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Niklas Luhmann

Politische Soziologie

© Goedart Palm 

 

Der Wille zum System 

Niklas Luhmann revisited 

Posthum ist der Gesellschaftstheoriemagier Niklas Luhmann nicht weniger rege als zu Lebzeiten. Gerade zaubert der Suhrkamp-Verlag wieder ein "opus magnum" aus den sechziger Jahren aus der Schublade: „Politische Soziologie“. Würde man Luhmanns kognitiv explosiven Zettelkasten, sein alter ego, zum autonomen Reden bringen, könnte man vielleicht noch einige Dekaden Soziologie damit bestreiten. Wer also gedacht hat, der Soziologe hätte sein Repertoire so hinlänglich wie endgültig entfaltet, ohne je Furcht vor mitunter quälenden Redundanzen gezeigt zu haben, wird eines Besseren belehrt. Niklas Luhmann hat seine Theorie beständig, geradezu manisch formuliert. Der assoziativ vernetzte Zettelkasten ist keineswegs eine ausreichende Erklärung für die Exzessivität der Luhmannschen Produktion. „Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise.“ „Anschlussfähig“, das Wort geistert als Imperativ durch die Wissenschaft und Feuilletons, also wollte es fortwährend seine autologische Potenz unter Beweis stellen. Luhmanns Texte lösen „Mem-Verdacht“ aus, produzieren Ohr- bzw. besser gesagt Begriffswürmer und Sprachungetüme wie „doppelte Kontingenz“, während wir zuvor nur vom ganz normalen Chaos der Kommunikation gesprochen hätten. Oft erscheinen die Texte in ihrer Entfaltung von Paradoxien zwanghaft, so als würde der Meister, der er unzweifelhaft war, doch immer wieder über seine eigenen Ansätze überrascht sein und jedes Mal neu beginnen: System/Umwelt, Funktionalisierung, Ausdifferenzierung, Evolution, da capo. Für Niklas Luhmann ist Soziologie Aufklärung, wenn sie die Gesellschaft anders beobachtet, als diese sich selbst beobachtet. Andererseits geht es ihm um die Abklärung der Aufklärung, also darum, ihre Grenzen zu erkennen, was dem ihr zum Namen und Ruhm verhelfenden Zeitalter eher noch unbekannt war. Der Glaube an die totale Aufklärung war historisch zunächst grenzenlos. Doch beobachtet sich die Gesellschaft inzwischen nicht so, wie es ihr die Soziologie Luhmanns erläutert? Eine Theorie, die sich in jedes gesellschaftliche System bis hin zur Pädagogik, zu den Massenmedien und selbst der Kunst tief hineingewagt hat, hat die Selbstbetrachtung der Gesellschaft erheblich verändert. Sehen wir nicht heute die Gesellschaft mit Luhmanns Wahrnehmungsapparaturen und mit seinen Begriffen, die zwar längst nicht den sprachlichen Alltagsgebrauch imprägnieren, doch von keinem kleinen Teil des Wissenschaftsbetriebs als coole Dauermode gepflegt werden. Es wäre also inzwischen (meta)soziologisch verdienstvoll bis geboten, die Feedback-Effekte dieser Soziologie auf die „Gesellschaft der Gesellschaft“ und ihre avancierten Beobachtungsweisen zu untersuchen. 


Was geschah mit Gordon Brown?

