert phänomenologische Zugriffe, die das Wesen eines Dings erfassen wollen. Dabei bewegt sich jede Phänomenologie in dem Selbstwiderspruch, dass das Ding im Moment seiner Erfassung bereits ein anderes ist, weil es physikalisch keine Gegenstände in Ruhe gibt. Phänomenologie ist damit ein praktischer Welterschließungsmodus, ohne absolute Wahrheit reklamieren zu können.   

Fortschrittsideologie und Menetekel-Philosophie teilen sich in die Verwaltung der Zukunft. Das Menetekel, das schon je geschichtsmorphologischen Entwürfen angelegen war, extrapoliert negativ auf die Zukunft. Spengler, Anders etc. nehmen aus sehr unterschiedlichen Gründen zivilisatorische, kulturelle, technologische  Entwicklungen zum Anlass, den Untergang des Abendlands, den Tod des Subjekts oder gar die Vernichtung der Erde vorherzusagen. Solche Prophezeiungen sind bereits deshalb nicht ernst zu nehmen, weil die Entwicklung komplexer Zustände keinem bislang bekannten Entwicklungsgesetz unterliegt. So sind etwa technologische Entwicklungen regelmäßig mit Menetekeln verbunden, die sich in der Rückschau als kurzschlüssig darstellen. Der Kurzschluss liegt regelmäßig darin, zukünftige Faktoren nicht extrapolieren zu können, weil dafür der Weltprozess in toto in ein Laplace-Universum radikaler Kausalitäten gestellt werden müsste. Zwar kann man das vermuten, aber es gibt keine endliche Berechnungsmöglichkeit für den Zustand des Universums.

Durch den Zuwachs an Komplexität und der Zunahme von technologischen Halbwertszeiten wird Prognostik vollends zur Geschichtsspekulation. Folgenlos sind indes diese Spekulationen deshalb nicht, weil sie selbst in den Geschichtsverlauf eingreifen, den sie beschreiben. Zwar läßt sich auch über diese Eingriffe nicht sagen, ob sie im Sinne einer praktischen Vernunft melioristisch oder amelioristisch auf die beschriebenen Prozesse einwirken. Aber sie lösen Handlungen aus und beeinflussen den Geschichtsverlauf.      

II. Zur Konstruktion der Virtualität

Am Anfang war die Virtualität. Jeder Anfang ist aber selbst virtuell, weil er auf seinen eigenen Ursprung zurückweist. Jeder unendliche Regreß auf eine Kosmogonie kann nur durch eine Virtualisierung durchbrochen werden, die die Konstruktion einer raumzeitlichen Ausgangswelt transzendiert, um einen Anfang dadurch herzustellen, daß sie ihn unterstellt. Die christliche Theologie hat im Schöpfungsmythos diese Schnittstelle zwischen Gott und seiner Welt verortet. Nicht anders hat Aristoteles in der dialektischen Figur des unbewegten Bewegers zwei gegenläufige Prinzipien miteinander verschmolzen, ohne diese Konstruktion vermittelbar zu machen. Der Rückgriff auf den Ursprung des Schöpfers wurde damit abgeschnitten, weil entweder die Frage inhibiert ist oder der Schöpfer als ewig gesetzt wird. Ewigkeit ist dabei nichts anderes als ein logisches Verfahren für dem Raum-Zeit-Kontinuum unterworfene Wesen, eine jenseits ihrer Vorstellung angesiedelte Kategorie zu finden. Das Ewige ist zeitlos und damit Raum-Zeit-Wesen nicht vorstellbar. Da aber auch der Ursprung der Zeit und des Raums nicht vorstellbar ist, ist es als logische Komponente einer ursprungslosen Konstruktion unverzichtbar. Mit anderen Worten: der Ursprung ist dunkel und zur Zeit – in der Zeit – nicht rekonstruierbar.     

Schöpfungsmythen beziehen ihren Stoff aus der Beschreibung von Konstruktionen, die einem Programm folgen. Dabei wird die Differenz, ob etwas ist oder nicht, nicht entschieden, weil der Anfang der Schöpfung gesetzt ist und nicht in Frage gestellt wird. Sollte entschieden werden, ob etwas geschöpft wird, impliziert das bereits die Schöpfung. Deshalb kann man sich nicht Nichts vorstellen, sondern “Nichts” nur als Grenzwert virtueller Schöpfungen unterstellen, ohne ihm Existenz zuzuweisen.  

