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Vortrag auf dem Symposium der 

Viper

in Basel 28.10.2000 

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Viper 20/1

War of information and ruling over time

War of information Informationwar Cyberwar

 

 

Dr. Goedart Palm

(Bonn/Germany)

 

Information warfare, hacker warfare, cyber war ... have advanced as the new gestures of threat in an all-encompassing supremacy of information and perception over the enemy. The new battles, whether on military or economic fields, fall into an unforeseeable trap of a lack of time. Whoever in cyber space or on real time monitors wants to win the race against the future speed of the opponent has to face the paradox of developing working strategies that no longer depend on the fallibility of human decision-making.

Studied Jurisprudence, Philosophy and Art History. Degree in the Science of Constitutional Law and teaching contract in Constitutional Law at Rheinische-Friedrichs-Wilhelms-University, Bonn. Numerous publications concerning Media and Cultural Criticism, including: Öffentliche Kunstförderung zwischen Kunstfreiheitsgarantie und Kulturstaat, Duncker und Humblot, Berlin 1998. In Internet (selection): Panoptismus als Unterhaltung, in: telepolis, March 2000. Smartworld, in: telepolis, August 2000.

For further information see:

http://www.goedartpalm.de

Profession

drpalm@web.de

 

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Viper 20/1

Informationskrieg und Zeitherrschaft

I. Einleitung

Um meine relative Zeitherrschaft kurz vor Mittag nicht allzu sehr zu gefährden, behaupte ich folgendes: Der dritte Weltkrieg ist längst ausgebrochen. Das zweifeln Sie sicher an. Keine Nachrichten in den Medien, keine Raketen in der Luft, nicht mal Panzer auf den Straßen. Aber vielleicht spielt Ihre Wahrnehmung, ob Sie sich nun auf Ihre Sinnesorgane oder die Medien verlassen schon längst keine Rolle mehr, um diese apokalyptische Nachricht zu realisieren. Worauf wollen Sie sich denn überhaupt noch verlassen? "Unmittelbarkeit ist Trug" meinte Dietrich Bonhoeffer, aber gilt das nicht erst recht für medialisierte Nachrichten? Vielleicht gibt es gar keine wahrnehmbaren Krieger mehr, vielleicht verändern sich nur hier und da einige Codierungen in den Netzen. Zugegeben, ich könnte lügen, denn die virtuelle Bewegung sollte doch schnell real werden: Strom- und Wasserversorgungen fallen aus, Ihre Onlinekonten sind bereits gelöscht, die Telekommunikation kommt zum Erliegen, und zuvor erscheint noch kurz ein Regierungschef auf dem Monitor, um Ihnen mitzuteilen, er habe gerade kapituliert. Dann erlischt der Monitor und es wird Nacht...Wahrscheinlich lüge ich also, aber wirklich sicher sollten Sie sich nicht fühlen. Denn sie haben gerade eine Zeitraffer-Einführung in die Fährnisse des Informationskriegs erlebt.

Was zurzeit in den kategorialen Weichformen militärischer Selbstreflektion als "Information Warfare", "Netzkrieg" oder "Cyberwar" firmiert, ist die militärlogische Überbietung alter Aufklärungs- und Desinformationsstrategien. Sie wurden seit je dem harten Schlagabtausch vor-, nach- und beigeschaltet. Nach der Formel des "Institute for the Advanced Study of Information Warfare" (IASIW) handelt es sich um den offensiven und defensiven Gebrauch von Infosystemen, um die Informationen des Gegners auszunutzen, zu täuschen, zu korrumpieren oder zu zerstören. Die Informationskriegsgeschichte ist so alt wie der Krieg. Doch ab jetzt umkreisen Medien und Informationen nicht nur den Krieg, sondern werden selbst als genuine Waffen in das Arsenal integriert.