Dass diese Selbstaufklärung der Gesellschaft nicht in jedem Medium ankommt, enthüllt uns das bizarre Politikspektakel anlässlich der britischen Parlamentswahlen 2010. Es lohnt sich hier für einen Moment lang in die Niederungen demokratischer Politik zu steigen, um den Luhmannschen Theorieansatz besser zu verstehen. Premierminister Gordon Brown trug nach dem üblichen Bad in der Menge noch ein sendefreudiges Mikrophon am Revers, als er wütend von seiner Wahlkampfveranstaltung im Auto davon rauschte. Er ärgerte sich lauthals über seine letzte Begegnung mit der Wählerin Gillian Duffy. Die sei eine bigotte (bigoted) Person, verkündete er seinem „inner circle“, während die Broadcasting-Ohren weiter lauschten. Zuletzt hatte sie, die angebliche Labour-Wählerin seit Urzeiten, noch kritische Fragen zur ungezügelten Einwanderung osteuropäischer Immigranten und Staatsverschuldung gestellt: “All these Eastern Europeans that are coming here. Where are they flocking from?” Dabei war klar, dass Brown bei solchen Fragen nicht glänzen kann, weil er sich in jedem Fall in irgendein Fettnäpfchen setzen würde. Der als erregbar geltende Gordon Brown fand diesen Auftritt „lächerlich“ und herrschte seine Mitarbeiter an, dass sie es gewagt hatten, ihm diese bornierte Person vorzusetzen. Hatte Brown Recht? Luhmann sieht es so: „Die Politik muss, mit anderen Worten, in der Lage sein, einen eigenen unmittelbaren Kontakt zum Publikum herzustellen, dieses zur politischen Kommunikation heranzuziehen und Rollenmuster dafür bereitzustellen.“ Wer aus der „Rolle“ fällt mit Fragen, die nicht in Minuten zufriedenstellend beantwortet können, ist zwar nicht für die Politik, wohl aber für getriebene Wahlkämpfer inakzeptabel. Wenn Politiker Antworten auf Probleme des Wählers geben, geht es ausschließlich um den Sympathiewert der Antwort, nicht um Wahrheit, Überzeugung oder Widerspruchsfreiheit. Brown bemühte sich später beim reuigen Kuchenessen mit Imageschädling „Gillian“ (!) um Schadensbegrenzung. Er habe sie missverstanden – wo doch jeder wusste, dass nichts misszuverstehen war. Nach dem „insult-the-voter masterpiece“ (Paul Waugh) habe sie seine Entschuldigung angenommen, indes reichte es nicht aus, Mrs. Duffy noch einmal zu bewegen, mit ihm gemeinsam vor die Kameras zu treten.

Gordon Browns harsche Bemerkungen über Gillian Duffy werden in der lüsternen Presse reflexartig als ein seltener Moment der Entlarvung mitten in der üblichen politischen Heuchelei hochgejazzt. „Wenn man eine Zeitung liest, weiß man, dass man eine Zeitung liest, und man weiß auch, dass für die Zeitung geschrieben und redigiert wird, so hält sich der mediale Konstruktivismus an die Realität seiner eigenen Konstruktionen.“ Luhmanns Medienkonstruktivismus muss sich allerdings selbst befragen lassen, warum denn dieses Wissen um die durch und durch konstruierte Realität des rechtschaffenen, ehrlichen, um Sach- und nicht Personalfragen bemühten Politikers kollabiert. Im Fall der Brownschen Absetzbewegung bricht eine riesige Diskussion los, als habe je einer daran gezweifelt, dass der interne politische Diskurs wie in allen professionell betriebenen Tätigkeiten zynisch sein kann und der externe eben just diese Bigotterie ad nauseam inszeniert, über die sich Gordon Brown bei der Wählerin erregt. Entlarvt wird also niemand, alle repetieren ihre bigotten Rollenmuster, was unter anderem Luhmanns wissenschaftliches Desinteresse an „Menschen“ plausibel macht: "Ich lehne alle Einladungen ab, die mich veranlassen wollen, über den Menschen zu sprechen. Also der Mensch interessiert mich nicht, wenn ich das so sagen darf." 