Virtualität ist nichts anderes als die Frage nach der Schöpfung. Nun ist für Schöpfer, die selbst Teil einer Schöpfung sind, nicht das Paradox einer “creatio ex nihilo” prägend. Dabei ist die Frage nach der Schöpfung des Schöpfers solange suspendiert, so lange immanente Szenarien, mithin Kosmogonien Rückschlüsse auf sich selbst ziehen wollen.   

Jede Neuschöpfung hat Ursprünge, Ausgangspunkte, Wesensmerkmale, die Schöpfungsprogramme anleiten. Auch unter immanenten Bedingungen entwickeln sich neue Formen mit unbekannten Qualitäten in der Zeit aus niederen Formen. Die Verbindung der Virtualität mit der Simulation resultiert aus dieser Nähe der Ausgangswelt zu Nachfolgewelten. Aber es geht nicht darum, den Grad der Annäherung dieser Welten zu ermitteln, allein weil der Mensch seine kreative Nachschöpfung in der Simulation auf Großartigste bestätigt zu sehen glaubt. Kant hatte schon in den “Antizipationen der Wahrnehmung” dekretiert, dass in allen Erscheinungen das Reale eine intensive Größe, d.i. einen Grad habe (KdrV, S. 208). Wahrnehmung ist nicht möglich, wenn der Erscheinung jede Realität mangelt. Aus der Erfahrung könne niemals auf einen leeren Raum oder eine leere Zeit geschlossen werden (KdrV, S. 212 f.). Allein gebe es für die Wahrnehmung eine Abfolge von Realitätsgraden, die bis zum Nichts abnehmen kann. Letzteres ist aber nicht mehr wahrnehmbar. Wenn auch der Erfahrung leerer Raum und leere Zeit verschlossen sind, beginnt die Konstruktion in nichtdimensionierten Entwürfen. Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert nach Kant, dass der Begriff derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung zusammenstimme (KdrV, S. 249). Begriffe ohne Erfahrung sind gegenstandslos, weil sein Objekt nur in der Erfahrung angetroffen werden kann.    

Radikal ist die Frage zu stellen, was Schöpfung ist, um so mögliche Welten aufzuschließen. Nicht technologische Hindernisse wären zu vergegenwärtigen, sondern die Bedingungen einer Konstruktion, die zunächst nichts anderes als einen transrealen Status reklamiert. Entscheidend wäre nicht die Kompossibilität dieser Welt mit der Ausgangswelt, sondern Konstruktionsmomenten zu verbinden, um Funktion herzustellen. Insofern sind die zeitgenössischen Simulationen, die mehr oder weniger erfolgreich ihrem eigenen Ursprung nachgehen, nichts anderes als eine Rückkehr zum Bestehenden. Virtualität zielt dagegen auf Nichtbestehendes. Das Nichtbestehende ist keine Variante einer Schöpfungsweise, sondern der Vorwurf einer anderen Welt.     

2. Konstruktion

Mit anderen Worten: Was ist konstruierbar? Konstruktionen sind Kompatibilitätsentscheidungen. Es lässt sich etwa kein Gebäude ohne ein Fundament erbauen, wenn die Konstruktion in einem Newton-Universum entstehen soll. In einer Zeitpfeilwelt sind keine Revisionen möglich, die in einer Zeitschlaufe zu dem Beginn der Konstruktion zurückkehren könnten, um das zu beheben, was in der Anfangslogik gesetzt wurde. Zwar gibt es Konstruktionsreihen, die beliebig neu gestartet werden können, aber sie sind gleichermaßen an die Grundkonstituentien einer raumzeitlichen Konstruierbarkeit gebunden.

Virtualität prätendiert dagegen, zeitreversible Entscheidungen zu treffen, weil Konstruktionsentscheidungen jeder Zeit an einen beliebigen Zeitpunkt zurückgeführt werden können. Virtualität ist somit die Ineinssetzung von Planung und Konstruktion in einem Regelsystem, das lediglich voraussetzt, in sich geschlossen zu sein.  