II. Kognitive Kriegführung

Dass Wissen Macht ist, ist den Militärs spätestens seit Sun Tzu (ca. 400-320 v. Chr.) bekannt, der im vierten Jahrhundert vor Christus die Kenntnis des Gegners und der eigenen Vernichtungspotenzen zur Voraussetzung erklärte, um in hundert Schlachten erfolgreich zu sein. Aber dieser Binsenweisheit des prämodernen Chinesen, die geradezu zum ständig zitierten Leitmotiv der Infowartheoretiker wurde, werden erst jetzt Mittel zur Verfügung gestellt, um den Gegner informatorisch zu durchdringen.

Zur Quadriga des Informationskriegsgeschäfts wurde die Vernetzung von "Command, Control, Communication, Computer and Intelligence" (C4I). Das Kommando soll in einem Knotenpunkt zusammenlaufen, einer operativen Zentrale, die den Generälen nicht nur die umfassende Schlachtfeldübersicht, sondern auch die Unmittelbarkeit des eigenen Handelns garantiert. Als exemplarisch für das Erfolgskonzept der neuen Wahrnehmungshoheit gilt etwa die Vernichtung des irakischen C3I-Systems während des alliierten "Wüstensturms". Der Feind wird geblendet, sein Bewusstsein paralysiert, seine "mind-map" durchkreuzt. Ab jetzt ist der sensorische und kognitive Apparat des Widersachers wertvolleres Terrain als die Orte realer Feindpräsenz. Biblisch gesprochen ist der Informationsdavid mit der Datenschleuder allemal gefährlicher als ein blindwütiger Goliath der puren Vernichtung, wie es auch die hilflosen Luftabwehrschläge im Kosovokrieg erwiesen haben.

III. Zeitformen des Infokriegs

1. Vom Blitzkrieg zum Wahrnehmungskrieg

Wellingtons Stoßseufzer lautete: "Ich wollte, es würde Nacht oder die Preußen kämen". Und sie kamen - just in time. Der Spruch belegt exemplarisch, dass Zeit von je her ein zentraler Faktor der Kriegführung war. Die Kriegsgeschichte wird zugleich als die Historie technologischer Beschleunigung geschrieben. Bereits von Napoleon dem klassischen Warlord und Widersacher Wellingtons sagte der Kulturhistoriker Egon Friedell, er habe "mit der Zeit den Boden besiegt". Napoleon formulierte sein Zeitherrschaftsideal gegenüber seinen Unterfeldherren als Befehl: "Activité, activité, vitesse!"

Generalmajor John Woodmansee jr. begriff den Chip als technologischen Schlüssel zur neuen Militärdoktrin. Der Chip sei das rasante Gegenstück zum Einsatz des Benzinmotors im Blitzkrieg. Der Blitzkrieg der Panzergeneräle, die längst nicht mehr die Front, sondern die Kommandozentralen des Gegners suchten, erscheint indes gemächlich gegenüber der Beschleunigung digitalen Datentransfers.

2. Wahrnehmungskrieg

Wenn die Instantaneität von Wahrnehmung, Entscheidung und Exekution in einer logischen Sekunde zusammenfallen, dann beobachten wir einen militärischen Paradigmenwechsel. Nicht mehr gilt von Clausewitz´ Klage, dass man die Dinge in der Strategie nicht wie in der Taktik wenigstens zur Hälfte mit eigenen Augen sieht. Die postklassische Generalität steht nicht länger halbgefährdet auf dem Feldherrenhügel, sondern in sicherer Entfernung - und doch unmittelbar vor dem Feind.

