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Denis Diderot memorial

 

Die Geburt der Aufklärung aus dem Geist des Salons

 

Gefährliche Erbschaften

 

Denken ist trivialerweise von produktiven gesellschaftlichen Bedingungen abhängig. Ohne Universitäten, Akademien, Klosterschulen, Salons, Cafes, Elfenbeintürme und Einsiedeleien der unterschiedlichsten Art wären viele Hirnprodukte nicht möglich gewesen. Wie viel verdankte die Aufklärung des Menschengeschlechts dem „Salon“, einer Sphäre jenseits öffentlicher Kontrolle, jenseits von drakonischen Strafen für Kritiker und gnadenloser Zensur für die Häretiker der Neuzeit? Die Geburt der Aufklärung aus dem Geist des Salons folgte vordergründig der Synthese von Lust, List und Vernunft: „Lecker essen“ und noch erheblich delikater denken, um die alte Gesellschaft in eine lichtvollere, geistig unabhängigere, zwanglosere Zukunft zu überführen. Die intellektuelle Privatheit bereitete Sprengungen vor, Umwandlungen der Öffentlichkeit, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Gerade die Zensur war insoweit produktiv, als sie den Zusammenschluss der Denker als Keimzellen einer besseren Welt förderte. Not macht nicht nur erfinderisch, sondern motiviert gerade den Kampf gegen die Repression. Diese Kämpfe, Siege und Niederlagen, Zentren und Peripherien schildert der Historiker Philipp Blom farbig und detailliert, sodass die Lebendigkeit seiner Rekonstruktion zu einer veritablen Zeitmaschine wird. Die Aufklärer um Denis Diderot (1713 -1784), Jean-Baptiste le Rond D’Alembert 1717 – 1783), Paul Thiry d'Holbach (1723 – 1789), Claude Adrien Helvétius (1715 – 1771), Julien Offray de La Mettrie (1709 – 1751), Friedrich Melchior Baron von Grimm (1723 -1807) und anderen werden in ihren produktiven Philotopen so präsentiert, dass uns jetzt fast nur noch das Ego Thinker-PC-Spiel zum Buch fehlt. 

 

Auch Vorläufer wie Jean Meslier (1664 - 1729) und viele andere Nebenfiguren der Meisterdenker, Ehefrauen und Freundinnen betreten die Bühne, wie die kongeniale Freundin Diderots, Sophie Volland (1716 - 1784), von der keine Zeile überliefert ist. Dabei war der Einfluss der Frauen auf das Werk der Aufklärung erheblich, auch wenn Diderots für heutige Ohren eigenartiges Kompliment darin bestand, seiner Sophie zu attestieren, „kaum“ eine Frau zu sein – sprich: männerspezifischen Verstand zu haben. Nicht zu überschätzen ist die Bedeutung der Salonières Madame d'Holbach, Madame Helvetius oder Madame Geoffrin, die „eine Art von Hauptquartier der Enzyklopädisten“ (Erich Köhler) unterhält. Diese kosmopolitischen Salon-Netzwerke verdichten sich gleichermaßen zum Panoptikum eines philosophischen Großprojekts wie in der Retrospektive zu Sehnsucht begründenden Orten einer klandestinen Heimat des Geistes. Dieser soziale Mikrokosmos der Aufklärer spiegelt die Dynamik ihres Denkens besonders gut wider, weil hier zum ehesten in glückhaften Momenten die Bedingungen einer kommunikativen Vernunft eingelöst wurden, so wenig das an dem Umstand ändert, dass Salons zugleich die größten Klatsch- und Tratschorte waren, wo zwischen Liebeshändeln und Alltagskram alles Menschliche verhandelt wurde.

 

Die „philosophes“ waren umtriebige Leute, die ersten wirklich Modernen, die aus der alten Ordnung herausgerissen zu produktiven Meistern des Multitasking wurden, zu Arbeits- und Lustmaschinen zwischen Vernunft und Gefühl, Lektüren und Skripturen, Familien und Mätressen, Salons und Zensoren. Nun begehen wir hier historisches Terrain, das bereits zuvor recht gut ausgeleuchtet wurde, weil die geschichtlich präzedenzlose Verschränkung von Denken, Philosophie, Naturwissenschaft und Politik den gewaltigsten gesellschaftlichen „Knall“ produzierte und die Philosophie erstmals berechtigte, an ihre seit je geforderte unmittelbare Wirkungsmacht zu glauben.

 

 

Diderots Schatten

 

„Es ist möglich, dass uns die Einbildungskraft ein viel größeres Glück bereitet als der Genuß selbst.“ (Denis Diderot, Über die Natur) Der Denker wird in seinem literarischen Fantasma frei, indem er sich gegenüber den verkrusteten Objektiviationen der Gesellschaft fundamental neu einrichtet. Was anderes wäre denn die Enzyklopädie als die Aufzeichnung der Materialität von Welt und Gesellschaft, in der sich der vorurteilslose Denker zuvörderst als Medium begreift und seine Originalität als kontingenten Umstand erfährt. Das Genie ist darin noch Teil der Gesellschaft und nicht wie in der Frühromantik deren Antipode. Hans Magnus Enzensberger, selbst ein Spätenzyklopädist zwischen Literatur, Medientheorie und Mathematik, hat sich zu „Diderots Schatten“ verwandelt. Wie schon zuvor Goethe und Schiller ist er von Denis Diderot deshalb begeistert, weil dieser die Welt enzyklopädisch für alle Zeiten erschließen wollte und zugleich auch ein Medienfreak vor der Zeit war, konkret ein Hörspielautor, zwar ohne Aufnahmegerät, aber dafür mit dessen sonarer Sensibilität. Liest man die Briefe Diderots an Sophie Volland, weiß man warum. Diderots erzählt hier nicht nur „gossip“, den er mit philosophischen Diskursen, Enzyklopädie-Fetzen und genialen Einfällen collagenartig anreichert. Deutlich wird das Interesse des Briefeschreibers, die Figuren selbst zu hören, mitunter gibt es Hinweise, dass genau das oder doch annäherungsweise das erzählt wurde, sodass wir in einen polyphonen Echoraum zahlloser Figuren eintreten. Und es gibt in diesen volatilen Zeiten so viel zu erzählen, dass sich die neuen Lebensprospekte nur so auftürmen und Aporien produzieren, die heute noch nicht eindeutig gelöst sind: So stellt Diderot Sophie Volland so intrikate wie uns noch heute bewegende Fragen, ob sie es für moralisch vertretbar hält, dass eine Frau, die nicht lieben und heiraten will, einen Mann auffordert, ihr eine Samenspende zu leisten. Diderot vergisst nicht hinzuzufügen, dass er nicht dieser angesprochene Mann sei.    