Vielleicht dachte Brown, dass wenn er schon selbst so bigott auftreten müsse wie jeder Politiker, der eine Wahl gewinnen will, es als Zumutung empfinden zu dürfen, wenn der Wähler genauso agiert. Niklas Luhmann beobachtet, dass der Wahlerfolg, der gemeinhin als Mittel zum Zweck guter und das heißt selbstverständlich besserer Politik als die des Konkurrenten gilt, zum Selbstzweck wird. Es findet eine Vertauschung von Zweck und Mittel statt, die auch bei wirtschaftlichen Gewinnmaximierungen zu beobachten ist. Niklas Luhmann nobilitiert das als „sinnvolle Perversionen der öffentlichen Moral“, um hohe Systemkomplexität zu garantieren. Je mehr sich die Umwelt der Politik destabilisiert, je mehr nichtlineare Dynamiken einer heterogenen Bevölkerung zugrunde gelegt werden, desto elastischer, d.h. prinzipienloser reagiere Politik darauf. Die Rationalität der Politik besteht darin, Entscheidungen flexibel zu gestalten, vulgo: Politiker schwätzen heute so und morgen anders, was bei Konrad Adenauer zum karnevalesken Bonmot wurde, und die Administration handelt später trotz politischer Entscheidungsprämissen noch ganz anders. In der „Politik der Gesellschaft“ hatte Luhmann die Nichteinlösung von Wahlversprechen als strukturell notwendigen Umstand beschrieben. Warum fragt man sich, hört der Wähler dann überhaupt noch hin? „Die Darstellung muss kalkuliert werden, aber die Kalkulation darf nicht dargestellt werden.“ Wie soll kalkuliert werden, wenn alles kalkuliert ist? Gordon Brown ist durch sämtliche Löcher dieses Rosts in den Abgrund der unkalkulierten Wahrheit gefallen. Er sprach so, wie man immer spricht, weil es nur um eines geht, den Wahlkampf zu gewinnen. Alles andere wäre in der Logik dieses höchst temporären Politikmodus verlogen. Man maskiert und inszeniert sich, plustert sich bis zu Unkenntlichkeit auf, beschwört eherne Werte, die nicht länger als für diesen Wahlkampf halten müssen. Seine alerten Herausforderer, die morgen schon genauso alt aussehen werden, machen es genauso, ohne sich um den Widerspruch zu kümmern. Brown wird für die Argumentationsakrobatik diskreditiert, die ihnen selbst zur zweiten Natur wird, wenn sie erfolgreich auftreten wollen. Das „Duffy-Thema“ osteuropäischer Einwanderer war für Brown eine brisante Herausforderung. Einerseits darf man konservative Labour-Wähler nicht in Wallung bringen, andererseits sind Einwanderer spätestens morgen Wähler, während der Vorwurf der Intoleranz schon heute dem politischen Gegner in die Hände spielt. Am vorteilhaftesten gestaltet sich eine Wahlkampfaussage zu diesem Thema also, wenn man gleichzeitig für und gegen Einwanderung ist oder besser eben: gar nicht erst befragt wird. Luhmann persiflierend könnte man sagen, dass der Wahlkämpfer von „Ja“ oder „Nein“ auf ein flexibles „Jein“ umstellt. 

Wer Gordon Browns brüske Erregung kritisiert, als würde er an die pharisäische Moral glauben, ist selbst bigott. Man muss allerdings kein Mitleid haben, wenn man mit Niklas Luhmann die Konditionen erfolgreicher Politik begreift, denen der Premier wie jeder Parteimensch unterworfen ist. Fällt Brown wegen dieser Geschichte, dann geschieht das nicht, weil er sich entlarvt hätte, wo nichts zu entlarven ist, es geschieht auch nicht, weil die kritische Öffentlichkeit obsiegt hat, wie es eilfertige Soziologen und unhintergehbare Wertewahrer uns glauben machen möchten. Es geschieht vor allem, wenn wir die Systemtheorie ernst nehmen, weil Machtmobilität ohne Ansehung von Mann und Maus für avancierte politische Systeme wichtig ist. So fällt einer, weil er Opfer und Mitspieler eines bigott inszenierten Spiels ist und es letztlich für Demokratien unerheblich ist, warum einer geht, wenn er nur geht. Die Begründung einer politischen Demontage ist dann nur ein Verfahrensumstand unter anderen, wenn die Rekrutierung neuer Protagonisten dem politischen System keine Schwierigkeiten bereitet. Von ideologiekritischen und pseudoemanzipatorischen Ansätzen unterscheidet sich Niklas Luhmann also darin, dass die „Bigotterie“ nur solange als manifeste Vokabel politischer Kritik aufrecht erhalten werden kann, solange alteuropäische Substanzformeln gelten. 


Rationalität in der Politik 

Als rational gelten Systeme, wenn sie mit Komplexität umgehen können, ohne den Menschen zu überfordern. Was heißt Rationalität in der Politik, wenn jeder weiß, dass Politiker entscheidungsoffen bleiben? Das führt dann in die Paradoxie, einerseits Grundsätze zu beschwören, andererseits aber ständig Ausnahmen zu konstruieren, die sich über kurz oder lang als neue Grundsätze anbieten. Besonders deutlich wird das bei Koalitionsaussagen, wenn zuvor inkompatible Bündnisse mit angeblichen Extremisten auf der rechten oder linken Seite möglich werden, weil die Extremisten plötzlich keine mehr sind. Von welcher Art von Rationalität reden wir eigentlich? 

