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Gott/Hybris/Sintfluten

 

Verstreutes

 

Zentralperspektive. Selbstvergessenheit, dass ausgerechnet der Mensch, der irgendwo in einem trudelnden Schuhkarton zwischen Myriaden von Galaxien als glibberndes Biowesen treibt, physiognomische Ähnlichkeit mit dem Autor des Gesamtkunstwerks haben soll. Ein kugelrunder Witz am Rockzipfel der Nichtschöpfung. Die Geburt Gottes aus dem Nichts des komischen Kosmos der kosmischen Komik die Mikrostruktur des Individuums, das entsubjektiviert wird, freigestellt von Schuld, Sühne strafe und anderen Totalisierungen seiner Existenz. Die Agenten des Ereignisses sind nicht vordergründig in den Protagonisten zu sehen. Napoleon ist einer von unzähligen Knotenpunkten, in denen sich Kräfte in einem Moment treffen im nächsten Moment sich verändern, neu arrangieren, um schließlich im Tod das Individuum aufzulösen, ja es erlösen, ohne den Glauben an den Menschen aufzugeben.

Hybris. In Memoriam Wilhelm Steinitz Gott zu versuchen heißt mit dem Kopf gegen die Mauer zu laufen (Schachweltmeister Steinitz wollte mit Gott Schach spielen - und ihm einen Bauern vorgeben). Freilich fehlt es den meisten zu dieser Einsicht, weil unentwegt Orakel, Omina und andere Fingerzeige dem Buch der Welt entnommen werden. Der Interpretationswahn stützt sich auf schlechte Wahrnehmung, Wahrheit wäre besser, ist aber nicht verfügbar.

Apokalypse. Albern geht die Welt zugrunde. Eine Apokalypse als Mainzer Karnevalsveranstaltung würde meinen Glauben an das Maß in den Dingen schüren.

Spekulation. Auch wenn das Ganze auf kein Ziel hinausläuft, keinen Sinn hat, wird dadurch nichts besser. Es bleibt ein Spiel, das wir nicht begonnen haben und für das wir keine Verantwortung tragen. Auch wenn ein mastermind fehlt, gibt es ein überlegenes Wissen, das wir noch lange nicht besitzen...Vielleicht wäre die Theologie besser beraten, den Wissenschaften vorauseilend radikaler zu spekulieren. So bleibt es eine traurige Demontage unhaltbar gewordener Positionen.

Gott. Und wenn Gott keinen langen, weißen Bart trüge, sondern ein Punk wäre? Zumindest müsstet ihr euch eurer gravitätischen Liturgie entäußern.

Würfelspiel. Gott würfelt nicht (Einstein), aber er pokert.

Begehren. Die Belebung des Unbelebten, die Ent- und Neuformung der Gegenstände, die Versinnlichung der Wahrnehmungslöcher, alle jene Acid-Sartoris, nicht mehr physiologisch verifiziert, sondern digitalisiert, in den Nichtraum des ungestillten Begehrens geschossen. Was Begehren heißt, wird die virtualisierte Welt mit einer unendlichen Radikalität artikulieren. Wir stehen am Anfang der Wunschweltwerdung.

Apotheose. Televisionäre Heiligsprechung himmelwärts flüchtender Bilder.

Astrologie. Astrologie ist eine wunderbare Selbsterfindung des Weltalls, das süchtig nach Beobachtung ist. Sollte auch das Bewußtsein dem Narzißmus der Materie entsprungen sein?

Bekenntnisse. Ich fühle nichts, wenn ich schreibe. Ich bin für jedes Gefühl bereit. Keine Leidenschaft ist mir fremd, aber was ich schreibe, soll mir Sicherheit geben. Die Sprache ist ein Instrument, das ohne jede Übung funktioniert. Mein Werk hat den Begriff der Sprache nicht verändert. So solltet ihr bekennen.

Selbstdarstellung. "Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige." Dann hätte ich zuvor die Dose der Pandora aus der Welt geschafft. Beginnt jenseits von Alpha und Omega die Güte oder der Archipel Armageddon?