Goedart Palm Virtuelle Architektur

Zwischen Design und Konstruktion bestehen in einem virtuellen Sphäre keine starren Grenzen mehr, es beginnt eine Osmose zwischen der Konstruktion und ihrem Entwurf. Diese Wechselseitigkeit schließt zu einem Autodesign auf, das nicht nur einer programmatischen Autopoiesis folgt, die ihre systemische Gestalt in Differenz zu ihrer Umwelt aufrecht erhält. In der Konstruktion verändert sich vielmehr das Programm, das wiederum die Konstruktion anleitet. In diesem konstruktiven “feedback” ist das Programm selbst Änderungen unterworfen, es gibt keinen evolutionären Plan, der etwa einem persistierenden Willen unterstellt werden kann, sondern selbst evolutionär ist. In der Virtualität wird die Evolution selbst autologisch, d.h. sie entwickelt sich selbst als Evolution. Danach wären keine entwicklungstypischen Parameter mehr wahrscheinlich. Diese Art von virtueller Evolution lässt sich auch nicht mehr durch eine evolutionäre Semantik beschreiben, die einem Leitmotiv folgt. “The survival of the fittest” hat zwar Plausibilitätscharakter, aber in diesem Evolutionsmotiv wären die Komponenten zu unterscheiden, die erst zur Selbstbestimmung der Evolution führen, welche Eigenschaften fortgeführt, entwickelt oder aufgehoben werden. Die Schöpfung liegt ab jetzt auf dem Reißbrett und muss für sich selbst entscheiden, wie sie sich entwickeln will.  

Meliorisierungen  - schneller, größer, weiter – verbinden sich mit Konzepten, die auf andere Arten der Weltschöpfung und ihrer Erschließung dringen. Koevolution von Sphären und Protagonisten als Planungsspiele und Echtzeitszenarien. Was ist eine Welt? Der Begriff birgt das Paradox, das schon im Ursprungsmythos verankert ist. Welt als Ganzes ohne Grenze oder Welt in der Welt? Definitionsvorschlag wäre: Ein Ensemble relativer Geschlossenheit mit wiederkehrenden Regeln ohne teleologische Begrenzung. Teleologie ist immer der Versuch gewesen, Entwicklungen Zwecke überzustülpen, die entweder völlig allgemein waren oder im Laufe der Entwicklung revidiert werden mussten. Danach wäre keine teleologischen Konturen zu ziehen, sondern Komponenten zu setzen, die sich in der Zeit reproduzieren und emergente Erscheinungen zulassen. Dieses Prinzip der “Emergenz” ist das zentrale Phänomen von Weltschöpfung – nicht als Entelechie, sondern als Komplexitätsmehrwert, der neue Entwicklungsreihen stabilisiert.  

3. Virtuelle Protagonisten

Hans Moravec hat postbiologische Szenarien beschrieben, die in der Extrapolation von (Bewusst)Seinsformen enden, deren Existenzweisen, Motive, Interessen etc. für Menschen nicht nachvollziehbar sind. Diese Prospekte auf hypertechnologische Entwicklungen wollen keine Perspektiven für Menschen sein, sondern beschreiben Zustände, in und neben denen Menschen zwar möglich sind, aber keine Relevanz mehr für den Weltlauf besitzen. Menschen hätten in dieser Welt etwa die Relevanz von Amöben.   

Wenn Anthropoiden über die Entwicklung des Menschengeschlechts Aussagen zu treffen gehabt hätten, wären sie nicht ratlos gewesen. Sie hätten nicht einmal die Frage verstanden, weil bereits die Frage den Vorgriff auf eine andere Bewusstseinsform und mithin ihre Antwort impliziert. Die “Entstehung des Neuen” (Thomas S. Kuhn) kann nur erkannt werden, wenn das Neue sich im Rahmen tradierter Erkenntnis- und Anschauungsformen bewegt. Erhalten bleibt in dieser Erkenntnisform die Dialektik von Bedingungen des Erkennens und dem neu Erkannten. Danach ist dieses Neue immer rückgebunden an das Bestehende. Wenn nun aber das Neue nicht lediglich ein Paradigmenwechsel ist, sondern das epistemologische Terrain von Menschen verlässt, wird es nicht länger erkannt. Die Evolution dieses Neuen verschließt sich sowohl einer synthetischen Vernunft wie auch der Überbietung von Beobachtern hin zu Beobachtungen höherer Ordnungen. Das (Selbst)Bewusstsein widerstrebt dieser kontraintuitiven Anmutung, weil das Bewusstsein seine Erkenntnisallzuständigkeit gegenüber der Welt reklamiert. Mit anderen Worten: Ein Bewusstsein kann keinen höheren Welterschließungsmodus denken als das Bewusstsein selbst. Nun ist diese Intuition aber schon aus dem Grund paradox, weil das Bewusstsein in seiner Welterschließung immer wieder auf das sokratische Wissen des Nichtwissens zurückfällt: “Ich weiß, dass ich nichts weiß”. Zwar stellt sich auch hier die Frage, wie das gewusst werden kann, wenn nichts gewusst werden kann, aber dieses zirkuläre Unbehagen bestreitet zumindest intuitiv nachvollziehbar die Erkenntnis des Weltganzen. Da die Evolution, ob biologischer oder technologischer Art, aber nicht zu ihrem Ende gekommen ist, besitzt das Bewusstsein zumindest die Potenz, die Frage nach dem Fortgang zu stellen. Kontraintuitiv muß die Antwort lauten, daß nicht das Bewusstsein der letzte Welterschließungsmodus ist. Auch wenn Extrapolationen an dieser Stelle hochspekulativ bleiben, kann bereits das Bewusstsein formulieren, dass das Bewusstsein transzendiert wird. Diese Erkenntnis gehörte bisher in das Reservat der Theologie, weil die Theologie die terra incognita Gott zuteilte. Gott ist danach keine Bewusstseinserweiterung, sondern eine transbewusste Funktion ohne zurechenbare Eigenschaften. Ungefähr hier enden alle Diskurse menschlicher Welterschließung. Auch spinozistische Varianten, Gott in die Immanenz einer Substanz zu überführen, eröffnen keine epistemologischen Zugewinne. Aufzunehmen ist aber die Idee, dass das Bewusstsein in seinen Anschauungsformen nur ein vorübergehende Welterschließungsweise darstellt. Nicht das Erkennen wäre der letzte Zugriff auf die Welt.