 

Der Schatten ist ein übergreifendes Motiv, das Diderots weit gespannte Präsenz in fast allen Themenbereichen gut fasst. Zugleich bleibt es aber auch oft nur ein Schatten, weil Diderot keine großen, voluminösen Werke hinterlassen hat, was nicht lediglich seiner Natur geschuldet war, sondern mindestens ebenso dem gefährlicher Verdacht staatlicher Mächte, die getäuscht werden mussten. Wer schreibt, der bleibt. Und wer zuviel und zu böse schreibt, der wandert in den Knast. 1749 landet Diderot drei Monate in Vincennes, was eine traumatische Bedeutung für ihn gewinnt, vor deren Hintergrund  der Salon der Gleichgesinnten als Hort relativer Sicherheit erscheint.

 

Gegenüber dem quirligen Denis Diderot gilt der Baron d´Holbach, der Verfasser des „Système de la nature“ (1770), der „Bibel des Materialismus“ als stilistisch wenig brillanter Philosoph, dessen „Flachheit“ sich eher der Flachheit seiner Kritikern verdanken könnte. Zentral wird für ihn die Erkenntnis, dass die Seele, die er längst nicht verabschiedet, ein Produkt der materiellen Ursachen ist, die auf das Gehirn wirken. Das ist gerade keine antiquierte respektive überwundene These, wie die zahlreichen unerledigten Dispute zur „Philosophie des Geistes“ demonstrieren. Allerdings war der Glaube des Barons, dass die Wirkungsweisen der Stoffe nur rekonstruiert werden müssten, um den Menschen und sein Handeln vorauszusehen, jedenfalls bis zur Gegenwart irrig genug ist. Zwischen Pädagogik, der Lehre von den Temperamenten bis hin zum - gentechnologischen - Glauben, die Mängel eines fehlerhaften Körperbaus oder der Temperamente auszugleichen, bewegte sich der Baron auf dem dünnen Eis der Machbarkeit des Menschengeschlechts, seiner Gesellschaft und seines Glücks. Es war ihm auch nicht gegeben, zwischen den „Zielen“ der Natur und des Menschen zu unterscheiden, was nebenbei bemerkt zu einer der nicht abgelösten Hypotheken der Aufklärung wurde. D`Holbach schließt keck aus der Erkenntnis der Natur auf die wahre nützliche Politik, die sich der Leidenschaften begibt, um in der Konkordanz der gegenseitigen Bedürfnisse der Bürger ihre Aufgabe zu finden. Hier nun ist er von Jean-Jacques Rousseaus „volonté générale“ nicht weit – wenn überhaupt - entfernt. Die „volonté générale“ wird schließlich zur gefährlichsten Blanketterklärung einer neuen Form autokratischer Herrschaft, die sich im Absolutismus eines imaginären Volkswillens rechtfertigt. Gegen Rousseaus von der Natur im wahrsten Sinne geerdetes, wenn nicht beerdigtes Menschenbild produziert Denis Diderot die wahren Untiefen menschlicher Ambivalenz: „Der Teufel hole mich, wenn ich im Grund weiß, was ich bin.“ (Rameaus Neffe) Das klingt weniger nach „Bekenntnissen“ und uniformierbaren Menschen, die sich dem abstrakten Gesetz der Gesellschaft fügen, als nach einem sokratischen Zweifel, der die Selbstreflektion wie ein Vorschein der Postmoderne durchdringt

 

D´Holbach ist als mechanistischer Materialist, der keine Transzendenz zulässt, ein Mitbegründer des neuen Fortschritts- und Wissenschaftsprogramms, das sich vor allem mit dem Marquis de Condorcet (1743 - 1794) verbindet, der in seinem „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes“ hinsichtlich der technologischen Entwicklung geradezu visionär ist. Dieses Paradigma entwickelte sich über den Positivismus a la Auguste Comte, der den Wechsel vom theologischen über das metaphysische zum vorgeblich unanfechtbaren wissenschaftlichen Weltbild predigt, bis hin zum gegenwärtigen Glauben an die relative Allmacht von Wissenschaft und Forschung. Die Befreiungsschläge gegen die Altlasten der Religion schützten d´Holbach aber zum wenigsten vor dem Paradox, dass auch im Begriff der Materie transzendente Momente kreisen – wenn man nur näher hinsieht. Denn im Gegensatz zu d´Holbachs Glauben ist „Materie“ kein klar verständlicher Begriff, der spirituelle Gespinste einfach ersetzt, sondern eher der Stoff, der alte Hypotheken gegen neue eintauscht. Im Grunde geht es um eine neue Metaphorik, festen Boden zu gewinnen, wenn die tradierten Fundamente wanken – so sollen die Dinge fest, sinnlich und unkorrumpierbar sein. Der Geist ist dagegen flüchtig und verläuft sich in den Labyrinthen der Einbildungskraft. Denn wenn Materie nicht definierbar ist, gibt es auch keinen Begriff von ihr, der von anderen zu trennen wäre. Dieses despiritualisierte Theoriedesign läuft über kurz oder lang darauf hinaus, sich von der Philosophie zu verabschieden, weil im Prinzip nichts mehr zu sagen ist. „Der richtig denkende Geist nimmt die Gegenstände und die Beziehungen so wahr, wie sind sind“ der falsche erfasse nur falsche Beziehungen, wie d´Holbach glaubte. Das folgt einer etwas naiven Korrespondenztheorie der Wahrheit, die Bewusstseinsphilosophien, die Philosophie des Geistes und Sprachphilosophien aller Sorten längst gründlich durchlöchert haben. Gerade dieser Glaube ist nicht weit von einer prästabilierten Harmonie entfernt, die sich eben nicht länger der göttlichen Ordnung, als vielmehr dem Glauben an die gute Ordnung der irdischen Welt verschreibt, was kein geringerer Irrtum sein sollte.