Das göttliche Auge des Siegers ist aber mehr als ein elektro-optisches Supersensorium, es ist das satellitengestützte Auge eines Blitze schleudernden Zeus. Die beunruhigende Beschwichtigung atomarer Androhungen hat ausgedient. Veraltet ist der Spruch: "Wer zuerst schlägt, stirbt als Zweiter". Jetzt heißt es in der militärischen Exterminationslogik: "First look-first shot-first kill". Für die neuen intelligenten Waffensysteme gilt: die Sichtung des Gegners, ja lediglich das Aufspüren feindlicher Kräfte auf dem Monitor ist bereits gleich bedeutend mit dem Tod. Gerade in der technologisch avanciertesten Weise wird der Informationskrieg zur Fortführung der Magie mit anderen Mitteln, geradezu zum atavistischen Hightech-Krieg. So warfen die Höhlenmaler des Jungpaläolithikums ihre Pfeile und Speere auf Bilder, um reale Tiere zu treffen. Sie vertrauten einer Analogmagie, die heute eben digital effektiver auf Monitoren eingelöst wird. Dabei gilt dieser Sprung über die Jahrtausende nicht nur für die heiße Phase der teleaktiven Vernichtung. Im Golfkrieg waren die simulativen Kriegsspiele bereits so wirklichkeitsnah, dass die fiktiven von den realen Berichten mit dem Etikett "Nur für Manöverzwecke" unterschieden werden mussten - was zu der griffigen Formel führte, dass der echte Krieg nurmehr eine Fortsetzung der Simulation mit anderen Mitteln ist.

3. Echtzeit

Im Instantaneitätsideal nachklassischer Kriege wird permanent um eine Zeitherrschaft gerungen, die tendenziell gegen Null geht. Obzwar wir eine Nullzeit nicht denken können, wäre die Auflösung der Zeit die endgültige Finalisierung militärischer Logik. Bereits Jean Paul prophezeite auf Grund unausdenklicher Mordmaschinen Stundenkriege, in denen der Krieg am Krieg umkomme, seine Vervollkommung zugleich seine Vernichtung sei. Die Zeit der Kriege schmelze in die Kraft derselben ein.

4. Menschliche Reaktionszeiten

Echtzeit heißt gegenwärtig nichts anderes als die Gleichschaltung der Monitore mit den realen Vorgängen. Techniker wissen indes, dass die menschlichen Anforderungen an die Echtzeiteffekte gering sind. Die Maschine muss in den meisten Fällen ihren Output bremsen, damit der Mensch überhaupt sehen und begreifen kann, was passiert. Verzögerungszeiten ("delays") gelten in der technisch-militärischen Sprachbehandlung als Totzeiten – und das ist alles andere als eine metaphorische Beschreibung. Sie trifft das Urtrauma des Kriegers, in der Zeitnotfalle vom Gegner tödlich getroffen zu werden. Selbst wenn die Information unmittelbar erfolgt, beantwortet das Echtzeitideal nicht die Frage nach der Reaktionszeit der Akteure, also nach der Zeitform, die vielleicht auch im Krieg, jenseits einer ethischen Bewertung, als humanes Zeitmanagement gelten könnte.

Es geht ja nicht nur um die absolute Zeit, eine Entscheidung zu finden, sondern um die relative Zeit, die von politischen, militärischen, organisatorischen, psychologischen Faktoren bestimmt und damit verzögert wird. Joseph Weizenbaum hat im führungsintensiven Bereich des Militärs die Enteignung des Menschen aus der Entscheidungsverantwortung beobachtet. Generäle beklagen ihre Bedeutungslosigkeit gegenüber digital berechneten Entscheidungsgrundlagen, die nur noch den deklaratorischen Vollzug der "Entscheidung" eröffnen. Hier steckt die Aporie einer Informationsherrschaft, die menschliche Entscheidungsautonomie der Herrschaft der digitalen Zauberbesen zu unterwerfen, wobei diese aber auch weit entfernt davon sind, fehlerlos zu handeln. So wurden 1994 zwei Helikopter erfolgreich von amerikanischen Kampfflugzeugen über dem Nordirak abgeschossen. Die weniger gute Nachricht: Es handelte sich um amerikanische Maschinen. Friendly fire! Amerikanische Militärs kommentieren das lakonisch mit dem Hinweis auf "superhuman speeds" des Geräts, die nicht länger mit menschlichen Geschwindigkeiten kompatibel seien.