Der Systemriese Georg Wilhelm Friedrich Hegel markierte seine für Frühaufklärer befremdliche Rationalität, die der systemtheoretischer Konstruktivisten nahverwandt ist, mit dem vielfach als herrschaftszynisch missverstandenen Spruch: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Wenn Rationalität Verhältnisse bestimmt, bestimmt sie alle Verhältnisse der Wirklichkeit. Luhmanns Nähe hierzu wird deutlich: „Rational sind Leistungen, wenn und soweit sie Systemprobleme lösen und dadurch zur Erhaltung des Systems beitragen.“ Zu einfach wäre es allerdings zu sagen, die Politik setzte die Zwecke und die Verwaltung entscheide über die Mittel. Stattdessen begründet sich die Rationalität der Politik in Machtmobilität – Regierungswechsel, Abwahl von missliebigen Politikern, Misstrauensvoten, Fettnäpfchen für Wahlkämpfer a la Brown etc. - und Komplexitätsreduktion. Was auf der einen Seite als politisches „Kontingenzmanagement“ unabdingbar erscheint, um vernünftige, zukunftsoffene Entscheidungen zu fällen, wird auf der Seite des Wählers nicht nur zur Zeit des Wahlkampfs als Beliebigkeitspolitik verdächtigt, deren Selbstzweck darin liegt, wahlerfolgsorientierte Distinktionen gegenüber Machtkonkurrenten sicher zu stellen. Erstaunlich bleibt, dass der offene Widerspruch zwischen sachlich notwendiger Politik und Wahlkampfopportunismus als temporäres Versagen verbucht wird, ohne das inszenierte Machtspiel gänzlich abzulehnen. Warum wählen Wähler? „Eine Aufwendung von Zeit, Mühen und Informationskosten für die Ermittlung richtiger Wahlentscheidungen lohnt sich daher für den einzelnen nicht. Wer seinen Kräfteeinsatz rational kalkuliert, wird lieber uninformiert bleiben und in der politischen Wahl nichtrational entscheiden (und umgekehrt wird also eine „möglichst rationale“ Wahlentscheidung dem einzelnen von der Gesellschaft als unrationales Handeln nahegelegt).“ Das ist einer dieser „Hammersätze“ aus der vorliegenden politischen Soziologie, der mitverantwortlich für die Kritik von Richard Münch sein mag: Auch die politische Entscheidungsfindung sei von rationalen Diskursen geprägt, „ohne dass dabei Bezug auf das Gewinnen von Stimmen genommen wird.“ Das hat Niklas Luhmann indes nie bestritten, sondern im Gegenteil sogar explizit als Moment politischer Planung so entfaltet, dass sich in Parlamenten und Verwaltung an „gegenstrukturellen“ Orten Gruppen finden, die sowohl für politische Rationalität und Verwaltungsrationalität aufgeschlossen seien und zwischen beiden Formen vermitteln können. Witzigerweise hat Niklas Luhmann, der die Gesellschaft fast libidinös wie ein gut geöltes Schubladensystem beschrieb, hier den „organisatorischen Standort“ solcher Personen für relativ gleichgültig erachtet. 

Luhmanns Demokratiekritik war selbst im Blick auf die wilden 60er eine Botschaft, deren diskursive Sprengkraft keineswegs hinter der sogenannten kritischen Theorie zurückstand. Der Bürger habe nur minimalen und unspezifischen Einfluss auf staatliche Entscheidungen, die nicht von ihm kontrolliert würden und über die er noch nicht einmal informiert worden sei. Niklas Luhmann schwadronierte nicht von Revolution und hielt sich auch nicht mit Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus auf, die schon einige Zeit später ihren Beobachtern nicht mehr so dräuend erschienen – was bis heute die offene Frage provoziert, ob es einen Daueraufenthalt im Spätkapitalismus gibt oder wir bereits in seiner Nachgeschichte leben. Luhmann sezierte lieber die Verhältnisse mit seinem höchsteigenen Besteck, ohne dass die gesellschaftlichen Szenarien dadurch schöner geworden wären als die seiner ideologiegeladenen Chefkritiker. Insofern trifft der linke Standardvorwurf gegen Niklas Luhmann, ein Bewahrer des status quo aus dem schnöden Geist der Verwaltungsbürokratie zu sein, diese Theorie weniger als die seiner Widersacher, die vormals modisch aufrecht links und heute rechtsstaatlich staatstragend geworden sind. Denn Luhmann erklärt, warum Perversionen, spezifische Rationalitäten, systemischer Eigensinn so sind, wie sie sind, was dann nicht von ihm, sondern von anderen zu politischen Programmsätzen weiterverarbeitet werden mag. Hier nämlich endet die Zuständigkeit des Systemtheoretikers, was keineswegs mit der „Apologie des Bestehenden“ (so Jürgen Habermas) zu verwechseln ist, weil die Arbeit des Soziologen in Beobachtungen besteht, was allerdings ihrer appellativen Kraft förderlicher ist als die ewig alten Zukunftsprospekte im Belehrungsmodus. 