 

 

Historische Sieger und Verlierer?

 

Folgen wir David Humes tiefster Erkenntnis zur Unvorhersehbarkeit der Zukunft, heißt das auch, dass historische Siege und Niederlagen nicht per se existieren. So lange sie nicht abgeschlossen ist, steht das letzte Urteil der Geschichte zum Ideenwettbewerb noch aus, so sicher Ideen nicht der letzte Baustoff der Welt sein dürften. So wird Philipp Bloms Behauptung, Voltaire und Rousseau hätten das historische Rennen gewonnen haben, weil ihre Gebeine im Pantheon ruhen und ihr Aufklärungsskript sich durchgesetzt habe, höchst fragil. Der psychisch schwer gestörte Jean-Jacques Rousseau war deshalb erheblich wirkungsmächtiger als der witzige Diderot, weil der „savoyardische Vikar“ die Gesellschaft sehr viel methodischer und „soziologischer“ behandelt – so wenig dieser malade Patient die Behandlung danken wird. Zu Voltaire (1694 – 1778) gilt, dass er berühmt ist, weil er berühmt ist. Dieser Autor steht nur noch für das Phänomen verdinglichten Ruhms, da ihn jeder kennt, aber keiner liest, er kaum Neuauflagen erlebt und auch im Theater nur noch spärlich präsent ist. Sein umtriebig bis intrigant behauptetes Projekt, der größte Aufklärer aller Zeiten zu sein und zu bleiben, war nur höchst vordergründig erfolgreich.

 

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) hat in dieser Zeit und folgenden Zeiten nicht von ungefähr den Ruhm des großen Philosophen vor den Materialisten und selbst einem so umtriebigen, witzigen Kopf wie Denis Diderot erschrieben. Denn die paradoxe Wendung eines „Zurück zur Natur“ in Gesellschaften, denen dieses Zurück gerade unmöglich ist, erfasst die Widrigkeiten der condition humaine, die Paradoxie des menschlichen Strebens besser. Vor allem aber begründet dieser Diskurs einen gewaltigen Argumentationsspielraum, eine Springquelle der Kritik, einen rasanten ideologischen Apparat, der dann erst von Karl Marx und Friedrich Engels in einem noch komplexeren Geschichtsmodell überboten wird. Rousseau war genauso zerrissen wie die Gesellschaft, darin liegt seine Authentizität, nicht in den konkreten Bekenntnissen, sondern in deren Gestus. In den Worten von Friedrich Nietzsche: „Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist und Kanaille in einer Person; der die moralische »Würde« nötig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung.“ Das begründet bis heute Identifikationschancen für alle zivilisationsgeschädigten Bürger und deren werden es immer mehr, wenn der Zivilisationsprozess mit seinen tausenden An- und Zumutungen an chaotischer Fahrt aufnimmt. Philipp Blom gelingt Rousseaus Darstellung sehr überzeugend, weil er die Psychopathien dieses Philosophen auf den Punkt bringt, den zahlreiche Hagiografen hinter Rousseaus Betroffenheitsformeln vergessen machen wollten. Rousseaus Ranküne gegen das Theater als Gesellschaft, Mensch und Sitten verderbendes Unternehmen hat viel von dem blindwütigen Verwerfungsgestus, der jedes neuere Medium reflexartig traf – allerdings schrieb Rousseau, der nie um Selbstwidersprüche verlegen war, selbst auch für die Höllenerfindung des Theaters. Und diese und andere Paradoxien stecken im Zentrum seiner Philosophie, während Blom die Protagonisten der Salons als disputationsfreudige, aber tendenziell eingeschworene Gesellschaft von Damen und Herren des Geistes präsentiert. Dabei ist es hier wie dort das allgemeine Dilemma biografischer Darstellungen, dass Mensch und Werk nicht notwendig zusammen betrachtet werden müssen, um sich den Reim auf die Verhältnisse zu machen. So demonstriert Blom in seiner Darstellung des Aufklärungsgedankens, des Naturbegriffs und der Vorstellungen über die richtige Herrschaftsform, die längst nicht Demokratie heißen muss, dass Rousseau und Diderot hier für unterschiedliche Modelle optieren, die ohne biografische Fixpunkte, Charakteranlagen und Temperamente nicht ganz verständlich würden. Dass Philosophie also nicht nur die Objektivation eines Gedankens ist, sondern ein hochindividualisiertes Programm, das ausreichenden Einlass für die Psychogramme der Autoren bietet, demonstriert eindringlich die Polyvalenz des Denkens. Doch wenn es so ist, kann der Herrschaftsanspruch der je eigenen Lehre, der etwa bei Rousseau so übermächtig ist, nicht als universales Erkenntnisprogramm gelten, sondern als eine Art Werteschöpfung, deren vorgebliche Allverbindlichkeit dann nur noch in der Setzung des eigenen Selbst liegt. Fatal für die Philosophie und ihre Anschlussfähigkeit. Wir lesen dann nur noch Erzählungen, wie es die Postmoderne ohnehin behauptete, und keine Meistertexte der Weltaneignung, die so spekulativ wie selbstgewiss dem absoluten Geist folgen.

