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Durchgeknallt!

Das Moordhuhn und die Gesellschaft der Vogelfreunde

Klein Hühnchen, was sagst Du dazu? Klein Hühnchen sagt gar nichts mehr dazu! Tote Hühner reden bekanntlich noch weniger als lebende und nur ein totes Moorhuhn ist ein gutes Moorhuhn. Eine Gesellschaft, die fette Krokodilstränen vergießt, weil der Regenwald gerodet wird, findet also ausreichend Zeit, Moorhühner in Schottland zu jagen.

So wenig wie ein Schloss im Pixel-Park schon einen schottischen Sommer macht, so wenig geht’s indes ums Jagen. Abballern, Abknallen, Wegputzen sind die Termini technici der Vogelfreunde, wenn während des grauen Büroalltags die Moorhühner im Minutentakt ausgerottet werden. Rechtsanwälte warnen bereits: Wer Moorhühner während der Arbeitszeit meuchelt, riskiert eine Abmahnung. Spielverderber. Moorhühner werden zum gnadenlosen Abschuss freigegeben, aber wie es sich für das Paradox virtueller Kreaturen gehört, leben sie inzwischen in rauen Mengen auf bundesrepublikanischen Festplatten und in den Thanato-Topen im Internet.

Wie war es dagegen ehedem, als spaßbereite Pioniere in der Eisenbahn der Union Pacific saßen, um mit ihrer Winchester die Büffelherden zu massakrieren, die dem roten Mann gehörten? Die Büffel standen nicht mehr auf und die Indsmen ersoffen ihren Kummer im Feuerwasser. Ganz anders das Moorhuhnspiel. Heute ist der Tag ist noch nicht vergangen und Johnny Walker, dieser feuchtfröhliche Berufsalkoholiker, kommt ein bisschen früher. Vorher noch einmal kräftig Zielwasser gegurgelt, um auch die miniatürlichen 25-Punkte-Kaliber am Horizont in den Orkus zu jagen. Waidmanns Heil. Jederzeit bereit zu sterben. Wie ihre laufschwachen Kollegen in den Legebatterien ist ihr höchster Daseinszweck der Tod. Ach wie lustig die Hülsen wegspringen, als würden sie sich mit uns über das tödlich gerupfte Vieh freuen. Schreit das Huhn? Egal, wenn´s hier doch Punkte hagelt. Was interessiert mich dann noch der Tierschutz, der bereits auf den Plan getreten ist.

Virtueller Mord ist erlaubt, weil es Spaß macht. Der kategorische Imperativ der Vogelfreunde folgt ehrlichster Moral: Handle stets so, dass möglichst viele Hühner verrecken. Was für ein Witz unserer frühen Kindertage, als Max und Moritz lächerliche vier Hühner strangulierten. Das reicht für keinen High-Score. Big Brother verstößt gegen die Menschenwürde, eine Tierwürde gibt’s dagegen nicht. Die Christdemokraten haben, St. Hubertus sei Dank, das Grundgesetz von einer solchen Klausel freigehalten. Hätte den Moorhühnern ohnehin nichts genützt, weil die keine Chance auf eine Pflegeversicherung in der Pharmaforschung haben. Also nachladen und daraufhalten. Das Federvieh muss büssen, weil es gar zu dämlich aus dem Monitor grinst. Das Federvieh muss büssen, weil ich meinen Chef nicht leiden kann. Das Federvieh muss büssen, weil ich ein Psychopath bin. Irgendeiner muss auf dieser vernichtungsfreudigen Welt immer büssen. Warum also nicht Moorhühner? Gerne würde ich vom alltäglichen mobbing zum natural born killing übergehen, aber ich bin Mensch, und im virtuellen Mordhuhnparadies kann ich es so richtig sein.

Schottland ist nicht Littleton und so ein kleines Massaker per Mausclick auf den killing fields wird mir doch keiner verübeln. Bevor ich Moorhuhn spiele, ziehe ich immer meinen Gutsherren-Tweed an, nehme das Monokel aus dem Auge und dann spritzt es. Na ja, es spritzt eher nicht, weil das Federvieh eben nur Federn lässt, aber nicht so richtig von der Grobkornmunition meines schottischen Dudel-Dumdum-Sacks auseinander gerissen wird, wie es sich gehört. Das wäre aber auch zu grausam, wenn die Vogelfreunde virtuelles Blut sehen müssten, weil das den letalen Sportsgeist des fröhlichen Hühnerkillers empfindlich beunruhigen könnte.

Heinrich Himmler war übrigens vor seiner Laufbahn als Menschenmörder Geflügelzüchter. "Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es spürt wie Du den Schmerz" wird wohl sein Leitspruch, will sagen: Leid-Spruch, gewesen sein. Klein Heinrich hat leider seine Sympathie für das Geflügel nicht auf Menschen übertragen können. Da ist laut Erich Fromm etwas in seiner frühen Sozialisation schief gelaufen. Hätte Heinrich das Moorhuhn-Spiel besessen, wäre der Menschheit vielleicht viel erspart worden. Mit anderen Worten: Das Spiel ist pure Psychohygiene, mach Dich also frei. Moment, ich zerfetze noch gerade die Windmühle, das hagelt 100 Punkte. Don Quichote hätte seine helle Freude daran gehabt, dass die Moorhühner hier schon punktorientiert vorgekreuzigt wurden. Ein weiterer geschmackvoller Einfall dieser Softwareurheber, die jetzt das Moorhuhn zum Kultobjekt machen wollen. Ist es im Prinzip zwar schon, aber das muss noch kultiger werden. Da hätten wir Vorschläge: Moorhühner im Kosovo, in Kurdistan, in Ruanda, in Angola, in Afghanistan. Moorhühner mit dem richtigen ethnischen Feindprofil. Jeder Nation ihr eigenes Hühnermoor.

Wenn ich aber einen höchstpersönlichen Wunsch für das notwendige update aussprechen darf: Moorhühner mit den Visagen der Programmentwickler. Waidmanns Unheil. Vordem habe ich nur aliens vernichtet, die waren schuldig, weil sie aliens waren. Bekanntlich ist auf dieser Welt irgendeiner immer ein alien - für diesen oder jenen Moorhuhnfreund. Wir sind alle Moorhühner, nur für einige hat das Spiel noch nicht begonnen. Vielleicht heißt es ja dann: Das Moor hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann kommen. Wäre das kultig genug?

  

 

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