Liest man Niklas Luhmann, erscheinen Parteien so rational wie unseriös, weil sie keine politische Forderung abweisen können. Es gibt in diesen Systemen eine Art „Grundrecht des Wünschens und Forderns“, demnach alles gefordert werden kann, ohne dass Parteien das abwehren könnten. In einem Vortrag in der Akademie der Künste in den achtziger Jahren sprach Luhmann von den Qualitäten, die einem potenten Mineralwasser eigentümlich sind: Es schützt vor vielen benennbaren Krankheiten, aber im Übrigen auch gegen alle anderen Formen von denkbaren Gebrechen. „Bernhard `Felix` von Grünberg engagiert sich FÜR ALLE“ war auf einem Flyer anlässlich der NRW-Landtagswahl 2010 zu lesen, der in Erfüllung dieses wählerischen Wunschprogramms so weit geht, wie man es sich erhofft. Denn während doch Parteien und ihre Politik nur im Kontext divergenter Interessen ihre Rationalitätsform reklamieren können, unterstellt die Aussage des „Glücklichen“, dass diese geläufigste Kondition demokratischer Politik überhaupt keine Bedeutung mehr hat. Wenn die „Interessen von Lina Braake“ nicht die Interessen der Bank sein können, kann ein Politiker trotz dem Kampf für den Wahlerfolg (Zweck) nicht widerspruchsfrei behaupten, alle zu vertreten. Warum kann er es doch, obwohl jeder weiß, dass er es nicht kann? Ohne Dr. Luhmanns Systembeschreibungsrezeptur mit der Entparadoxierungsformel „Komplexitätsreduktion plus“ sowie der viele logische Wunden heilenden Zeitform gesellschaftlicher Prozesse wird man sich der politisch kurzsch(l)üssigen Flyer-Unkultur und ihrer plakativen Überbietungen im Wahlkampf nicht erwehren können. 


Wie viel System hätten Sie denn gerne? 

Niklas Luhmann wurde nie müde, den archimedischen Fixpunkt seiner Theorie, die Differenz von System und Umwelt in immer differenzierterer Weise zu buchstabieren. Konstruktivistische Wahrnehmung beschreibt ein System/Umweltverhältnis, das alle Systeme als Unterscheidungen fasst, die aus dem System selbst generiert werden. Mit anderen Worten: Das System zahlt nur in seiner eigenen Währung. Innerhalb des Systems gelten eigene Codierungswerte und dem verbundene Kommunikationen, in denen sich das System selbst reproduziert. "Autopoiesis" markiert den von Humberto Maturana und Francisco J. Varela ausgegebenen, wirkungsmächtigen, aber ihnen zufolge nicht für soziale Systeme adaptierbaren Schlüsselbegriff der Systembildung Luhmannscher Façon. Systeme reproduzieren sich ständig in Abgrenzung gegen die Umwelt anderer Systeme, für die sie deren Umwelt bilden. 