 

 

Irrungen und Wirrungen der Aufklärung

 

Dass die Aufklärung den falschen Weg beschreiten könnte, wäre für ihre frühen Protagonisten eine „contradictio in adiecto“ gewesen. Denn was wäre Aufklärung, wenn nicht gerade das allgemeine Wissen um den richtigen, ja mehr, den einzigen Weg in die bessere Zukunft des Menschengeschlechts. Das wird dann zum Problem des Chronisten, das auch Philipp Blom einholt, weil die Brisanz jener Tage sich in späteren Ereignissen überbietet, die jenen selbstgewissen Ausgang aus der relativen Unmündigkeit nicht wiederholbar machen. Klar gibt es auch heute noch genug dumme Köpfe und Hartschädel, denen Aufklärung zum Nutzen der Gesellschaft nicht schaden dürfte. Aber das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, Mut für den eigenen Verstand aufzubringen, klingt so voluntaristisch wie gesellschaftsfern. Es gibt eine Evolution der Dummheit, es gibt Gegenaufklärung und vor allem gibt es eine riesige Terra incognita, die mit dem Paradigma der Aufklärung nicht ausgelotet werden kann. Hans Magnus Enzensberger lässt Denis Diderot über die Schatten reflektieren, die mit immer mehr Licht auch zunehmen. Weniger metaphorisch gesprochen geht es also um die berühmt gewordene Dialektik der Aufklärung, den Umschlag von humaner Gesinnung in faschistisches Denken, was Adorno und Horkheimer nicht erfunden haben. Sie haben es bei dem Libertin Marquis de Sade (1740 – 1814) gefunden, der auf den Spuren d´Holbachs wildeste Traktate gegen die Religion schrieb und seine – wohl nicht nur literarischen - Orgien vorzugsweise in der Kirche und im Kloster von geweihtem und entweihtem Personal aufführen ließ. Dabei folgt der Marquis de Sade, den Guillaume Apollinaire als den göttlichen apostrophierte, gerade auch diesem Aufklärungsskript, indem er seine Vernunft zu allen Werten, die so scheinbar einvernehmlich im Schlepptau der Vernunft segeln, ein unversöhnliches „Nein“ entgegenschleudert. Neben dem Salon wartet die hemmungslose „Philosophie im Boudoir“, eine Denkweise, die Denis Diderot vielleicht gar nicht so weit von de Sade entfernt, als er schrieb: Ich bin lediglich der Meinung, dass jede Erziehung ihren Hauptzweck verfehlt, wenn sie uns nicht lehrt, wie man sich gefahrlos und unbedenklich Genüsse aller Art verschaffen kann."(Rameaus Neffe) Dabei schreckte Diderot allerdings vor den letzten Konsequenzen eines radikalisierten Moraldiskurses zurück, was unter anderem seine und die der anderen „philosophes“ brüske Ablehnung La Mettries demonstrierte: „un auteur sans jugement“. Denn La Mettrie positionierte sich jenseits der Differenz von Tugend und Laster, was Aufklärern wie d´Holbach unheimlich wurde, weil sie prestigestrategisch auf dem Markt der Tugenden ihre Morallehre als mindestens ebenso tugendhaft wie die christliche präsentieren wollten. La Mettrie, der vielfach Gescholtene, dabei der konsequenteste und radikalste Materialist war letztlich weiter, was sich insbesondere in seinem revolutionären, aber ignorierten „Discours sur le bonheur“ niederschlug, der ihn wohl zum Urvater der Überich-Theorie macht: „Den ärgsten seiner Feinde trägt der Mensch also in seinem Inneren.“

 

Im Gegensatz zu d´Holbach, dessen biedere Momente sowohl im philosophischen wie persönlichen Umgang mit der Leidenschaft den Eindruck eines streckenweise behäbigen Denkers begründen, steht bei Diderot immerhin die „jouissance“ nicht nur in seinem gleichnamigen Enzyklopädie-Beitrag im Zentrum der Vermittlungsversuche zwischen Körper und Geist: „Es gibt ein kleines Stück Hoden auf dem Grund unserer sublimsten Gefühle und unserer spirituellen Zärtlichkeit.“ Friedrich Nietzsche übersetzte das später im Vorgriff auf Sigmund Freud so: „Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in die letzten Gipfel seines Geistes hinauf.“ De Sade hätte beiden zugestimmt, wobei ihn die Lust weniger zum Sublimen verführte als zu wütenden Ausfällen gegen Schöpfung, Gesellschaft und ihre Moral. (Fremde) Tugend ist nichts anderes als ein paradoxer Lustverstärker. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer interpretierten die „Juliette“ als faschistisches Programm und verorteten damit im Zentrum einer materialistischen, nur der Natur verpflichteten Vernunft das Grauen selbst. Was gilt schon, wenn „nichts wahr und alles erlaubt ist“, wie es Friedrich Nietzsche später den Gläubigen der Aufklärung in das Stammbuch respektive ihre Enzyklopädie schrieb. Jede Boshaftigkeit, jede menschliche Katastrophe, der ganze Weltirrsinn werden in der letzten Radikalität des Denkens nicht mehr erklärungsbedürftig, was die Theodizee parodistisch vom Kopf auf die Füße stellt. Denn dass die Aufklärung sich mit dem Guten verbinde, vermag keiner mehr leichtfertig zu behaupten, nachdem der Materialist de Sade den Glauben an den humanen Fortschritt in seiner durch und durch widerwärtigen „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ verhöhnte.