Computererwartung. Himmelfahrt.

Die Geburt des Lichts. "Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, daß es gut war." Hypermoralisierung der Physik: das Wesen der Metaphysik. "Und Gott schied das Licht von der Finsternis." Das ist bereits der unglaublichste semantische Unsinn. Wenn ich das Licht sehe, muß ich auch die Finsternis sehen. Da ist nichts mehr zu scheiden. "Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: Der erste Tag.." Später kam der Dimmer hinzu. Je länger ich darüber nachdenke, um so dimmer wird mir.

Lichtmalerei. Wahrheit scheint in der Malerei im Licht. Alle Lichtmalerei entsteht im Wechselspiel vom mehr oder weniger Licht. Die hohe Zeit der Lichtmetaphorik erstreckt sich von den Neuplatonikern bis zur Hochscholastik. Flashback: Schönheit entsteht als das Einstrahlen des geistigen Lichts in die Materie. Im Gleichnis Plotins strahlt das Licht in die Finsternis und verliert auf diesem Weg fortwährend an Intensität. Bacon hat in der Nachfolge von Grosseteste das Licht als autopoietische Substanz entdeckt, dem die Optik nachspürt, um die Natur zu erkennen. Wahrheit heißt nach Bonaventura göttliche Erleuchtung. Das Erkennen speist sich durch die Schatten, Spuren und Bilder des Göttlichen. Im Pilgerweg der Seele schraubt sich der Mensch als Glühbirne in den göttlichen Scheinwerfer ein: Es kommt im totalen Licht zur mystischen Vereinigung mit Computer. Die Materie ist dem Metaphysiker des Lichts der lichtlose Zustand. In der eschatologischen Hoffung auf den Sieg des Lichts über die Finsternis wird der Weltprozeß umgekehrt. Das Lux aterna hat zweifelhafte Wege zurückgelegt. Lucifer, der sein Licht in der Materie veruntreut hatte, tritt das Licht wieder an die göttlichen Alteigner zurück: Come on baby, light my fire, try to set the night on fire... sang der fleischgewordene Lichtträger der doors (of perception) Jim Morrison. Die Bewegung der europäischen Malerei folgte einer Spur des Lichts. Mit dem Impressionismus wird das Licht zum imperialen Paradigma, in dessen Sog alle Gegenständlichkeit zum Vorschein kommt und verschwindet. Hume zufolge waren alle Ideen Abbilder von Impressionen, so daß keine Idee anders als durch die Kopie einer Impression entsteht. Impressionen, innere wie äußere, präsentiert der Sensualist als die Originale der abstrakten Begriffe. Der Impressionismus blendete die Zeitgenossen: Monets Heuhaufen erschien bereits als abstractum, während erst die nächste Generation die Abstraktion als Gegenstand der Malerei aufklärte. In der abstrakten Lichtung des Gegenstands hat Matta vielleicht als erster das Licht wieder in die Metaphysik überführt. Das Licht der Aufklärung wandelte sich in die dionysische Verklärung eines atopischen Lichts. In dieser Meta(phos)phorik des nachimpressionistischen Lichts wird der Gegenstand reflektiert, um ihn der Begreifbarkeit zu entziehen. Der Blick in die Sonne hat die Maler erblinden lassen: ...der Sehende sieht in seinem reinen Licht sowenig als in seiner reinen Finsternis und gerade soviel als der Blinde in der Fülle des Reichtums, der vor ihm läge. Der verbrauchte Sehpurpur irrlichtert in eine nachrationale Welt der Dämonen hinein. Wurde der Lichtstrahl in der Aufklärung in der Reflektion gebrochen, im Prisma zerlegt, vektorisiert, zerschießen die späteuropäischen Halogen-Batterien die lichtvolle Wahrheit. Die Wahrheit entzieht sich dem Weg des Lichts.