In der Mystik und in verschiedenen Zweigen fernöstlichen Denkens, vornehmlich dem Buddhismus, wurde versucht, die basale Beziehung zwischen Subjekt und Objekt zu durchbrechen. Zumindest liegen hier Modelle vor, dass sich Existenz von Erkenntnis abkoppelt, weil sie ihr Objekt verliert. Nun leiden diese Modelle aber daran, dass dieses In-der-Welt-Sein Rückschritte zu einem bewusstseinslosen Bewusstsein sind. Im Zustand der Immanenz von Subjekt und Objekt wird das Bewusstsein ver-weltlicht, ohne noch ein Selbstbewusstsein zu besitzen. Auch wenn diese Zustände reklamieren, das Subjekt zu erleuchten, kann über das Substrat dieses Vorgangs nichts gesagt werden. Markiert werden kann demgegenüber nur, dass es solange keine Erkenntnis gab, solange kein Bewusstsein existierte. Dieser Weltzustand ist keine privilegierte Position, sondern gilt für alle nichtbewussten Entitäten.

Es bleibt dabei, dass das Bewusstsein erst nach seiner Emergenz Relevanz beanspruchen kann, dass aber keine außerbewussten Aussagen über das Bewusstsein getroffen werden können. Die Welt braucht aber kein Bewusstsein, keine Erkenntnis, nicht einmal biologische Existenzen, um Welt zu sein. Danach kann auch das Bewusstsein nicht der letzte Zugriff auf die Welt sein. Es stellt sich bereits die Frage, ob Erkenntnis je ein zureichendes Weltverhältnis begründen kann. Schöpfung, Konstruktion, Sein, aber auch postmentale Strukturen ungeklärter Funktion könnten vorrangige Weltverhältnisse begründen. Ein zentrales Prinzip ist die Autopoiesis, die vielleicht als Selbstschöpfung bezeichnet werden könnte. Autodesign wäre etwa denkbar als programmierte Selbstschöpfung in einem Rückkoppelungsprogramm, das in dem Vollzug der Programmierung auch fortwährend das Programm verändert. Es gilt danach nicht das Programm zu erkennen, sondern es zu vollziehen. Autoprogrammierung des Programms.

Entscheidend ist aber, dass diese Entwicklungshypothesen nicht von dem Gedanken der Entwicklung selbst ablassen. Mag sich der Mensch mit seinen Verlusten abfinden, so sind doch die Prospekte, ob die von Moravec und anderer oder die tradierter Gottesbilder, immer noch von einer Welt im Werden abhängig. Das Programm ist nicht abgeschlossen, auch posthumane Existenzen haben noch etwas zu tun. 