IV. Vom heißen zum kalten Informationskrieg

Neue Waffen- und Aufklärungssysteme haben den Krieg entkörperlicht, seine Letalität reduziert und Distanzen zwischen Freund und Feind gelegt. Diese Entwirklichung ist nicht allein durch die Verbesserungen der Waffentechnik, sondern auch durch den Druck einer im militärischen Sinn paradoxen Öffentlichkeit befördert worden, die zwar den Sieg, aber nicht den Tod will. "Body counts" verbreiten in Medien- und Wohlfahrtsgesellschaften den realen Schrecken, der über Jahrtausende ein konkreter Wahrnehmungsgegenstand war.

Es ist eine alte Hoffnung der hinter den Armeen stehenden Zivilgesellschaften, den Krieg in einen überschaubaren Zeitplan zu pressen, seine Kosten gering zu halten und die sozialen sowie wirtschaftlichen Überlebensvoraussetzungen nicht dem totalitär ausufernden Konflikt zu opfern.

In den menschenfreundlichen Spekulationen zukünftiger Simulationskriege, wie etwa dem sog. "Gibson-warfare", werden die Kämpfe nur noch Computern oder virtuellen Gegnern anvertraut, deren Ergebnis von den Parteien als legitim anzuerkennen wäre. Der Krieg war - von einigen Operettenscharmützeln abgesehen - zumeist aber keineswegs nur ein legalistischer Wettbewerb, er beinhaltete die destruktive Kraft seiner eigenen Vollstreckung, ohne dass es dabei auf die Akzeptanz des Unterworfenen ankommen würde. Gegenüber den Eskalierungsspiralen des "Information warfare"handelt es sich bei den digitalen Schachkämpfen um Wunschträume, Cyberspace zum Reservat folgenloser Aggressivität zu erheben, um damit der vorgängigen Wirklichkeit endgültig den ewigen Frieden zu verleihen.

Davon sind wir aber weit entfernt. Im "Worst-Case-Szenario" - und was zählt im Krieg sonst? - beschränkt sich die informationstechnologische Eroberung des gegnerischen Terrains nicht nur auf militärische Positionen, sondern trifft den Feind auch in seinen informativen Lebensgrundlagen. Offensiv betrieben zielt der Infokrieg auf die Vernichtung der gesellschaftlichen Infrastrukturen: Wenn Versorgungseinrichtungen, Telekommunikationsysteme oder ökonomische Strukturen von Börsen und Banken auf der Ebene der Programme angegriffen werden, ist der Kollaps vernetzter Gesellschaften in kürzester Zeit vollendet. Es ist offensichtlich, dass die Wirkungen solcher Schläge in die Herzzentren vitaler Versorgung mindestens genauso letal sind wie die klassische Vernichtung von Menschen.

1. Information versus Vernunft

Theoretiker des Infowars sprechen inzwischen von semantischen und epistemologischen Angriffen, die die Wahrheit gegen virtuelle Realitäten austauschen.

Der umfassende Informationskrieg präsentiert sich somit als Bewusstseinskrieg: Nicht nur Wahrnehmungen des Feindes werden Gegenstand der Vermachtung, sondern der "netwar", auch bizarr "neocortical war" genannt, mutiert zum Darwinismus der Ideen und Ideologien. Mit der Zielvorgabe "The target of netwar is the human mind" leitet sich ein Paradigmenwechsel der Kriegführung ein, der über den alten Anspruch, die kognitive, moralische und militärische Minderwertigkeit des Feindes propagandistisch zu behaupteten, weit hinausgeht.

Es geht dabei nicht mehr nur um den kulturkritisch beklagten Effekt einer Angleichung von Krieg und Kino, Krieg und Cyberspace, sondern um die militärische Strategie, zivile Medieninhalte als offensive Bewusstseinsmunition einzusetzen. "Star Wars" ist danach nicht nur das cineastische Ereignis, sondern eine ideologische Waffe, euroamerikanische Werte im Bewusstsein des Feindes zünden zu lassen. Im "War-Infotainment" beschwört man den Mythos des amerikanischen Pioniergeistes, der allemal mit den dunklen Seiten der Technik, sprich: "Darth Vader", also mit Death, Darkness und Invader fertig wird, und folgerichtig hießen die Planungsleiter des Golfbodenkriegs die "Jedi-Ritter".