 

 

Die ewige Rückkehr des Transzendenten

 

Der Materialismus, wie in d´Holbach und andere vorstellten, war zunächst mehr ein Akt der Reinigung als ein Welterklärungsprinzip. Ohnehin waren d´Holbach wie auch andere Aufklärer intellektuelle und keine sozialen Rebellen (Alan Charles Kors), da ihre gesellschaftlichen Positionen sowie Geld und Güter sie nicht von der Elite des ancien régime trennten. Die Aufklärer wollten frei werden, von allem Ballast der Religionen, von den tausenden Ängsten und Hoffnungen, frei, die Welt ohne Vorurteil zu erschließen. Für die Philosophie heißt das, monistisch zu operieren, sich von Hinterwelten und Hypothesen zu lösen, die sich unendlich verlängern. Nur taucht über kurz oder lang das Phänomen auf, dass die tabula rasa des Denkens den Denkern nicht mehr viel zu denken übrig lässt, was Johann Gottlieb Fichte in seiner Aufklärungskritik dann so fasst, dass hier „nichts als seiend und bindend gelten“ würde, als das, was nützlich oder (bloß) verständlich sei. Für den spekulativen oder idealistischen Diskurs der Philosophie hat der Materialismus fast schon exorzistische Qualitäten, was aber eben das „Böse“ nur in einen neuen gesellschaftlichen Raum stellt. 

 

Ist es nicht zuletzt doch das christliche Erbe, das diese und andere Philosophen bei aller wütenden Gegenwehr imprägnierte und damit ein umfassenderes Phänomen der Welterschließung, die immer wieder einen geistigen Pol, ein transzendentes Gegenüber benötigt, um den Bogen über die Verhältnisse zu spannen? Philipp Blom glaubt das nicht. Für ihn ist der Kampf der bösen Philosophen aktuell. Gibt es ein uneingelöstes Erbe der Aufklärung, das heute noch relevant ist? Oder hat nicht die Aufklärung, ob nun böse oder gut, längst in der Zentrifuge der Geschichte ihre erhabene Gestalt und ihren übergreifenden Bedeutungsgehalt so verändert, dass wir nicht mehr rückhaltlos an ihre Potenz glauben. Wir kennen inzwischen ihre bedingte Kraft, die Welt in allen Aspekten zu erschließen. Aufklärung stößt nicht auf ihre Dialektik, auf diesen Umschlag der humanen Zukunft in die neue Radikalität des Bösen, sondern auch auf den eklatanten Mangel, Systemkomplexitäten mit den damaligen, mitunter naiv anmutenden Mitteln erfassen zu können. Für die Dialektik der moralischen Aufklärung gibt es zwar nach Adorno eine neue moralische Option, doch deren Fundamente (Minima Moralia) werden in der Vernunftskepsis höchst angreifbar und kaum je praktikabel. „Eine sich selbst dementierende Vernunft gerät leicht in Versuchung, sich die Autorität und den Gestus eines entkernten, anonym gewordenen Sakralen bloß auszuleihen“, warnt Jürgen Habermas zu Recht vor den Untiefen der Vernunftselbstkritik. Wenn keine Vernunft, was denn sonst, möchte man assistieren. Das Humane wird seit je verdächtigt, nur ein säkularisiertes Derivat religiöser Werte zu sein, weil die ethische Fundierung einschließlich der Versuche einer kommunikativen Vernunft bestenfalls teilplausibel geblieben sind. Radikale Aufklärung könnte also unter anderem heißen, die Unterscheidung von “Gut und Böse“ nicht länger als moralische Notwendigkeit zu begreifen. Selbst Friedrich Nietzsches wilder Enthusiasmus, die Schöpfer neuer Werte von ihrer historischen Aufgabe zu überzeugen, erscheint gegenüber der Aufklärung über die Nichtbegründbarkeit der Moral vorschnell. Diesen Selbstzerstörungsmechanismus kann bloße Aufklärung nicht entschärfen, hier sind andere mächtigere Mittel geboten, so sicher diese nie zu einer sakrosankten Werteordnung oder einer konsensuellen Pflichtethik reichen.     

 

So wird deutlich, dass Aufklärung, was allerdings Diderot wohl auch klar war, die Probleme alleine nicht löst. Denn hinter der Aufklärung beginnen neue Fragen, vielleicht noch schwerer zu lösen, sodass sich das Spiel immer wiederholt, was den Rätselcharakter der Welt rätselhafter erscheinen lässt, als es das Programm der Aufklärung in ihrer geschichtlichen Totalperspektive wahrhaben wollte. Das ist kein Plädoyer gegen die Aufklärung, als vielmehr ein Grund für die Ernüchterung des aufklärerischen Glaubens, sich mit Vernunft, aber auch Instinkten über die Welt zu erheben. Kurzum: Aufklärung ist unabdingbar, aber die Rettung der Welt, so sie nicht ohnehin eine Leimrute der Philosophie ist, muss wohl einem anderen, längst nicht bekannten Modell folgen. Und in diesem Wissen könnte sich der historische Fortschritt ironisch verkehren. Erfand die Wissenschaft mit Hilfe der Philosophie Muster, die Religion zu retten, um ihr gerade darin den Garaus zu machen, könnte die nicht zu vollendende Aufklärung das metaphysische Denken wieder provozieren. Kein Zurück zur Religion, aber vielleicht zu transzendenten Mustern, die sich der Sagbarkeit und gar dem Glauben entziehen, aber als Hintergrundannahmen bleiben. Denn anderenfalls müsste ja die Gesellschaft in eben dem Ausmaß erträglicher werden, in dem sie sich von Religionen, Aberglauben, und blinder Autoritätshörigkeit entfernt. Genau das aber wird durch den Zivilisationsprozess widerlegt, dessen späte Manifestationen auch „la Grande Terreur“ noch um Längen überboten haben. Die größten Menschheitsgreuel im 20. Jahrhundert, das hiesige ist noch zu jung, erfolgten nicht im Zeichen der Religionen. Eine Herrschaftskritik, die sich wider Faschismus und Stalinismus richtet, bewegt sich in einem anderen Kampfgebiet als die Aufklärer. So kommt es geradewegs zu Paradoxien, die den Aufklärern absurd erschienen wären, weil sie zu wenig soziologisch und machtstrategisch dachten: Solidarność siegte fast im Zeichen der Religion. Lech Wałęsa wählte seinerzeit eine einsinnige Metapher, als er mit dem „pope pen“ signierte, zudem nahm er öffentlich die Hostie vom Papst entgegen, ohne dass wir den Glauben haben, Solidarność wäre gerade kein Werk der Aufklärung gewesen.