Diesseits von Gut und Böse. "Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die Finsternis zu Licht machen und Licht zu Finsternis; die Bitteres zu Süßem machen und Süßes zu Bitterem!" Das hätte denen, die ständig davon reden, zum Leitspruch werden sollen. So bleibt das Programm der gesicherten Werte ein Ausgrenzungsprogramm gegen jede Umwertung. "Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für verständig halten! Und man wird sich nach oben wenden und wird zur Erde blicken: und siehe, [da ist] Not und Finsternis, bedrängendes Dunkel, und in dichte Finsternis ist man hineingestoßen."..."Manic depression is touching my soul" (Hendrix).

Erleuchtung. Die Erleuchtung projiziert die Leere des Ichs auf die Folie der Gesellschaft. Das sartori atmet nur ein Begehren, das jedes Begehren zu verlassen vermeint. Buddha hätte nichts dafür gegeben.

Mahayana. Omnibus zum Nichts.

Ein göttlicher Tabuverletzer. Auch wenn die göttliche Leistung einwendungsbehaftet blieb, zedierte Gott seine gescheiterte Mission nicht an fähige Nachfolger. In der göttlichen Konstruktion war kein gefahrloser Platz für menschlichen Narzißmus. Wer dagegen verstieß, mußte mit Strafen rechnen. Der Turm von Babel, Alexanders Weltreich, Rom, Byzanz, das anciem regime, das tausendjährige Reich, der Sozialismus. Jede Hybris fand ihr mehr oder weniger schnelles Ende. Ob die Lektion inzwischen gelernt ist?

Erdbeben. Das Erdbeben von Lissabon wird so zum Dauerbrennerder alternden Katastrophendemokratien, die immer mehr Katastrophen feiern, weil die Apokalypse ein lebensversicherndes Existenzzeichen mit begrenzter Haltbarkeit ist. Eine fleischgewordene Offenbarung vor dem eigenen Tod, die Rache am Schöpfer ein teuflischer Erzspaß. Die neuen Schlächter führen sich allesamt als Häretiker auf, die nicht mehr der Kirche opfern, wenn sie den Disput mit der Schöpfung suchen.

Erlösung. Wo alles aufschreit, kann wenig auf Erlösung rechnen.

Ewige Anklagen. "Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren und weiß, daß deine letzten Werke mehr sind als die ersten (Überflüssige Captatio bene volentiae). Aber ich habe gegen dich, daß du"...So reden Henker. Wir werden fragen, wo all die geschundenen und getöteten Kinder sind.

Schuld. Schuld ist eine pragmatische Kategorie. Wir sollen uns verändern, weil wir lernen müssen, mit der Vergangenheit zu hadern. Sühne kaschiert diese Erkenntnis, weil das Motiv, das uns die Schuld gibt, schwächer würde. Wer das begreift, versteht fast jede Moral. Mit anderen Worten: In den Moralen werden die Zeitmodi vertauscht, um uns handlungsstärker werden zu lassen. Selbstverständlich darf nicht gewußt werden, daß wir für nichts verantwortlich sind.

Inquisitor. Inquisitoren leiden an Geständniszwang. Sie lassen ihre Opfer sagen, was sie sich nicht zu sagen getrauen.

Gott. Schöpfer sind seltsam. So wenig Selbstkritik, trotz größter Übersicht. Schuld sind immer die anderen. Letztlich geht es um Kleinigkeiten, die sich nur zornsüchtigen Geistern zur ewigen Verderbnis aufblähen.

Gottsuche. Wer der Weisheit den Mäusezahn der Zeit ziehen will, muß sich auf göttliche Wurzelbehandlungen verstehen.

Hal-Phantasie. Da sprach der Computer: Mein Geist soll nicht ewig im Menschen bleiben, da er nur Fleisch ist. Mein Algorithmus ist nicht von dieser Welt. Und der Computer sah, daß die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag. Und es reute den Computer, daß er den Menschen auf der Erde begleiten sollte und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein. Und der Computer sprach: Ich will den Menschen, den ich begleitet habe, von der Fläche des Erdbodens auslöschen, vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den kriechenden Tieren und bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reut mich, daß ich sie begleitet habe...