Gleichwohl ist die Informationskriegsdoktrin mitnichten lediglich die Augurenwissenschaft, als die sie in den offiziellen Verlautbarungen des US-Militärs erscheint und die den Beherrschbarkeitsmodus als Selbstberuhigungsformel wählt. Informationen sind mehr als zielgenaue Projektile. Die gefährliche Dialektik einer Nachrichtenaggression, die Streuwirkung letztlich nicht mehr verifizierbarer Informationen kann sich schließlich auch gegen die Urheber selbst richten. So gibt es bei amerikanischen Militärs nicht nur eine heilige Scheu, die durch ein Redeverbot abgesichert ist, von den offensiven Formen des Infokriegs zu reden, sondern es besteht auch die begründete Angst, es könnten durch Angriffe auf zivile Netze kettenreaktive Wirkungen auch für die eigenen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme ausgelöst werden.

2. "Hacktivism" in der Infosphäre

In der Abhängigkeit des Militärs von allgemein zugänglichen Computernetzen schlägt die Stunde des "Hacker-Warfare", besser: "Cracker-Warfare", der den alles beherrschenden Code sofort angreift. Diese "weiche" Kriegsform der Kinder von Lara Croft und Quake 3 stützt sich auf die Sensibilität von fremden Informationsräumen, deren Interaktivität zum schlecht geschützten Einfallstor wird. Trojanische Pferde, Zeit- oder Bedingungsbomben werden fremden Netzwerken lange vor heißen Kriegsphasen eingepflanzt, um sie zu gegebener Zeit "zünden" zu lassen. Vormalige Fabrikkriege, die Massierung von überlegenen Mannstärken und das hochwertigere Kriegsgerät von Industrienationen haben längst ihre Bedeutung gegenüber der relativen ökonomischen Waffengleichheit im Infokrieg eingebüßt. Wenn Konflikte bereits in der Infosphäre entschieden werden können, wäre jede weitere Munition Verschwendung wider den kapitalistischen Geist.

Die Extermination per Mouseclick lässt die vormaligen Schlachten, die noch Marinetti als futuristisches Explosionstheater ästhetisch bewunderte, implodieren. Aber die Schreckensformel des "totalen Kriegs" reicht in diesen Szenarien weit über eine heiße Blut- und Bodenwahrheit hinaus, weil sie sich jetzt auf sämtliche Infrastrukturen zukünftiger Gegner bezieht. Und die Frage, wer potenzieller Feind ist, löst sich unwiderruflich aus den vormaligen überschaubaren Planspielen des Ost-West-Konflikts.

Transnationale Bündnisse und Achsen sind längst nicht mehr Chefsache nationaler Staaten, um politische, ökonomische, kulturelle oder militärische Präsenz zu verstärken. Aggressive Wirtschaftsimperien und kriminelle Bruderschaften überschreiten inzwischen gleichermaßen nationale Grenzen, um im Kampf aller gegen alle den vormaligen Leviathan das Fürchten zu lehren.

3. Diffusion der Interessen

Nach Talleyrand ist der Krieg eine viel zu ernste Sache, als dass man ihn den Militärs überlassen könne. Der Viscount Montgomery of Alamein wollte diese ernste Angelegenheit aber auch nicht den Politikern überlassen. Heute lautet die Losung: Kooperation, Interagency, Jointness, Joint Staff. Im Gegensatz zu früheren Kompetenzabschichtungen birgt die politisch-militärische Vernetzung von Entscheidungsfunktionen das Problem, dass der Ernstfall auf eine Gemengelage von Sicherheitsfragen stößt.