Die Frage lautet für Luhmann nicht, ob diese radikale Konstruktion als Wahrheit objektivierbar ist, weil das bereits eine unsinnige Überlegung wäre, sondern ob sie bessere Modelle an die Hand gibt, als es ältere Gesellschaftsbeschreibungen mit ihren schwerfälligen begrifflichen Fortifikationen vermochten. Man mache die Probe und erkennt den evolutionären Fortschritt der Systemlogik, wenn man „alteuropäische“ Texte liest, die selbst dem Frömmsten inzwischen pathetisch inakzeptabel, jedenfalls aber in gesellschaftlicher Praxis ständig als Erfüllungsmangel aufstoßen, während sich Gesellschaften reproduzieren und – allen spätbürgerlichen Untergangsfantasien zum Trotz - weiterentwickeln. Für eine Soziologie nach Luhmann bleibt allerdings eine Erkenntnisfrage provozierend, ob nicht die von vielen Interpreten vorausgesetzte strenge Unterscheidung zwischen System und Umwelt schon bei Luhmann selbst von fragiler Natur ist. Gerade die nun vorliegende politische Soziologie insistiert darauf, dass die Verwaltung nie aus ihrer Umwelt herausgerissen wird, sondern nur die Art des Zusammenhangs mit der Umwelt variiert. Explizit und für systemtreue Leser fast verstörend spricht Luhmann von der „Verflochtenheit von System und Umwelt“, die bei allen Programmen immer schon vorausgesetzt werde. D.h. im Klartext, dass Verwaltungen und das dürfte bei anderen Systemen nicht anders sein, nicht die Wahl haben, „ob sie im Kontakt mit ihrer Umwelt Einfluss annehmen und ausüben wollen.“ Gordon Brown bzw. das politische System haben im Wahlkampf eben nicht die Möglichkeit, so zu tun, als wäre die Umwelt eine Wirklichkeit, die an den Grenzen der je eigenen Systembearbeitung zerschellt bzw. ignoriert werden kann. 

Das Lob der „Systemrationalität“ rechtfertigt sich somit immer nur aus einer höheren Systemleistung, mithin besseren Beobachtungen und einer vergrößerten Handlungsfähigkeit – ohne den Begriff des Systems so sakrosankt zu begreifen, wie es die geläufigen „Luhmann für Erstsemester“-Leitfäden formulieren. Die Befreiung gesellschaftlicher „Autopoiesis“ von vormals notwendigen, inzwischen zum Ballast gewordenen Konstruktionen bleibt ein reiches Betätigungsfeld für zukünftige Ideenentrümpelungsunternehmen. Zwar haben große Ideen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz oder Brüderlichkeit mächtige Wirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen genommen, aber ihr Gehalt resultiert nicht aus ihrer unanfechtbaren Idealität, sondern aus der mit ihnen verbundenen Praxis, die besser mit antinomischen Systembegrifflichkeiten beschrieben werden kann. Beispiel: Wie viel Ungerechtigkeit verbindet sich mit dem proklamativen Gebrauch der „Gerechtigkeit“? 

Aus dem Willen zur Erschließung der Wirklichkeit wurde bei Niklas Luhmann der Wille zum System. „Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit“, konstatierte dagegen Friedrich Nietzsche. Luhmanns Systemwille ist indessen nicht von der totalen Abbildung und idealen Erschließung der Welt geprägt, sondern vielmehr von beobachtungsabhängigen Beobachtungen, die nie ohne ihren blinden Fleck zu begreifen sind. Während sich bei Hegel jede unterstellte Gleichung der Wirklichkeit im absoluten Geist (des Philosophen) erfüllt und jede Entwicklungslogik sich ästhetisch erhaben im dialektischen Dreischritt entfaltet, hat Niklas Luhmann nie behauptet, die Gesellschaft und ihre systemischen Gesetze voll durchdrungen zu haben. Soweit auch die Spirale der Beobachtungen hin zu Beobachtungen von Beobachtungen und so fort reicht, so sicher gibt es keine göttliche Beobachtung, die sich stellvertretend im Theoretiker, selbst nicht in Niklas Luhmann, fokussiert. Betrachten wir unsere Gesellschaft, erkennen wir aber sofort, welche gewaltigen Verarbeitungsleistungen möglich geworden sind. Trotz wachsender Differenzen, konträrer Weltbilder bis hin zum autistischen Nichtverstehen oder multikulturell brisanter Phänomene bleiben unsere Systeme relativ stabil und können die Fluten ihrer Umwelt dämmen, weil sie nur das im System zulassen, was ihrer Selbstreproduktion dient. Diese Elastizität eines Systems stößt aber dann auf Grenzen, wenn die Sollbruchstellen zwischen externen Zwecksetzungen und internen Systemleistungen zu groß werden. „Aber kein großes System kann völlig auf Selbstbefriedigung aufbauen“, mahnte Niklas Luhmann in einem Interview über die Kunst an. Ob nicht Systemlogiken daher von umfassenderen Prinzipien wieder abgelöst werden müssen, wenn sie auf der Ebene einer höheren Komplexitätsverarbeitung permanent Friktionen produzieren, beantwortet diese Theorie nur bedingt. Der Kollaps des real existierenden Sozialismus etwa demonstrierte drastisch, dass Systemversagen immer auch ein Verlust von Deckungsmassen ihrer Umwelt ist, mit anderen Worten: Politische Systeme sind mindestens mittelbar auch von systemfremden Wertbildungen, aufbereiteten Meinungen und ökonomischer Wirklichkeit abhängig. 