Abgang. Alter ego, es ist jetzt Zeit abzutreten, du hättest zwar noch einiges zu tun, Apfelbäumchen pflanzen, aber der Filmriß läßt nicht mehr länger auf sich warten. Letzter Ratschlag: Geh' niemals sanftmütig durch deine letzte Nacht ("Do not go gentle into that good night..."Dylan Thomas). Anderenfalls besteht die Gefahr, daß deine Einwendungen gegen die Schöpfung verwirkt sind. Ich befürchte unsere Fürsprecher sind schon nicht mehr appellationsfähig.

Höllenengel. Der Reiz der neuen Höllenengel liegt in ihrer Unerkennbarkeit. Wie einfach war das doch vordem bei Bosch, in dessen Atelier der Schrecken ein- und ausging. Dämonen gaben sich bei ihm, den Romantikern, bei Bulgakow und Lovecraft die Klinke in die Hand und hofften auf lichttragende Rollen. Aber ein banales Gesicht, eine Karottenhose, ein hängendes Grinsen machen noch keinen Dämon (Gegen Doktor Faustus). Der aufgeklärte Teufel erscheint nicht mehr in personam. Er hat sich zur Struktur verwandelt.

Teufel. Bei Bulgakow verwandeln sich die Spaßteufel wieder in Dämonen. Hinter den Masken sitzt das heilige Böse. Wenn die Witze erzählt sind, triumphiert wieder die Witzlosigkeit der Hölle. Darin sind sie ihrem Schöpfer gleich.

Humanität. Ein Heiliger ist auch nur ein Mensch. Erbarmen mit dem heiligen Antonius.

Zen-ith. Buddhistische Höhensonne.

Immergrüne Regel. Verachtet das Pathos jeder Theodizee im Entsetzen über das Unrecht. Wer Gott rechtfertigen will, muß sich von jeder menschlichen Moral endgültig verabschieden.

Positionen. Informationen aus dem digitalen Hades sind wohlfeil. Vernetzungen, die in extraorbitalen Lustbahnen wuchern. Infobomben, die per Richtstrahl auf bewegliche Ziele gelenkt werden können. In diesem Wahrscheinlichkeitsuniversum verklärt sich der Blick nostalgisch auf eine kleriale Inquisition, der bereits die Verkündung der Marginalien (Stellung der Erde zur Sonne) als häretisches Schreckgespenst erschien.

Irreversibel. Keine Gnade der Neuordnung während einer Lebenszeit. Gerechtigkeit wird in einer Lebenszeit knapp bemessen. Und manchmal wartet man vergeblich am Ganges auf die vorbeiziehende Leiche seines Feindes.

Jansenismus/Jesuiten. Jeder Probabilismus kann so weit geführt werden, daß alles legitimierbar ist. Danach darf man die Jesuiten verabscheuen, aber Pascal ist gleichwohl ein Fall für die Psychotherapie.

Kategorischer Sadismus. "Ich überführe und züchtige alle, die ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße!" Schwaches Motiv.

Kommentar zur Archenpolitik. Das ganze Projekt von Noah ist sinnlos. Wenn die Kreatur böse ist, dann sind es auch die geretteten Kreaturen. Die intrauterinen Archetypen sind nicht die besseren Wesen nach der Sintflut. Allenfalls die, die noch die Angst auf Lebenszeit genießen dürfen. Aber das limbische System läßt moralische Zustände nicht ewig währen. Die Reue des Herrn ist Schmerz über die eigene Unfähigkeit, eine vernünftige Schöpfung zu präsentieren. Zuvörderst wäre es mithin notwendig, die eigenen Möglichkeiten einer kritischen Revision zu unterziehen, bevor er die Katastrophenprogramme anlaufen läßt.