Dass die Unterscheidung von innerer und äußerer Sicherheit kaum noch Sinn macht, markiert insbesondere das 1998 von Clinton ins Leben gerufene National Infrastructure Protection Center (NIPC). Hier werden unter anderem FBI, DOD (Verteidigungsministerium) und CIA in je nach Angriffsrichtung und -intensität wechselnde Kompetenzordnungen koordiniert. Da sich der Schutz der Infrastruktur gleichermaßen auf staatliche und private Bereiche erstreckt, werden potenziell alle staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte in einer Public-Private-Partnerschaft auf unbegrenzte Zeit verbunden. Immanuel Kants Empfehlung zum ewigen Frieden "Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören" wird durch die permanente Einbindung potenziell aller Gesellschaftsmitglieder zum Zivilprogramm eines ewigen Kriegs pervertiert.

Der zivilistische Krieg verliert darin sein Gesicht, maskiert seine Akteure zu Ordnungsmächten gegenüber der Entropie des Feindes, verwischt die Grenzen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten und mag sich zuletzt im repressiven Pazifismus wieder finden, der von einem vergesellschafteten Bellizismus nicht mehr zu unterscheiden ist - eingedenk der Warnung: "Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich nicht mit offener Gewalt führen lässt!" So der Artillerist und Sanitäter Nietzsche, der übrigens 1889 von seinem Freund Overbeck eine Woche ins Baseler Irrenhaus mit dem sedierenden Namen "Friedmatt" gebracht wurde. In einem unübersichtlichen Feld disparater Interessen tendiert das angestrebte Ziel der Informationsdominanz letztlich dazu, sich zur Selbstermächtigungsgrundlage jenseits völkerrechtlicher Regeln und nationalstaatlicher Interessen zu entwickeln.

4. No-escape-zone

Mit der Schwächung des staatlichen Gewaltmonopols und Kompetenzverwirrungen geraten auch die militärischen Operationstheater der Online-Gesellschaften in unabsehbare Bewegung. Frontlinien lösen sich auf, weil das Netz eine heterogen in sich zerstrittene Öffentlichkeit bis hin zur Anarchie von Einzelkämpfern und Cyberterroristen präsentiert.

Zukünftige Weltinformationskriege werden das "think global, act local" eben so gut beherrschen müssen wie "think local, act global", weil in virtuellen Szenarien die Differenzierungen zwischen zentral und marginal, global und lokal, oben und unten obsolet werden.

Die avancierteste Militärstreitmacht der Erde verkündet ihre Vision einer "full spectrum dominance" folgerichtig als Werbeversprechen: Überzeugend im Frieden, entschieden im Krieg, überragend in jeder Konfliktform ("persuasive in peace, decisive in war, preeminent in any form of conflict", JV 2020). Mit diesem politischen, strategischen und operativen Totalitätsanspruch gibt es eben keine, dem militärischen Einfluss entzogene Zonen mehr. Von jetzt an gilt für jeden Widersacher des american-way-of-life, dass er sich in einer global-virtuellen "no-escape-zone" aufhält – ob er sich nun in einer MIG 29, vor dem Fernseher oder im Netz bewegt.

So zieht die Echtzeit den Raum, der in klassischen Kriegen immer weiter expandierte, zusammen. Sie lässt ihn auf ein simultanes Panoptikum schrumpfen, das idealtypisch im Sinne Jeremy Benthams alle Örter in einen digitalen Supervisionsraum verlegt.

Amerikanische Militärs haben bereits den Golfkrieg 1991 als ersten echten Weltkrieg bezeichnet, weil die beiden so genannten Weltkriege letztlich doch nur Feldzüge an verstreuten Plätzen des Globus gewesen seien. Unklar bleibt aber, welche gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen sich mit dem historischen Auftritt einer "Weltechtzeit" verbinden. Apokalyptiker wie Paul Virilio vermuten, dass sich der Schock der Echtzeitwahrnehmung zu weltbürgerkriegsartigen Katastrophen verdichten könnte, die den Globus in ein gigantisches Brüsseler Heyssel-Stadion verwandeln.