Die Radikalität des Systemblicks trug Niklas Luhmann den Ruf ein, ein Herrschaftszyniker zu sein. Wo bleibt in dieser Theorie das „Humanum", das als eine Art residuale Größe behandelt wird? Die Systemtheorie muss diese Frage freilich als systemwidrig ablehnen. Auch die altehrwürdige Ethik entkommt der Systemmatrix nicht. Niklas Luhmann steht hier in einer verwinkelten Tradition der Entwertung der Werte – auch wenn er nicht wie Friedrich Nietzsche mit dem Hammer philosophiert, sondern durch begriffliche Umstellungen und Ausblendungen die unbotmäßige Welt administriert. Dabei wird aber häufig übersehen, dass Niklas Luhmann sein Ethos aus Unterscheidungen und ihren Folgen bezog, die auch ethisch erheblich weiterführen als der herrschaftsfreie Diskurs, der in allen real existierenden Gesellschaften kein Gehör fand. Die Systemtheorie leistet mehr als klassische oder prozedurale Ethiken, weil sie zwar auch dem Menschen nicht verraten kann, wie er handeln soll, ihm aber klarer macht, wie Systeme installiert werden, die dem Handelnden größere individuelle Freiheit einräumen, ohne ihn zugleich zu überfordern. Vielleicht wird hier deutlich, wie wenig der antihumane Zug der vorgeblichen „Sozialtechnologie“ den Ansatz Niklas Luhmanns je traf. Bessere Erkenntnis bleibt die einzige Ethik, auf die sich Menschen im Ernstfall – und welcher Fall sonst wäre relevant?- verlassen können, so fragil sie auch sein mag. Denn Moralisieren, so Niklas Luhmann, sei zwar weit verbreitet, doch gesellschaftliche Integration wäre hier ebenso wenig zu erwarten wie von der Religion oder anderen Totalisierungen der Welterschließung. 


Nachgesang 

„Luhmann lesen ist wie Techno hören“, schrieb Thomas Lindemann in der Welt. Für andere ist Niklas Luhmann „Pop“. Vielleicht ist diese Lektüre aber auch wie Schlager hören: „Man liebt das Lieben und deshalb einen Menschen, den man lieben kann“, formulierte Niklas Luhmann für die Reflexivität der Liebe im 18. Jahrhundert. Chris Roberts hat diese Selbstbezüglichkeit der Liebe schon vor Luhmann beschworen: „Ich bin verliebt in die Liebe und vielleicht auch in Dich.“ So werden Verhältnisse nicht nur nach dem Willen der Systemtheorie reflexiv, sondern beschreiben den sozialen Fortschritt von Gesellschaften authentischer als Gesellschaftsprospekte mit allpräsenten Gutmenschentheorien - was uns an die aktuelle Plausibilität dieser politischen Soziologie glauben lässt. 

Goedart Palm 


Niklas Luhmann
Politische Soziologie
Frankfurt/M 2010 
Suhrkamp Verlag


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Alter Eingang Metropol - nach Roland Barthes müssten die beiden Langnese Eis Aschenbecher und Mülleimer das punctum des Bildes sein. Vor der Vorstellung noch schnell den Müll entsorgen. Ästhetisch sind die beiden Eimer ein Verbrechen. Wäre das nicht Grund genug für den wahren Denkmalschutz gewesen, einzugreifen und die Monstren zu entfernen?

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 14. Mai 2014.