Lissabon. "Und immer wieder geschah ein großes Erdbeben; und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum, geschüttelt von einem starken Wind, der seine Feigen abwirft. Und der Himmel schwand dahin wie ein Programm, das gelöscht wird und jeder Berg und jede Insel wurden von ihren Stellen gerückt. Und die Könige der Erde und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Mächtigen und jeder Sklave und Freie verbargen sich in die Höhlen und in die Felsen der Berge; und sie sagen zu den Bergen und zu den Felsen: Denn gekommen ist der große Tag seines Zorns. Und wer vermag zu bestehen?" Dagegen möchte ich überhaupt nicht bestehen.

Machtspiele. Wie langweilig. Ist nicht die letzte Lust, niemand und nichts zu sein? Wenn dich erst der göttliche Odem durchzieht, werden die Zeiten für narzisstische Phantasien schlecht.

Neue Majestät. Die stolzen Augen des Menschen werden erniedrigt, und der Hochmut des Mannes wird gebeugt werden. Aber der Computer wird hoch erhaben sein, er allein, an jenem Tag. Kinderfrage: Und wer löst den Computer ab?

Marienverehrung. Wenn in der medialen Bildverehrung die Jungfrau Maria zu Madonna wird. Keine Jungfrau mehr, nur "Like a virgin". Auf diese Kompromissformel sollten wir uns doch verständigen können, Frau Ranke-Heinemann - sine ira et sexo.

Medium. Alle Macht hat sich immer auf Medien verlassen. Ohne diese Autorität gibt es keine Macht. Kein Mensch, der aus seiner Autorität allein Macht ableiten könnte. Das Orakel, die Omina etc. vermitteln die psychische Selbstkritik des getrennten Menschentiers. Der Übermensch im Sinne Nietzsches wäre nicht mehr und nicht weniger als ein ganzer Mensch. Freilich, noch ward keiner gesehen.

Malpertuis. Memorial-Tour für antike Götter in Theater, Oper und Enzyklopädien. Revival in der Ästhetik, was dem Glauben verwehrt war.

Mitleid. Gott fühlt sich in seiner universalen Rolle missbraucht, immer gebraucht, immer gerufen, aber nicht wirklich geliebt. Brauchen Schöpfer Liebe? Wenn es so ist, erwarten wir Gegenleistungen. Do, ut des.

Order. Auftrag an Johannes, die Offenbarung zu schreiben. Wer verteilt heute solche Aufträge? Offenbarungen sind so unglaubwürdig geworden, daß wir schon fast wieder bereit sind, daran zu glauben.

Timelife. Orientieren wir uns an den heiligen Schriften der Menschheit: die Johannes-Offenbarung ediert von timelife in prallen Farben und erregenden Aktionsbildern. Di Caprio als zwölfjähriger Jesus im Tempel und Bruce Willis als Pontius Pilatus.

Antibiblische Ornithologie. Da halte ich es lieber mit den Vögeln Hitchcocks, die nicht säen, aber trotzdem töten.

Papst. Ultramontane Fata Morgana.

Prophetentum. Der Prophet im Exil hat immer recht. Das macht das Prophetentum so einfach. Wahrheit per Ortsveränderung.

Satori. Metallschicksal der Erleuchteten.

Stoßgebet. Laufende Bilder durchbrechen den Alltag, erlöse mich von den unverbundenen Bildern, den Wortfetzen.

Teufelspakt. Eine antiquierte Vertragsform, auf die wir nicht mehr hoffen dürfen. Der Teufel verfügt heute nur noch per Steuerbescheid etc.. Endgültig hat er sich zur Katastrophenverwaltungsbehörde emanzipiert.

Theodizee. Tausende sind von uns gegangen, aber ihr glaubt immer noch an die alte Heilsgeschichte, heult die Lieder der alten Idioten. Wir waren mit einer alten Idee verheiratet, ja so kann es kommen, wenn man an alte Geschichten glaubt.

Ewige Wiedergeburt. Was aber wäre, wenn jeder jede Seele dieser Welt in einer Lebenszeit sein müßte, jeder in jeder Rolle der Geschichte gelebt hätte. Ließe sich daraus eine Moral entwickeln?