4. Raum, Zeit und andere Dynamiken

Kant, der durchaus ein Virtualist erteilte dem Virtuellen  an einer Stelle eine Absage: “Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, von Wechselwirkungen, aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet, machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer Verknüpfung zu entlehnen: so würde man in lauter Hirngespinste geraten, deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat, weil man bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese Begriffe von ihr entlehnt” (KdrV, S. 251). Wäre Virtualität ein Konstruktionsmodus ohne Erfahrung? Kant verwirft eine gegenwärtige Substanz im Raum, ohne ihn zu erfüllen (Mittelding zwischen Materie und denkenden Wesen), Präkognition, Telepathie (KdrV, S. 251). Kant war fraglos kein Science-Fiction- Leser und hatte – etwa im Gegensatz zu Marvin Minsky - für Extrapolationen, denen keine Erfahrung korrespondiert, keinen “Raum” in seiner Transzendentalerkenntnis. Auch das Projekt der reinen Vernunft, die transzendentale Begrifflichkeit,  bindet sich zuletzt an “unreine” Erfahrung zurück. Insofern ist auch die Synthesis a priori alles andere als ein Weltschöpfungsprinzip, sondern ein Erkenntnismodus der bestehenden Welt.  

Virtualität will mehr und anderes. Es wäre festzustellen, dass die Form virtueller Dinge von Erfahrung unabhängig ist. Aber lassen sich dann noch sinnvolle Aussagen machen, die über die von Kant perhorreszierten “Hirngespinste” hinausgehen? Sieht man großzügig über den Existenzgehalt von virtuellen Erscheinungen hinweg, beobachten wir im Anhub von cyberworld permanent Figuren und Szenarien, denen kein simulativer Erfahrungsgehalt der Ausgangswelt entspricht. Diese Erscheinungen können auch mit den von Kant verworfenen Eigenschaften ausgestattet werden, weil alles virtuell gesetzt werden kann, solange nicht ihre Existenz in der Ausgangswelt gefordert wird. Insofern wäre etwa Telepathie als gleichzeitiger Gedankeninhalt von virtuellen Figuren als Wahrnehmungsweise genau so konstruierbar wie alle anderen Weisen nichtkörperlicher Wahrnehmungsmodi. 

Schwieriger erweist sich dagegen die Frage, ob auch die Formen der Anschauung – Raum und Zeit – konstruierbar bzw. erweiterbar wären. Nach Kant ist das Schema der Wirklichkeit das Dasein in einer bestimmten Zeit. Da nun die Virtualität nicht der Wirklichkeit folgt, sondern allein die Wirklichkeit der Virtualität, kann auch die Zeit nicht von der Virtualisierung ausgenommen sein. Andere Zeitparameter stellen dabei die geringste Anforderung. Entwicklungsgeschwindigkeiten sind Rechnergeschwindigkeiten. Bewegungsabläufe können verkürzt und gedehnt werden. Realzeit als Zeit der Ausgangswelt wäre nur eine beliebige Größe gegenüber Zeiten. Auch die Zeitmodi stehen einer Manipulation offen. Etwa kann der Zeitpfeil reversibel gestaltet werden: Zukunft - Gegenwart – Vergangenheit. Entwicklungsreihen zu ihrem Ursprung zurücklaufen.    

Mehr aber noch stellt sich die Frage, ob nicht neben oder außerhalb der Zeit und des Raumes andere Dynamiken virtualisierbar sind. Raum und Zeit gelten als Anschauungsformen und formale Bedingungen der Existenz. Bei der Frage, wie diese Momente entstanden sind, bewegt sich jede Erkenntnis in einem Zirkel, weil sie selbst just diesen Bedingungen unterworfen ist und ein archimedischer Punkt, eine atopische oder atemporale Sphäre nicht vorstellbar sind. Virtualität ist aber nicht an Erfahrung, Wahrnehmung oder Vorstellung gebunden. Die Manipulation von Zeit als Reduktion lässt sich leicht an einem Bild begreifen, das Zeit und Raum einfriert, cum grano salis Ewigkeit prätendiert. Die “Mona Lisa” lächelt ewig – der Augenblick wird zur Ewigkeit.

Komplexer gestaltet sich der Entwurf einer extensiven Zeit und eines extensiven Raumes. Lassen sich virtuell Räume entwerfen, die n-dimensional sind und anderen Gesetzmäßigkeiten folgen als die Räume unserer Ausgangswelt. Räume, die übereinander liegen, ihre diskreten Grenzen verlieren, mit den Figuren verschmelzen? Diese Szenarien kennen wir aus Träumen, in denen die Subjekt-Objekt-Differenz, die aristotelischen Einheiten aufgehoben sind.

Goedart Palm     

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.