 

 

Der Pyrrhussieg der Aufklärung

 

Somit reicht die Freiheitserzählung alleine nicht aus, um die französische Aufklärung in ihrer Machtdynamik zu begreifen. Reinhart Koselleck beschrieb in seiner einflussreichen Schrift „Kritik und Krise“ den zentralen Machtmechanismus dieses neuen radikalen Diskurses als Hypokrisie der Protagonisten. Sollten an Stelle der demontierten alten Heiligen die Aufklärer als neue Scheinheilige aufgetreten sein, die hinter schöntönenden Formeln, rationaler Gewissenhaftigkeit und wohltemperierter Sinnlichkeit ein Machtbeben auslösen wollten, das bis auf den heutigen Tag nachbebt? Mit anderen Worten: Die Sprengsätze gegen die alte Gesellschaft verbergen sich gleichsam in einem objektivistischen Durchleuchtungsdiskurs, der Folgen vorbereitet, die nicht ausgeblendet werden. Die Spätaufklärung zielte auf eine gewaltfreie Gesellschaft, ohne darüber nachzudenken, dass Staat und Gesellschaft auch eine neue politische Kontur erhalten, in der sich staatliche Gewalt in repressiven wie notwendigen Formen nicht einfach eskamotieren lässt. In der Forderung geistiger Freiheit, der Freiheit der Wissenschaft und dem vorgeblichen Ideal der Durchleuchtung alteuropäischer Strukturen tarnt sich ein Machtimpuls, der schließlich die Herrschaft demontiert, die Revolution ausruft und zu den teilweise schrecklichen Ambivalenzen eines neuen Souveräns führt. Zentral für diese vermeintliche Hypokrisie wird der berühmte, vom Staat heftig beargwöhnte und verfolgte Meistertext der Aufklärung, die von 1751 bis 1780 edierte 35 Bände umfassende "Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers". Die Aufklärer begriffen zwar „ihre Sprachhandlungen als Vorgriff auf sozialen und politischen Wandel“ (Reinhart Koselleck), was Diderot nach seiner Aussage während der Arbeit an diesem Großwerk der Welterschließung bewusst wurde. Doch ahnten sie nicht oder nur unvollkommen, dass die Revolution dem wissenschaftlich zubereiteten Machtvakuum in einer Weise folgen könnte, die den Terror forciert.

 

Hier liegt der Stachel des ganzen Projekts. Georg Wilhelm Friedrich Hegel erkennt etwa in Diderots philosophisch zentralem Werk „Rameaus Neffe“ die Welt der Bildung als Voraussetzung des sich selbst entfremdenden Geistes, was wiederum so übersetzt werden könnte, dass mit dem freien Einzug der Ideen in das Denken der Denker sich selbst vergesellschaftet. Fataler für das Projekt wird dabei die Erkenntnis Hegels, dass die Entmachtung der Religion in der zersetzenden Reflexion der Aufklärer zu einer „Spaltung von Glauben und Wissen“ (Jürgen Habermas) führt, die von der Aufklärung und ihren Instrumenten nicht überwunden werden kann. Für Hegel ist die Vergötzung der Vernunft ein Irrtum der Aufklärung, die den endlichen Verstand als absolut setzt, was zwingend scheitern muss. Nun folgten die Aufklärer zwar keineswegs einem simplen Vernunftfetisch, was die prominente Rolle der Sinne, der Empfindungen und Instinkte im Aufklärungskosmos demonstriert. La Mettrie hatte kein Problem damit, das Denken als Empfindungsvermögen zu begreifen und die vernunftbegabte, nicht vom Körper geschiedene Seele mit der empfindenden gleichzusetzen. Doch das Verständnis für die irrationalen Potenzen der Gesellschaft, wenn nur erst die tradierten Herrschaftsformen und ihre ideologischen Fortifikationen abgebaut wären, war nicht so ausgebildet wie die Frage nach einer aufgeklärten Alltagsmoral.  

 