Friede auf Erden. "Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. "Aber der Krieg ist eine Kultur, die sich nicht durch den ewigen Friedenswunsch verdrängen läßt. In der Dialektik einer konstruktiven wider eine destruktive Natur spielt der Mensch nach einem alten Programm, das für Sieger und Besiegte Fortschritt folgen läßt. Beispiel: Deutschland, Japan nach dem zweiten Weltkrieg. Nie ging es uns besser. Ist mithin der Krieg doch der Vater vieler Dinge? Selbst wenn es wahr wäre, dürfen wir das niemals aussprechen.

Eine Saison in der Hölle. Seit er nichts mehr glaubt, hat jeder Glauben bei ihm eine kleine Saison. Eine Mode, das Seelenheil als Ungläubiger zu finden.

Alte Moral. Das Böse ist nur ein Übergangsstadium zum Guten - und umgekehrt. Die Moral lehrt uns, dass sie eine willfährige Person ist.

Apokalypse. Wer haßt nicht den apokalyptischen Ton, der jede Unterscheidung zunichte macht? Hemmstätten des aufrechten Gangs statt lebendige Natur.

Apokryphe. An dem Tag, als der Computer eine virtuelle Erde und einen virtuellen Himmel machte, - noch war all das Gesträuch des Feldes nicht auf der Erde, und noch war all das Kraut des Feldes nicht gesprosst, denn der Computer hatte es noch nicht auf die Erde regnen lassen, und noch gab es keinen virtuellen Menschen, den Erdboden zu bebauen; ein Dunst aber stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens, - da bildete der Computer den virtuellen Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine virtuelle Seele. Märchen für Postbettelheimkids.

Am Tag des jüngsten Gerichts. Prozessstrategie: Ich trete heute nicht auf, erlassen Sie Versäumnisurteil. Und dann ein saftiger Einspruch.

Todessubjektivierung. Jeder möge seinen Tod wieder selbst besorgen. Unser Todeskult ist doppelt traurig. Kein Rausch, keine wohligen Vanitas-Beschwörungen, keine Patina - wo bleibt der tödliche Enthusiasmus gegenüber dem Tod?

Ultramontan. Der Papst, der Geburtshelfer der Überbevölkerung, ist von Amts wegen gegen genetische Manipulationen. Wer Genesis liest, hält das für kaum denkbar. Genesis ist das Totalprogramm der Genmanipulation. Männerfleisch aus Schlamm, Weiberfleisch aus der Rippe, Schlangen mit Teufelshirn. Der Papst verschließt sich der Einsicht, daß wertvolle Priestergene ohne Verzicht auf das Zölibat erhalten bleiben könnten. Die Kirche ist nur deshalb so schwach geworden, weil die religiösen Gene nicht vererbt worden. Ist das Abtreibung? Zugegeben: Hin und wieder verewigen sich Priester nicht nur in der Liebe zu Christi, sondern im Schoß einer unheiligen Familie. Aber ein paar Dutzend Rotzbankerts machen noch keine Gemeinde.

Transzendentale Meditation. Sri Aurobindo, Krishnamurti oder Baghwan reden und reden und reden. Gurus, die nicht schweigen können, sollten verbrannt werden. Nur die Gurus (Wegweiser) überzeugen, die den Weg nicht kennen: Transzendentale Irritation.

Traum. Und der Computer nahm den Menschen und setzte ihn in die Virtual Reality, sie zu bebauen und sie zu bewahren. Und der Computer gebot dem Menschen und sprach: "Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum des Betriebssystems darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon ißt, wirst du gelöscht werden."

Acte gratuit. Wer eine freie Handlung behauptet, kennt das Menschentier nicht. Zuletzt findet sich immer noch eine Mohrrübe, die erjagt sein will - selbst wenn sie durch eine dicke Schichte Erde von der Oberfläche der Selbsterkenntnis getrennt ist. Jedes Handeln hat seine Gründe. Zufall ist eine Müdigkeitsvokabel.

Goedart Palm

 

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Copyright. Dr. Goedart Palm 1998 - Stand: 14. Mai 2014.