Aber gerade die militärisch gesteuerte Echtzeitberichterstattung des Golfkriegs überbot ja nicht den weniger kontrollierten Schrecken der zeitversetzten Information des Vietnamkriegs. Vietnam, nicht der Golf, entwickelte sich zum politischen Desaster und - anders als es Virilio darstellt - nicht als ein in Amerika lokalisierter Medienkonflikt, sondern als ein Protest- und Diskursszenario, das auch in Europa Studenten und Intellektuelle auf die Straßen trieb. Die CNN-Techno-Bilder des reinen Golfkriegs anästhetisierten dagegen das Friedensbewusstsein der Weltöffentlichkeit und bewiesen die Überlegenheit des eiligen Kriegs der Amerikaner gegen den heiligen Krieg Saddams.

5. Krieg ohne Menschen

Virilio will den verbliebenen Horizont des Menschen in kulturapokalyptischer Perspektive zumindest noch negativ bestimmen und retten. Virilios Katastrophendenken setzt an der traumatischen Störung unserer Wahrnehmung des Realen an und folgt letztlich dem Glauben an eine immer noch greifbare Ausgangsrealität. Aber wir haben diese Basisstation, die wirkliche Wirklichkeit, längst unwiderruflich verlassen, sodass allein Niklas Luhmanns Paradox übrig bleibt: "Wie ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie sie produziert werden?"

Es wird zu einer Antinomie des Infowars, dass in dem Strategiekonzept der vereinigten Stabschefs, der "Joint Vision 2020", die amerikanische Technologiegläubigkeit wieder zu Gunsten alter Tugenden militärischer Effektivität - Führung, Persönlichkeiten, Doktrinen, Organisationen, Ausbildung, vor allem aber menschlichem Wissen - relativiert werden soll. Der Rausch hypertechnologisch formulierter Machbarkeitsillusionen verbindet sich hier mit dem Anachronismus, den menschlichen Faktor in dem historischen Moment zu beschwören, in dem sich die schon je herrschende irrsinnige Eigendynamik des Kriegs immer weiter aufgipfelt. Aber die amerikanische Avantgarde futuristischer Militärplanungen, Darpa (Defence Advanced Research Projects Agency), beginnt auch diesen Glauben zu verlieren, der Mensch sei noch ein taugliches Rädchen der rasenden Kriegsmaschine.

Wird in Zukunft die Kampfzone so erweitert, dass die Mensch-Maschinen-Tandems von vollautonomen Maschinenaggressoren abgelöst werden, die das Ideal des disziplinierten Kriegers in einer gut geölten Militärmaschine unendlich überbieten? Vom Maschinengewehr zum umfassenden Automatenkrieg folgt diese Militärrevolution (RMA) einer Zeitlogik, die sich keine Totzeiten mehr leisten kann. Die Robotisierung, d.h. die Entmenschlichung des Krieges, wurde durch unbemannte Drohnen vom Typ Pioneer, die per GPS (Global Positioning System) und Autopilot Videobilder vom Golfkrieg sandten, eingeleitet. Aber das ist allenfalls ein Vorschein solcher Kriege, die nicht länger auf menschliche Gemächlichkeit angewiesen sein wollen. In den Visionen der Darpa fliegen bereits hundertausende winziger Sensoren als Wahrnehmungspollen über das Schlachtfeld. Und diese Datenmengen mögen sinnvoll nur noch von Systemen künstlicher Intelligenzen verarbeitet werden, wie sie die Darpa-Technokrieger in zahlreichen Projekten einer transhumanen Zeitherrschaft inzwischen zu entwickeln versuchen.