Das Signum der folgenden Revolution, zugleich der Grund ihres nicht wiederholbaren Erfolgs wie Misserfolgs, war dieses noch höchst ungemischte Ineinander verschiedener Systeme, die sich wechselseitig bedingten, ergänzten, inspirierten und politisch explodierten. Es war nicht nur die kritische Lage der Nation, der Hunger und alle übrigen schlechten Lebensbedingungen des dritten Standes, sondern das multiorchestrierte, argumentativ aufgerüstete Skript der Revolution, das Männer wie Maximilien de Robespierre, St. Just und andere motivierte, übermotivierte und zu Schlächtern ihrer Brüder werden ließ. Es war auch die Naturwissenschaft und ihre Fortschrittsideologie, die der Religion systematisch Stück für Stück das Terrain entriss, bis es schließlich nur noch eine Frage der Zeit war, dass die Entzauberung und Entzweiung sämtlicher Lebensbereiche vollzogen wäre. D´Holbach redet nicht von der pastoralen Unschuldigkeitsnatur Rousseaus, wenn er konstatiert, dass die immer bessere Kenntnis der Natur die Götter zerstört. Wie Blom und andere richtig feststellen, rückt die Natur nun auf den Platz der Religion: Ein Glaube ersetzt den Glauben, ohne die einheitsstiftende Leistung der Religion noch länger erbringen zu können. Nur vordergründig sind der neue Glaube, die Vernunft- und Zivilreligion menschenfreundlicher als das vormalige System, soweit die Wissenschaft selbst zwar gesellschaftliche Ein- und Ausschlüsse mit dogmatischem Eifer praktiziert, doch regelmäßig aus eigenem Ansporn heraus keine Häretiker verbrennt. Dabei liegt der blinde Fleck nicht nur in der Ausblendung der Machtfolgen. Nach Theodor W. Adorno und Max Horkheimer besteht seit je diese verstörende Komplizenschaft von Mythos und Aufklärung, was sowohl den Mythos als Aufklärung erscheinen lässt wie umgekehrt. In der Aufklärung kommt es zur Diktatur über die Dinge, zum Herrschaftstotalitarismus, in dem die Dinge nur noch als machbare erscheinen. Dieser letzte Akt der Aufklärung über die eigene Hilflosigkeit im Angesicht des Grauens ist erstaunlich, aber rekonstruierbar. Zuvor hatte die schreibende Zunft zwischen Philosophen und Literaten dieses Thema ihrer eigenen Wirkungsmacht nie mehr losgelassen, weil sich hier erst der Traum Platos erfüllte, dass die Helden des Geistes Macht, reale Macht haben. Der Philosoph tritt nicht nur als Statthalter des Geistes auf, sondern als Führer, Anreger, sinnenfroher Animateur der Vernunft, der Gesellschaften so zu formen hilft, dass autokratische Herrschaft an aufgeklärten Massen scheitert. Schön wär´s gewesen.  

 

 

Das verlorene Erbe der Aufklärung

 

Ist das Erbe der Aufklärung vergessen, wie es Philipp Blom behauptet? Was denn wäre zu erinnern? Nun ist doch gerade die Aufklärung ein höchst prominenter Anspruch aller späteren westlichen Gesellschaften geblieben. Fast ist es eine Identifikation des demokratischen Erfolgs mit der hinreichenden Aufklärung des Wählers, was zwar eine politische Chimäre bleibt, aber eben das Selbstverständnis der immer weiter aufzuklärenden Demokratie belegt. Der Begriff der „Aufklärung“ wanderte mit unterschiedlichen Besetzungen in die Alltagssprache. Dabei haben sich die Werte verschoben, der Kampf gegen die „infame“ Kirche hat schon deshalb seine Schneidigkeit verloren, weil die Schäflein in immer größerer Zahl von dannen ziehen und die klerikale Autorität in praktischen und gesellschaftlichen Fragen schwach ist. Der Feind ist diffuser geworden, er rutschte in Funktionen, die nicht mehr von Weihrauch und Hostien markiert werden. Für Philipp Blom ist es der radikale Humanismus, der zum vergessenen Erbe der Aufklärung wird, doch auch gerade die Entfaltung dessen, was der Mensch sein kann und beanspruchen darf, ist zu einem mächtigen Selbstentfaltungsdiskurs geworden, der sich in zahlreichen Disziplinen im Verbund mit einer besseren wissenschaftlicheren Durchdringung der condition humaine demonstriert. Insoweit haben die Aufklärer zu Recht auf Wissenschaften vertraut, die den Menschen nachhaltiger durchleuchten, um diese bislang komplizierteste Maschine auf Erden besser zu verstehen. Nur folgen dem keine Moralreflexionen, die den kategorialen Gelüsten von Philosophen oder gar unhintergehbaren Pflichtethiken, wie sie Immanuel Kant verbindlich machen wollte, genügen. Genau das hat die Spätaufklärung nicht erkannt: „Die aufgeklärte Moral führt in ihrem theoretischen Diskurs zu einer rigorosen Gesinnungskontrolle, die die Unterwerfung im Namen der Freiwilligkeit fordert, weil die Wahrheit der Vernunft und der Natur unbestreitbar nur eine sein kann: so uniform, wie der Staat der über sich selbst aufgeklärten Bürger sein soll.“ (Reinhart Koselleck) Deswegen sollte Blom vielleicht das vergessene Erbe erst gar nicht einfordern, wenn doch im Salon bereits die Guillotine auf den Ernstfall hin vorbereitet sein könnte, was nicht durch farbige und charmante Intellektuelle wie Diderot kaschiert werden mag. Denn der Salon war als Refugium einer besseren Welt zugleich ein privatistischer Nichtort, in dem eben alle freiheitlichen und egalitären Prinzipien moralisch unanfechtbar formuliert werden konnten, ohne die Praxis des Politischen einzuberechnen. Und just an dieser Stelle werden dann später moralische Rigoristen wie Robespierre, wie es Philipp Blom beschreibt, zu diktatorischen Repräsentanten des „Generalwillens“. Zwar erfolgt diese Selbsteinsetzung im Namen des „göttlichen“ Rousseaus, während die damnatio memoriae die „philosophes“ trifft, explizit Helvetius, dessen Marmorschädel von den Jakobinern zerstört wird. Doch auch die „Salonisten“ jenseits von Rousseau schufen die Voraussetzungen, die Gesellschaft zu demontieren, ohne einzuräumen, dass ihre Kritik politisch ist und die saubere Scheidung zwischen unanfechtbarer Moral und korrumpierbarer Politik nur in der privatistischen Moral (reentry) funktioniert. Ob man das nun als „Hypokrisie“ bezeichnet wie Koselleck oder als Reflexionsdefizit gegenüber den Belangen des „zoon politicon“ berührt weniger als das in der späteren Moderne permanent auftretende Wissen, dass Aufklärung und konsistente Moral allein, nebst plakativen Politikentwürfen um Freiheit und Gleichheit herum, wenig genug vermögen. Die Erkenntnis "Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, andere Menschen zu befehligen" stammt nicht von Rousseau, sondern von Diderot und mag exemplarisch dafür stehen, dass solche Natur- und Unschuldsfantasien das Apriori eines letztlich unpolitischen Politikbegriffs bilden. Anders kann man auch d´Holbachs reduktionistischen Programmsatz gar nicht lesen: „Die Unwissenheit und die Trägheit der Menschen sind die alleinigen Stützen der absoluten Macht und der falschen Politik.“ Edmund Burke (1729 – 1797), Zeitgenosse der Aufklärer und konservativer Revolutionskritiker, brachte diesen Grundwiderspruch auf einen Punkt, den die Aufklärer nicht wahrhaben wollten: „Wenn Untertanen Rebellen aus Grundsätzen sein wollen, so werden Könige aus Staatsklugheit Tyrannen sein.“ Denis Diderot hatte in den „Pages contre un tyran“ das Staatsklugheitsargument Friedrich II. vehement zurückgewiesen. Die politische Wahrheitsfrage dürfe nicht von strategischen Geheimpolitiken entschieden werden, was eine offene Differenz zwischen Menschenbildern und Wahrheitsbegriffen anzeigt, die noch den Konflikt von George W. Bush und einer immer kritischer werdenden Öffentlichkeit im Irak-Krieg erfüllte. Zwischen bedingungsloser Aufklärerwahrheit und dem Vorbehalt des Herrschers gegenüber Menschen, die immer dem Irrtum folgen, können wir heute nicht mehr ernsthaft optieren, weil die Differenz einer kategorialen Verwechslung politischer Entscheidungsebenen unterliegt. Hier geht es also nicht um ein (einlösbares) Erbe, sondern – wie auch sonst – um besseres oder eben gar kein Theoriedesign.