Für aggressive Militärautomaten, die in avancierter Form folgen werden, gelten die Asimovschen Robotergesetze nicht mehr. Das erste Gebot, das Menschenleben durch Maschinen zu schützen oder nicht zu verletzen, bleibt Sciencefiction. Ironischerweise nicht aus Mangel an Technik, sondern an Ethik. Die Hoffnung, dass die Kybernetik tatsächlich zur Kybern-Ethik einer humanen Gesellschaft aufschließen kann, wird in diesen Visionen endgültig verabschiedet.

V. Vom ewigen Krieg

1. Krieg oder Frieden?

Mit dem postklassischen Informationskrieg löst sich die menschliche Aggressionsgeschichte endgültig von dem Wechsel zwischen Krieg und Frieden und nimmt die Gestalt eines bellizistischen Willens an, der sich jederzeit immer neuer Verwirklichungsmöglichkeiten besinnt. Mao Tse-tung hatte bereits die Formel von Clausewitz dialektisch aufgelöst: Die Politik ist Krieg ohne Blutvergießen, der Krieg ist Politik mit Blutvergießen.

Avant la lettre erteilte Machiavelli den fatalen Rat: "Ein Fürst sollte nur auf einem Gebiet ausgebildet werden, in der Kriegführung. Im Frieden sollte er nur eine Atempause sehen, die ihm Muße verschafft, über Kriegspläne nachzudenken und seine Fähigkeit zu stärken, sie auszuführen." Der cybermachiavellistische Ansatz der neuen Infokrieger geht aber erheblich weiter, wenn politische, militärische und zivile Gewalt zu einer subkutanen Konfliktform verschmelzen, die ihr Zerstörungswerk dissimuliert, ohne dadurch destruktives Potenzial zu verlieren? Cyberwar ist danach mehr als jede andere Kriegsform das Chamäleon, das Carl von Clausewitz bereits im klassischen Krieg erkannte.

2. Perspektiven zukünftiger Informationskriege

Die euphorische Begrüßung des Infowars seitens des Militärs erweist sich als Verharmlosungsdiskurs, als humanbellizistische Verniedlichung, mindestens aber als eine Selbsttäuschung kriegerischer Gesellschaften. Da der Infokrieg die Zeit eben nicht nur in der heißen Phase, sondern jede Zeit beherrschen will, werden Geschichte, Gedächtnis und Bewusstsein, mit einem Wort: alle denkbaren menschlichen Widerstände gegen die Informationssuperiorität überall und jederzeit taugliche Angriffsobjekte. Dieses Kriegsdesign zielt nicht nur auf die Herrschaft über strategisch, operativ oder taktisch relevante Zeiten, sondern auf die Dominanz über alle zukünftigen Zeiten, in denen sich Gesellschaften, Kulturen und Individuen bilden. "Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien." So Heraklit von Ephesus. Zweieinhalbtausend Jahre Kriegsgeschichte haben diesen blutigen Mythos nicht ausradieren können. Nationalstaatliche Interessen, Humanitätsideale aufgeklärterer Gesellschaften und Militärphilosophien waren allerdings im Stande, den Krieg auch auf einen begrenzbaren Antagonismus des Willens herunterzufahren. In dem Anspruch gegenwärtiger Informationskrieger, alle potenziellen Konfliktfelder jederzeit zu dominieren, wird Heraklits Wissen um den wahren Zivilisationsmotor aber gefährlich hochgetaktet.

Gleichwohl werden überlegene Informationsherrscher in Zukunft diesen schrecklichen Befund dissimulieren können: "Bella gerunt alii (Andere führen Krieg) - wir informieren!"

Damit bin ich wieder am Ausgangspunkt der Überlegungen angelangt. Ich kann nur hoffen, dass ich heute die Unwahrheit gesagt habe. Aber damit wäre ich ja der Strategie dieser Kriegsform besonders gerecht geworden. Meine Zeitherrschaft jedenfalls geht zu Ende. Ich hoffe, für Sie lag auch ein Aufmerksamkeitsgewinn darin. 

Vielen Dank.

Dr. Goedart Palm

 

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 20. Oktober 2013.