 

Das antitheologische Programm, die Bekämpfung von Glauben und Aberglauben, ist auch nicht vergessen, wenn wir uns die radikale und durchaus einflussreiche Religionskritik von Richard Dawkins oder Michel Onfray vergegenwärtigen. Die materialistische Erkenntnis, die Friedrich Nietzsche später auf den Punkt brachte: „Gott ist tot“ ist ein altphilosophischer Ladenhüter mit diversen, um Evolutionstheorie und Psychologie aufgebesserten Nähten. 

 

Fazit: Was Aufklärung heute heißen könnte, ist jenseits ihrer historischen Verschuldung also längst nicht mehr klar. Damals glaubte man noch an die Zuverlässigkeit der Geschichte, die absolute Solidität der Instrumente und darauf, letzte Worte zu letzten Dingen zu sprechen. Dabei hatte Denis Diderot schon längst erkannt: „Meine Gedanken sind meine Dirnen“ – was im Kern das gesamte Entfremdungs- und Unverbindlichkeitsprogramm der Moderne vorwegnimmt. Philipp Bloms Studie vermittelt uns im besten Weischedelschen Sinne eine vorzügliche Hintertreppe in den philosophischen Salon und von da aus in das Denken der „philosophes“. Ideengeschichtlich bringt das Werk nichts berührend Neues, was seinen Anspruch indes nicht schmälert. Die Geschichte dieser Salonaufklärung ist nicht nur als Geschichte der einflussreichen Supertexte von Meisterdenkern, als pure Ideengeschichte zu erzählen, weil die sozialen Konfrontationen, die gesellschaftliche Vermittlung brisanter Ideen in der jeweiligen Lebenspraxis der Protagonisten zu kurz käme. Die Salonatmosphären sind nicht mehr reanimierbar, ihre frühen Herrlichkeiten als Nucleus der Zukunft passen nicht mehr zu einer fundamental geänderten Gesellschafts- und Medienstruktur, die das Übermaß der Information zum tückischsten Hindernis wirklicher Aufklärung macht. Der Aufklärer intellektuelles Andenken gegen eine repressive Gesellschaft mag in Splittern gegenwärtige philosophische Diskurse bereichern. Geistige Zentralen, die mit der Gedankenkraft jener Tage die Bodenplatten einer völlig veränderten Gesellschaft erneut in Schwingung bringen, sind nicht zu erwarten. Heute folgt der ernüchterte Aufklärungsdiskurs einer Auflösung vormals sauberer geschiedener Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit, öffentlicher Meinung und staatlicher Machtausübung. Diese Aufklärungsgeschichte ist noch nicht geschrieben…

 

Goedart Palm

 

 

 

 

Literatur

 

Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, ISBN 978-3-446-23648-6, Hanser Verlag

 

Denis Diderot: Briefe an Sophie Volland, Leipzig 1986.

 

Hans Magnus Enzensberger: Diderots Schatten. Unterhaltungen, Szenen, Essays. Übersetzt, bearbeitet und erfunden von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.

 

Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne: Zwölf Vorlesungen (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), Frankfurt/M. 1988.

 

Alan Charles Kors,  D'Holbach's Coterie: An Enlightenment in Paris, Princeton University Press, 1976.

 

Reinhart Koselleck, Kritik und Krise: Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen bürgerlichen Welt, Frankfurt/M. 1973.

 

Internet

 

Max Pearson Cushing,  Baron D`Holbach, A Study of Eighteenth Century Radicalism in France , unter: http://www.gutenberg.org/files/5621/5621-h/5621-h.htm

 

Einige interessante Texte von d´Holbach, unter http://www.liberliber.de/   

 

http://www.correspondance-voltaire.de/

 

 

Vielleicht wäre das ein Motto gewesen: "Die schlagfertige, lebendige, talentvolle, geistreich und offen die herrschende Pfafferei attackierende Publizistik der alten Atheisten des 18. Jahrhunderts wird zur Aufrüttelung der Menschen aus ihrem religiösen Schlaf fast durchweg tausendmal geeigneter sein als die langweiligen, trockenen, fast niemals durch geschickt ausgewählte Tatsachen erläuterten Wiedergaben des Marxismus, die in unserer Literatur überwiegen und (sagen wir es offen) den Marxismus häufig entstellen." (Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus -  März 1922)

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.